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Transkript · Geschichte Afrikas · Teil 5

Zentralafrika — Transkript

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0:00:01Sergio, ich beginne mit den Grußworten. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge, wollte ich sagen, zu einem neuen Teil der Akademie der Vernunft. Und heute haben wir schon Teil 5, Geschichte des afrikanischen Kontinents. Der Untertitel ist jenseits der Klischees, das wahre kulturelle Gesicht Zentralafrikas. Ich freue mich mit dir zusammen, Sergio, auf diese Seite. Und falls jemand noch eine gedruckte Ausgabe braucht, ich habe noch eine auf Deutsch.

0:00:45Dort hinten leider schon vergeben für die Dame. Sergio, let's go. Ja. Also, auch meinerseits sehr schön, euch nach langer Zeit wieder zu treffen. Es sind doch ein paar Tage dazwischen gewesen. Das ist aber nicht unser schlechter Wille, sondern die heidnischen Gebräuchen der Fasnacht haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und es war hier einfach nicht frei und somit haben wir es verschoben. Wir werden dafür dann im April und Mai den verlorenen Monat, mit drei Vorträgen, wieder aufholen. Ich habe vorher zu Mehmet gesagt, der Abend ist schon länger programmiert, aber er ist etwas aktueller geworden, weil vor zwei Tagen hat die belgische Staatsanwaltschaft den Diplomaten in einem Prozess gestartet. Er ist hineingezogen, der damals Patrice Lumumba entführt und Geheimdiensten ausgeliefert hat,

0:02:14die ihn dann getötet haben. Patrice Lumumba war der erste demokratisch gewählte Präsident von Kongo und wir werden ihm heute Abend begegnen. Es ist aber nicht so, dass unser Vorhaben dazu beigetragen hat, dass man den Diplomaten jetzt einen Prozess macht. Also, es ist relativ aktuell. Aber wir fangen, glaube ich, am besten an.

0:02:38Wie die britische Anthropologin Mary Lakey einmal sagte, als sie die fossilen Fußabdrücke von Leatoli betrachtete, ich zitiere, jeder Schritt ist eine Spur des Mutes zum Leben. Zitat Ende. Dann ist Ostafrika der erste Schritt der gesamten Menschheit und noch heute kann jeder, der genau hinschaut, in diesem Staub das Spiegelbild seines eigenen Weges sehen. Sehen oder entdecken. Es gibt jedoch einen Punkt im Herzen des afrikanischen Kontinents, an dem das Sonnenlicht zwischen hohen Blättern und feuchtem Dunst zerbricht. Dort duftet die Luft nach Harz und Regen und jedes Geräusch, der Ruf eines Vogels, das Rascheln einer Liane, scheint Teil einer alten Sprache zu sein, die von den Menschen vergessen wurde, aber nicht von der Erde. Es ist das Kongo-Becken,

0:03:47der zweitgrößte Regenwald der Welt, die geheime Lunge Zentralafrikas. In diesem riesigen Gebiet, das sich zwischen Kamerun, dem Kongo, der Demokratischen Republik Kongo, Gabun und der Zentralafrikanischen Republik erstreckt, ist die Geschichte nicht nur in Steinen oder Königreichen geschrieben, sondern auch in Beutelsheim, in Bäumen, Flüssen und Gesängen. Anthropologen erinnern gerne daran, dass in Zentralafrika die Natur Geschichte ist. Sie ist nicht nur eine einfache Kulisse, vor der sich die Ereignisse abspielen, sondern ein lebendiges Gewebe, in dem jede Gemeinschaft, jedes Dorf, jeder Einzelne seinen eigenen Rhythmus und sein eigenes Maß führt. Hier, wo sich die Flüsse wie Adern eines uralten Körpers verflechten, fanden die Bantu-Völker, die vor Jahrhunderte vom Golf von Guinea aufgebrochen waren, ihr Gleichgewicht. Es waren keine Entdecker auf der Suche nach unbesiedeltem Land,

0:05:09sondern Familien, Clans und Gemeinschaften auf Wanderschaft, die Samen, Werkzeuge und Mythen mitbrachten und die Landschaft mit Respekt und Wissen pflegten. So entstanden Welten aus Dörfern und den Ufern der Flüsse, aus Feldern mit Maniok und Jamswurzeln, aus gemeinsamer Jagd und Märkten, auf denen Waren, Geschichten und Lieder zusammenfanden. In diesen dichten Wäldern lebt heute eine der faszinierendsten Manifestationen der menschlichen Intelligenz, die Völker der Mbuti, Aka und Baka, welche die Europäer mit einem reduktiven und oberflächlichen Begriff als Pigmen bezeichneten. Reduktiv, weil er den Menschen nur in Zentimetern misst und dabei die Weite seines Geistes und die Tiefe seiner Kultur außer Acht lässt. Aber die Mbuti sind kleine Menschen, aber keine kleinen Menschen. Sie sind die Hüter eines außergewöhnlichen ökologischen Wissens.

0:06:35Sie leben in Symbiosen mit Bäumen, Pflanzen und Tieren und besitzen ein Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird und das die Westler erst im 20. Jahrhundert zu entdecken begannen. Der Wald ist unsere Mutter Ndura, sagten die Mbuti. Das ist keine poetische Metapher, sondern eine Lebensphilosophie, ein Handlungsprinzip, das jede alltägliche Geste bestimmt. Wenn der Wald schläft, singen sie, um ihn zu wecken. Wenn die Traurigkeit sie umgibt, singt der Wald für sie. Jedes Lebewesen, jede Pflanze, jeder Klang hat eine Bedeutung und jede menschliche Geste wird im Verhältnis zum Gleichgewicht dieses komplexen Ökosystems gemessen. Es gibt keine Trennung zwischen Menschen und Umwelt. Leben bedeutet Teilhabe, nicht Besitz. Respekt, nicht Beherrschung. Eines Tages fragte der angloamerikanische Ethnograph Colin Turnbull,

0:07:49Autor des 1961 veröffentlichten Buches The Forest People, einen älteren Mbuti, warum sie keine soliden Holzhäuser wie im Westen bauten. Der Mann lachte und in seinem Lächeln lag die Ruhe und Weisheit eines Menschen, der den Rhythmus seines Lebens kennt. Warum sollte ich mich in meiner Mutter einschließen? Turnbull verstand sofort, dass sich in diesem Satz eine ganze Weltanschauung zusammenfasste. Der Wald ist kein Objekt, das man ausbeuten kann, kein Privatbesitz, den man mit Mauern und Säunen abgrenzen kann, sondern ein lebender Organismus, zu dem man gehört. Im Wald zu leben bedeutet ein Teil davon zu sein, auf seinen Zyklen zu hören, mit den Geistern der Natur zu kommunizieren und seine unsichtbaren Grenzen zu respektieren. Das tägliche Leben der Mbuti ist ein Mosaik aus

0:08:51Gesten, Klängen und harmonischen Bewegungen. Die Frauen sammeln Wurzeln, Früchte und Samen, und bewegen sich dabei zwischen den Bäumen, ohne die Tierwelt zu stören.

0:09:17Sag ihnen bitte, dass wir nicht da sind. Das können wir alles rausschneiden, keine Sorge. Die Männer jagen mit Pfeil und Bogen, aber nicht, um wahllos zu töten. Jede Beute wird mit Bedacht ausgewählt. Jedes Tier hat eine Rolle im Netz des Lebens. Kinder lernen durch Beobachtung und Teilnahme, nicht durch Bücher oder äußere Anweisungen. Das Wissen wird verkörpert und durch Lieder, Spiele, Gesten und Erzählungen weitergegeben. Jede Familie besitzt Geschichten von Vorfahren, Mythen und Legenden, die Naturphänomene erklären, von den Regenzeiten bis zum Verhalten der Tiere. Diese ökologische Intelligenz der Waldvölker stellt den westlichen Ansatz in Frage, der Natur und Kultur, Mensch und Umwelt voneinander trennt. In Zentralafrika ist der Wald sowohl historisches als auch zeitgenössisches Gedächtnis. Er ist das Archiv jeder Migration,

0:10:23jeder Bewirtschaftung, jeder Begegnung mit anderen Bantu-Gemeinschaften, die entlang von Flüssen und Tälern unauslöschliche Spuren hinterlassen haben. Die Geschichten der Flussdörfer, der Maniok-Plantagen und der internen Handelsrouten verflechten sich mit den Mythen der Waldvölker und schaffen eine Kulturlandschaft, in der Ökologie und Gesellschaft untrennbar miteinander verbunden sind. Die Mbuti und ihre Nachbarn sind nicht nur Hüter von Pflanzen und Tieren, sondern auch Architekten subtiler Sprachen. Ihre Kommunikation umfasst Gesten, Flüstern und Lieder, welche die Jagd leiten, die Ernte koordinieren und die Harmonie der Gruppe aufrechterhalten. Es ist eine an die Umgebung angepasste Sprache, die Aufmerksamkeit, Gedächtnis und soziale Intelligenz erfordert. Jedes Lied ist ein Ruf an den Wald, jeder Schritt ein Dialog mit der unsichtbaren Welt.

0:11:28Abendländer, die es gewohnt sind, zu klassifizieren und zu kontrollieren, haben Mühe, die Tiefe dieser Beziehungen zu verstehen. Was für sie einfaches Überleben ist, ist für die Mbuti Kunst, Wissenschaft und Philosophie zugleich. Als die ersten europäischen Entdecker und Missionare in diese Regionen kamen, waren sie erstaunt. Sie schrieben von in Anführungszeichen kleinen, primitiven Menschen, die unfähig seien, die ausgeklügelten sozialen Strukturen oder den intelligenten Umgang mit natürlichen Ressourcen zu verstehen. Sie waren nicht in der Lage zu erkennen, dass die Kleinwüchsigkeit des Körpers nicht die Größe der Kultur misst. Der Wald ist für die Mbuti Aka und Baka nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihr Lehrer, Beschützer und Begleiter. Und der Mensch bewegt sich in ihm als Teil eines größeren Organismus.

0:12:42Doch wie so oft brachte die Geschichte Veränderungen mit sich. Die Ankunft von Kolonisatoren, Sklavenhändlern, und Missionaren führte zu neuen Rhythmen und neuen Wirtschaftsformen. Die Wälder wurden abgeholzt, die Handelswege neu gezogen, und das Leben der Mbuti und Baka veränderte sich unter dem Druck von außen. Dennoch lebt die Philosophie des Waldes weiter, in den Liedern, Geschichten und Erinnerungen der Alten. Jedes Mal, wenn eine Gruppe von Kindern zwischen den Bäumen herumrennt oder eine Frau Wurzeln sammelt, ohne den Boden zu beschädigen, lebt diese jahrtausendalte Weisheit weiter. Für die Mbuti Aka und Baka bedeutet das Leben im Wald ihre geringe Körpergröße anzuerkennen, ohne sich machtlos zu fühlen, am Leben teilzunehmen, ohne es zu beherrschen und die Geschichte durch die Natur selbst zu lesen.

0:13:54Diese Lehre ist nach wie vor von außerordentlicher Aktualität, insbesondere heute in einer Welt, in der die Beziehungen zwischen Menschen und der Umwelt – vernünftigerweise müsste man sagen Mitwelt – oft von Ausbeutung geprägt ist. Der Wald wird so zu einer Metapher für Gleichgewicht, Widerstandsfähigkeit und ökologischer Intelligenz. Ein Lebensmodell, das Geschichte, Kultur und Natur in einem Atemzug vereint. Wenn man entlang der Flüsse und Lichtungen Zentralafrikas wandert und den Gesängen des Waldes lauscht, versteht man, dass die Geschichte dieses Kontinents nicht nur aus Kriegen, Migrationen und Kolonisation besteht. Sie besteht aus tiefen Beziehungen, stillen Dialogen und Wissen, das durch jahrhundertlange aufmerksame Beobachtung der Natur, der Welt, weitergegeben wurde. Die Völker des Waldes erinnern uns daran, dass Wohnen nicht Besitz bedeutet,

0:15:09dass Wissen nicht Herrschaft bedeutet und dass wahre Weisheit sich an der Fähigkeit misst, in Harmonie mit der Welt zu leben, deren Teil wir sind. Und so, während die Sonne zwischen den Baumkronen untergeht und der Wind den Duft des bevorstehenden Regens herbeiträgt, singen die Mbuti weiter, wecken ihre Mutter Ndura und erinnern uns daran, dass in Zentralafrika die Natur nicht nur Kulisse der Geschichte ist, sondern Geschichte selbst. Im Herzen Zentralafrikas, wo sich der Kongo wie ein flüssiges Rückgrat schlängelt, vermischt sich die Geschichte mit dem Atem der Erde. Die großen Wälder und Kupfersavannen von Katanga, die Höhen von Upemba und die Täler von Kasai bewahren eine Vergangenheit, die nie ganz verschwunden ist. Ein Mosaik aus Königreichen, Clans, Handelswegen und Denksystemen,

0:16:16die Jahrhunderte vor der Ankunft der Europäer entstanden sind. In diesem Raum aus Wasser und Stille entstanden zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert zwei der faszinierendsten politischen und spielerischen und spirituellen Konstrukte des vorkolonialen Afrikas. Das Königreich Luba und das Königreich Lunda. Jahrhundertelang sprachen westliche Historiker von Afrika als einem Kontinent ohne Geschichte. Diese Formulierung war entweder auf eine erzwungene Unkenntnis der unerforschten Gebiete zurückzuführen oder aber bequem und instrumentell nützlich, um die Kolonialisierung zu rechtfertigen. Aber die Luba und die Lunda widerlegen mit ihren komplexen Institutionen, ihren mündlichen Überlieferungen und ihren königlichen Kosmologien dieses Vorurteil radikal. Ihre Höfe waren nicht nur Machtzentren, sondern Orte der Erinnerung. Orte, an denen Politik und Heiliges in einem raffinierten Gleichgewicht miteinander verflochten war.

0:17:28An denen Königtum, eine Form des Wissens war. Die Natur ist in diesem Zusammenhang niemals nur Kulisse. Sie ist das Fundament der Geschichte selbst. Der Upemba-See mit seinem stehenden Wasser und seinen goldenen Schilfgürteln war für die Luba das symbolische Zentrum der Welt. Ein urzeitlicher Schoß, aus dem Leben und Macht ihren Ursprung nehmen. An den Ufern dieser Seen bauten Männer und Frauen ein politisches System auf, das auf Harmonie, der rituellen Weitergabe von Wissen und der Heiligkeit des Wortes beruhte. Die Ursprünge des Luba-Königreichs liegen zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert in einem fruchtbaren und mineralreichen Gebiet, das heute Teil der Demokratischen Republik Kongo ist. Die Bantu-Völker, die in dieser Region lebten, hatten bereits soziale Systeme entwickelt, die auf Clans, Jagd, Fischerei und Landwirtschaft gründeten,

0:18:39aber erst mit der Figur von Nkongolo Mwamba, dem Roten König, begann, laut Überlieferung die erste Form der politischen Zentralisierung. Nkongolo war den Erzählungen zufolge ein mächtiger, aber arroganter Herrscher, der von gewalttätigen Leidenschaften beharrte, als er in die Welt herrscht wurde. Es war sein Nachfolger, Kalala Ilunga, der Kraft in Ordnung und Gewalt in Legitimität verwandelte. Der Legende nach trug Ilunga sein Haar zu einem schwarzen Zopfgeflochten, Symbol seiner Weisheit und seiner göttlichen Abstammung. Er vereinte die verstreuten Clans, gründete die Heilige Dynastie und schuf das erste große Luba-Reich. Aber Macht war für die Luba nie nur politischer Natur, sondern für diese Völker eine Form spiritueller Erkenntnis. Der Herrscher oder Mulopwe ist kein irdischer Monarch, sondern der Vermittler zwischen den Menschen und den Ahnengeistern.

0:19:52Seine Autorität leitet sich aus einem Prinzip namens Mulopwe ab, einer heiligen Energie, die über die Person hinausgeht und durch Initiationsrituale übertragen wird. Regieren bedeutet, das Mulopwe zu bewahren und nicht willkürlich auszuüben. Die Luba-Gesellschaft war auf raffinierte Weise organisiert. An der Spitze stand der König, umgeben von rituellen Beratern, Kleinführern und Hütern des Gedächtnisses. Politische Entscheidungen wurden von Zeremonien, Gesängen und Symbolen begleitet. Das kollektive Gedächtnis wurde einer Klasse von mündlichen Historikern anvertraut, die Mbuduye, eine weitere Variante des Griots oder des Gabai, und eben Mbuduye genannt wurden, den Meistern des Wissens. Diese Männer und Frauen waren die Archivare des Reiches. Sie kannten die Genealogien, Gesetze, Gründungsmythen und Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte, die sie durch symbolische Kodexe weitergaben, die auf Holztafeln, den Lukasa, eingriviert waren.

0:21:21Die Lukasa waren keine einfachen Gegenstände, sondern Gedächtniskarten. Jede Erhebung, jede Perle, jede Farbe stand für eine Episode, eine Abstammungslinie, ein Abkommen oder einen Krieg. Der Mbuduye las die Geschichte, indem er die Erhebungen berührte und so die schlummernden Erinnerungen der Gemeinsam weckte. Auf diese Weise war die Geschichte der Luba nie ein für allemal festgelegt, sondern wurde durch das Wort ständig neu aktualisiert. Wirtschaftlich blühte das Königreich dank des Handelns mit Kupfer, Eisen und Salz. Die Minen von Katanga gehörten zu den Kupfern, zu den reichsten Afrikas, und die Luba verstanden es, Metalle meisterhaft zu bearbeiten. Insbesondere Kupfer wurde nicht nur zu einer Handelsware, sondern auch zu einem Symbol der Macht.

0:22:35Kupferarmreife und Armbände waren königliche Insignien und die rote Farbe des Metalls erinnert an Blut und Leben. Die Macht der Luba beruhte auf einem Gleichgewicht zwischen Heiligem und Praktischem. Zwischen Symbolik und Verwaltung. Die Provinzen wurden von lokalen Häuptlingen regiert, die dem Mulopwe treu ergeben waren, aber über weitgehende Autonomie verfügten. Heiratsallianzen und Handelsnetze sicherten den Zusammenhalt des Königreichs. Der Erfolg der Luba beruhte nicht nur auf militärische Stärke, sondern auch auf ihre politische Fähigkeit zur Vermittlung und Integration. Wenn die Luba die Matrix darstellen, so sind die Lunda ihre expansives Erbe. Das Königreich Lunda entstand im 17. Jahrhundert weiter südwestlich, in der Region zwischen dem heutigen Kongo, Angola und Sambia. Der Legende nach ist seine Gründung mit Mwand Yaf verbunden,

0:23:49einem Prinzen aus dem Geschlecht der Luba, der seine Heimat verließ, das Mulopwe, das Heilige Königtum, mitnahm und ein neues Reich gründete.

0:24:04Aus dieser mythischen Genealogie leitet sich die enge spirituelle Verwandtschaft zwischen den beiden Königreichen ab, die von Historikern oft als Luba-Lunda-Komplex bezeichnet werden. Im Gegensatz zum Luba-Königreich war das Lunda-Königreich ausgesprochen expansionistisch und konföderalistisch. Seine Stärke lag in der Fähigkeit, verschiedene Völker in ein Bündnissystem zu integrieren, das auf Gegenseitigkeit und Respekt vor den lokalen Autoritäten beruhte. Der Herrscher, ebenfalls Mwand Yaf genannt, war der Garant dieser Harmonie. Er übte keine direkte Herrschaft aus, sondern verbreitete ein politisches und kulturelles Modell, das an die verschiedenen Regionen angepasst werden konnte. So dehnte sich die Macht der Lunda im Laufe der Jahrhunderte, über ein riesiges Gebiet aus, von Angola bis Kasai, von Katanga bis zur Grenze zu Sambia. Das Herzstück des Königreichs war die Hauptstadt Musumba,

0:25:13eine Stadt, die nach rituellen und kosmologischen Prinzipien organisiert war. Der Königspalast befand sich im Zentrum eines Komplexes aus Höfen, Einfriedungen und Hütten, welche die Struktur des Universums widerspiegelten. Jeder Raum hatte eine Bedeutung, jede Richtung entsprach einer kosmischen Kraft. Das Königtum der Lunda war von mächtigen Symbolen umgeben, der Speer als Emblem der Gerechtigkeit, die königliche Trommel als Stimme des Volkes und die von den östlichen Handelsrouten importierten Glasperlen als Zeichen des Prestiges. Die politische Macht wurde mit einer hochrangigen weiblichen Figur geteilt, der Rainha Nuei, die als Mutter des Königreichs in Erinnerung geblieben ist. Nuei ist in der Überlieferung die Frau, die sich bereit erklärte, ihre Familie mit der eines ausländischen Luba-Prinzen zu vereinen und so die Lunda-Dynastie zu gründen.

0:26:20Dieser Mythos der Vereinigung zwischen Mann und Frau, zwischen Innen und Außen, zwischen Macht und Vermittlung ist eine der Grundlagen des politischen Denkens der Lunda. Der König und die Königin repräsentieren die beiden Polaritäten des Kosmos, männlich und weiblich, Autorität und Mitgefühl, vereint in einem dynamischen Gleichgewicht. Aus wirtschaftlicher Sicht kontrollierten die Lunda die internen Handelswege Zentralafrikas, insbesondere diejenigen, welche die Minen von Katanga mit den Ebenen Angolas und der Atlantikküste verbanden. Über Zwischenhändler handelten sie mit Kupfer, Elfenbein, Stoffen und Sklaven. Im Gegensatz zu anderen afrikanischen Königreichen gründete das System der Lunda jedoch nicht auf ständigen Kriegen. Diplomatie und Handel wurden der gewaltsamen Eroberung vorgezogen. Das Netzwerk von fast allen Staaten und Verbündeten wie Kazembe, Kasanje, Ruund und andere

0:27:26funktionierte wie ein komplexes, aber flexibles politisches Gebilde, das sich an Logiken, lokale Gegebenheiten anpassen konnte. Sowohl bei den Luba als auch bei den Lunda war das Königtum keine Erbfolge im westlichen Sinne. Es war ein verkörpertes, heiliges Prinzip, das Vorbereitung, Initiation und spirituelle Anerkennung erforderte.

0:27:56Der König besaß die Macht nicht, sondern bewahrte sie und das tat er durch ein Netz von Symbolen und Ritualen. Die das gesamte Königreich verbanden. Die Königszeremonien waren kosmische Momente. Der König erhielt Embleme wie die heilige Trommel, den Speer, die Kupferkrone und das Leopardenfell. Jede Geste, jede Farbe, jedes Wort, das Verb des Rituals gesprochen wurde, war voller Bedeutung. Insbesondere der Leopard war das Symbol der Königswürde. Als stilles und mächtiges Raubtier verkörperte er die Energie des Herrschers, der beobachtet und mit Maß handelt. Die Lubaskulturen, die noch heute in Museen auf der ganzen Welt zu sehen sind, zeigen Könige und Königinnen mit geschlossenen Augen. Ausdruck von Introspektion und Weisheit. Sie blicken nicht nach außen, sondern nach innen. Es ist das perfekte Bild einer Macht,

0:29:19die aus innerem Wissen stammt, nicht aus militärischer Stärke. Der Körper des Königs selbst war heilig. Er durfte ohne Ritual nicht berührt werden. Unter bestimmten Umständen durfte man ihn nicht sehen. Nach seinem Tod lebte sein Geist im Körper seines Nachfolgers weiter. In einer Kette symbolischer Reinkarnation. Die Kontinuität der Macht wurde nicht durch die Genealogie gewährleistet, sondern durch die Weitergabe des Bulopwe, der königlichen Energie. Dieses Konzept, ähnlich dem polynesischen Mana oder dem islamischen Baraka, ist einer der Schlüssel zur politischen Philosophie der Bantu. Macht ist kein Eigentum, sondern eine Kraft, die Zeit und Individuen durchdreht. Die Welt der Luba-Lunda ist auch einer der größten künstlerischen Zivilisationen Afrikas. Die Holz- und Elfenbeinschnitzereien, zeremonielle Masken, rituelle Schalen und geschnitzte Thronen

0:30:42waren keine einfachen Dekorationen, sondern Instrumente des Wissens. Jedes Objekt hat eine Seele, eine Bedeutung, eine bestimmte Funktion, in den Ritualen des Hofes und im Ahnenkult. Die Lunda ihrerseits entwickelten eine raffinierte königliche Kunst aus Ornamenten, Metallgegenständen, geschnitzten Trommeln und zeremoniellen Stoffen. Jedes Symbol stand für Kontinuität, gerade Linien für die Gerechtigkeit, die Farbe Rot für die Lebendigkeit. Die Künste des Wortes, Poesie, Gesang, Sprichwörter waren politische Instrumente. Ein König, der gut reden konnte, galt als den Geistern nahestehend. Rhetorik war eine Form der Magie. Ab dem 18. Jahrhundert kamen die Königreiche der Luba und Lunda zunehmend mit den globalen Handelswegen in Kontakt. Kupfer und Elfenbein zogen portugiesische und arabische Händler und später auch andere europäische Entdecker an. Dieser Handel brachte Wohlstand, aber auch Spannungen mit sich.

0:32:07Interne Kriege, der Wettbewerb zwischen Thronfolgen und der Druck des Sklavenhandels schwächten das Luba-Lunda-System zunehmend. Ende des 19. Jahrhunderts veränderte die Ankunft der belgischen und portugiesischen Kolonisatoren die politische Landschaft der Region radikal. Die Heiligen Könige wurden zu lokalen Führern, in Anführungszeichen, degradiert, die rituellen Systeme wurden abgeschafft und das Königtum wurde zu einer Erinnerung. Aber die Erinnerung starb nicht. In den Liedern, Sprichwörtern und Zeremonien, die noch heute in den Provinzen Katanga und Kasai gefeiert werden, lebt die Sprache der Bulopwe weiter. Mündliche Historiker rezitieren weiterhin die Genealogien der Mulopwe und Mwandjav, als ob die Zeit nie wirklich vergangen wäre. Das Erbe der Königreiche Luba und Lunda ist noch immer sichtbar in den Führungsmodellen der gemeinschaftlichen Weisheit und der relationalen Vorstellung von Macht,

0:33:16die viele Gesellschaften im heutigen Zentralafrika prägen. Wenn man heute auf die Königreiche Luba und Lunda blickt, entdeckt man eine afrikanische Form der Moderne wieder. Nicht die technische Modernität, sondern die des Intellekts, des Wortes, der Erinnerung. Sie zeigen uns, dass Politik auch Poesie sein kann, dass Macht auf Wissen und Symbolen beruhen kann, dass Geschichte leben kann, ohne geschrieben zu werden. In einer Zeit ökologischer Verwirrung und Identitätskrisen ist ihre Botschaft überraschend aktuell. Macht ist nicht Herrschaft, sondern Beziehung. Erinnerung ist nicht Vergangenheit, sondern Atem der Gegenwart. Die Luba und die Lunda haben keine Pyramiden oder Steinimperien gebaut, sondern Gedankenarchitekturen, Symbolsysteme, Sprachen der Körper und der Seele. In ihrer Weltanschauung ist die menschliche Gesellschaft Teil einer größeren kosmischen Ordnung,

0:34:26in der Mensch, Natur und Vorfahren in einem Kreislauf der Gegenseitigkeit zusammenleben. Das ist ihre Vision. Zugleich ethisch und ästhetisch ist vielleicht das größte Erbe, das sie uns hinterlassen haben. Eine afrikanische Philosophie der Erinnerung und Harmonie. Weiter westlich, in Richtung Atlantik, wurde Zentralafrika bald Teil des internationalen Handels. Die Königreiche Kongo, Loango und Ngoyo kontrollierten den Handel mit Kupfer, Salz, Elfenbein und tragischerweise auch mit Sklaven. Das Königreich Kongo, das im 13. Jahrhundert entstand und von einer Dynastie regiert wurde, die sich als Nachkommen von Flussgeistern bezeichnete, war ein gut organisierter und verwalteter Staat. Die Hauptstadt Mbanza-Kongo, heute in Angola, war ein Zentrum der Kultur und Religion. Als der Portugiese Diogo Cao 1483 dort ankam, traf er auf einen König,

0:35:40Nzinga a Nkowu, der zum Dialog bereit war. Kurz darauf ließ sich der Herrscher unter dem Namen Joao I. taufen und leitete damit ein einzigartiges Experiment des afrikanischen Christentums ein. Sein Nachfolger Afonso I., auch Nzinga Mbempa genannt, versuchte das Evangelium mit den lokalen Traditionen zu verbinden. Aber die Beziehung zu den Portugiesen artete bald in Ausbeutung und Sklavenhandel aus. Afonso schrieb eindringliche Briefe an den König von Portugal und forderte ihn auf, den Sklavenhandel zu beenden. Jeden Tag werden meine Kinder wie Tiere verkauft, klagte er. Seine Worte, die 1526 in Lissabon eintrafen, sind einer der ersten Akte afrikanischer Diplomatie, die in die Geschichte eingegangen sind.

0:36:40Trotzdem hielt das Königreich Kongo jahrhundertelang stand und bewahrte eine starke kulturelle und künstlerische Identität. Die Kruzifixe des Kongo aus Bronze oder Holz sind ein perfektes Beispiel für Synkretismus. Christus erscheint mit afrikanischen Gesichtszügen und dem Zeichen des Kreuzes. Das mit dem kosmischen Bantu-Symbol, dem Dikenga, verschmilzt. Welches die vier Momente des Lebens, Geburt, Reife, Tod und Wiedergeburt darstellt. In ganz Zentralafrika ist die traditionelle Religion kein geschlossenes Dogmensystem, sondern eine Sprache, um das Leben zu erklären. Die Geister der Vorfahren, Bakulu genannt, die Kräfte der Natur, die heiligen Symbole des Feuers und des Wassers, bilden ein integriertes Universum. Der Mensch ist ein Übergangspunkt zwischen sichtbaren und unsichtbaren Welten. Eines der faszinierendsten Konzepte ist das Nkisi oder seine Pluralform Minkisi.

0:38:00Dabei handelt es sich um heilige Gegenstände, oft Holzstatuen oder Gefäße, die spirituelle Kräfte enthalten. Die Nganga, rituelle Spezialisten, aktivieren den Nkisi, indem sie Kräuter, Muscheln, Knochen oder Zellen, oder Nägel hineinlegen. Für die europäischen Missionare des 19. Jahrhunderts waren diese Figuren Götzen oder Fetische. Aber für moderne Anthropologen, wie den US-Amerikaner Wyatt McGaffey, stellen sie eine komplexe Form des Glaubens dar. Eine Möglichkeit, moralische und soziale Energien zu kanalisieren. So ist beispielsweise die Statue des Nkisi Nkondi, mit denen in seinem Körper eingeschlagen wird, in seinen Nägeln, keine Figur des Fluchs, sondern der Gerechtigkeit. Jeder Nagel ist ein Schwur oder ein gelöster Konflikt. Ein heiliger Vertrag. Das Objekt wird zu einem Archiv menschlicher Beziehungen, zu einem lebenden Register der Gemeinschaft,

0:39:13wie der US-amerikanische Kunsthistoriker Robert Ferris Thompson schrieb. In Musik und Tanz manifestiert sich der Geist des Waldes auch heute noch. Die polyrhythmischen Perkussionsinstrumente, die aus Wechselgesang bestehenden Höre und die Kreisdänse des Kongo, haben durch die Diaspora die Rumba des Kongo beeinflusst, die in die kubanische Rumba und später in den modernen Soukous überging. Dies ist ein Beispiel dafür, wie Zentralafrika still und leise zur globalen Kultur beigetragen hat, auch wenn die Welt nicht zuhören wollte. Machen wir doch eine kleine Pause. Pause. Ihr verzeiht, wenn ich so pünktlich bin. Ich schlage vor fünf ab. Herzlich willkommen nach der Pause. Ich freue mich auf Teil zwei. Im 19. Jahrhundert wurde Zentralafrika zum Schauplatz eines der komplexesten Abenteuer und Tragödien der modernen Geschichte.

0:40:22Europäische Entdecker, getrieben von wissenschaftlicher Neugier und imperialen Ambitionen, drangen in das in Anführungszeichen dunkle Herz des Kontinents vor. Der berühmteste unter ihnen war Henry Morton Stanley, der 1877 im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. die Durchquerung des Kongo vollendete und damit den Weg für die belgische Kolonialisierung ebnete. Stanley war ein ebenso skrupelloser wie genialer Mann, der in der Lage war, mit derselben Geste zu kartografieren und zu zerstören. In seinen Tagebüchern sprach er vom Kongo als »einer jungfräulichen Wildnis, die es zu besitzen gilt«, eine Sprache, welche die Eroberungsmentalität der damaligen Zeit verrät. Man kann mit voller historischer Legitimität behaupten, dass Leopold II. von Belgien sich entscheidend auf die Daten, Berichte und Erkundungen von Henry Morton Stanley stützte,

0:41:33um die Eroberung und Ausbeutung Zentralafrikas zu planen und durchzuführen. Insbesondere der Region, die später zum Kongo-Freistaat, Kongo Free State wurde, ging in sein persönliches Eigentum von 1885 bis 1908 ein. Seit den 1860er-Jahren hegte Leopold II. eine persönliche Obsession für den Aufbau eines Kolonialreichs. Da er überzeugt war, dass dies der Weg sei, »um dem kleinen Belgien einen Platz an der Sonne unter den europäischen Mächten zu verschaffen.« Da er jedoch weder über eine Kolonialmarine noch über eine imperiale Tradition verfügte, befand sich Leopold in einer schwachen Position. Was er brauchte, war eine zuverlässige Quelle für geografisches und strategisches Wissen, die es ihm ermöglichte, ein noch »freies Gebiet« zu finden. Also noch nicht unter der direkten Kontrolle von Mächten wie Frankreich oder Großbritannien stand

0:42:41und eine glaubwürdige Persönlichkeit mit internationalem Ruf, die als Vermittler zu den politischen und wissenschaftlichen Eliten Europas fungieren konnte. Und hier kommt Henry Morton Stanley ins Spiel. Der naturalisierte US-Amerikaner walisischer Herkunft war bereits für seine Expeditionen in Afrika bekannt. Im Jahr 1871 hatte er »David Livingston wiedergefunden«, eine Episode, die wir bereits erwähnt haben und die ihm weltweiten Ruhm einbrachte. Zwischen 1874 und 1877 vollbrachte er eine der bedeutendsten geografischen Leistungen des 19. Jahrhunderts, die Durchquerung Zentralafrikas von Ost nach West, bei der er den Verlauf des Kongo, damals den Europäern unbekannt, dokumentierte und nachwies, dass dieser kein Nebenfluss des Nils war, sondern ein riesiges eigenständiges Becken, das in den Atlantik mündete. Während dieser Reise sammelte Stanley eine beeindruckende Menge an kartografischen und hydrographischen Daten,

0:44:03Länge, Durchflussmengen, Nebenflüsse, Schiffbarkeit des Nils, ethnografische Daten, Beschreibung der Völker, Sprachen und sozialen Strukturen, wirtschaftlichen Daten, Reichtum des Equatorialwaldes, Elfenbeinressourcen und landwirtschaftliches Potenzial und strategische Daten, Standorte für Stützpunkte und Handelsstationen, mögliche interne Verbindungswege.

0:44:34Als er 1878 sein Buch »Through the Dark Continent« veröffentlichte, hatte das Werk einen enormen Einfluss auf die europäische Vorstellungswelt, aber auch unmittelbar politische Auswirkungen, da es eine detaillierte Karte eines riesigen, potenziell sehr reichen und scheinbar in Anführungszeichen »leeren« Gebiets ohne europäische Souveränität lieferte. Wie ein Schatten, der sich aus der Vergangenheit ausbreitet, ragt der Freistaat Kongo, im kollektiven historischen Gedächtnis, als eines der düstersten Übel des europäischen Kolonialismus hervor. In seinen Tagebüchern sprach er vom Kongo als, ich zitiere, »einer jungfräulichen Wildnis, die es zu besitzen gilt« – Ismail hat das schon vorher angedeutet – »eine Sprache, welche die Eroberungsmentalität« – das ist falsch, Entschuldigung –

0:45:47ich habe die Seite verwechselt.

0:45:51Das ehrgeizige und verächtliche Projekt von Leopold II., König der Belgier, verwandelte reißende Flüsse und unberührte Wälder in Korridore des Blutes und Orte der Verzweiflung. Es verwandelte Männer, Frauen und Kinder in Sklaven, in Ressourcen, in Zahlen, die es auszubeuten galt. Die Geschichte ist bekannt, aber vielleicht nicht genug in ihrer Grausamkeit. In ihrer Systematik. Nicht als Folklore oder Rhetorik, sondern als brutale, reale Tatsache mit ihren Opfern aus Fleisch und Blut. Im Zentrum des Wettlaufs um Afrika präsentiert sich Leopold II. als Wohltäter, Zivilisator, Verbreiter von Fortschritt und Christentum. Er gab sich der Illusion hin und hoffte vielleicht, dass andere glaubten, seine Herrschaft im Kongo sei ein humanitäres Projekt, das von Bildung, Missionen, der Abschaffung der arabischen Sklaverei, medizinischer Versorgung und der Entwicklung der Infrastruktur bestimmt sei.

0:47:12Wenn man in der Lage ist, das Geschehen mit ausreichendem kritischem Blick zu betrachten, in dem Wissen, das oft, wie Platon es sagte, nicht so ist, wie es scheint, erkennt man von Anfang an die zwei Gründe. Die des Philanthropen, der von einer zivilisatorischen Mission spricht, und die des Raubtiers, das auf Profit ausisst und in der Vegetation, den Flüssen und den indigenen Völkern keine zu rettenden Seelen, sondern Ressourcen sieht, die es auszubeuten gilt.

0:47:531885 erhielt Leopold auf der Berliner Konferenz, auf die wir später noch näher eingehen können, die internationale Anerkennung seines afrikanischen Besitzes des Kongo-Freistaats. Ein riesiges Gebiet, in den Augen der europäischen Kolonialherren unberührt, das sofort in seinen Privatbesitz überging. Kein Staat im modernen Sinne, sondern eine Plantage von kontinentalem Ausmaß, die wie ein Privatunternehmen verwaltet wurde. Die Kontrolle wurde durch die Force publique aufgenommen. Eine administrative und militärische Armee, die sich aus europäischen Offizieren und lokalen Truppen zusammensetzte und nicht nur für die Aufrechterhaltung der Ordnung, sondern auch für die brutale Durchsetzung der Ausbeutungspolitik zuständig war. Leopold wollte Latex, Naturkautschuk, Elfenbein. Er wollte, dass immer mehr produziert wurde, immer mehr. Deshalb erlegte er den indigenen Gemeinschaften Quoten für die Kautschuk,

0:49:01die mit der steigenden weltweiten Nachfrage wuchsen. Wenn die Wälder um die Dörfer herum erschöpft waren, mussten die Bewohner immer weiter in den abgelegenen Dschungel vordringen und dabei Hunger, Krankheiten und Übergriffe riskieren. Wer die Quote nicht erreichte oder nicht genug Elfenbein produzierte, wurde bestraft. Die Strafen reichten von Verstümmelungen, Hände, Füße, über Tötungen und Brandstiftungen in den Dörfern bis hin zur Geisennahme, oft von Frauen und Kindern, um die Männer zur Arbeit zu zwingen. Die Kautschuk-Ernte wurde zum Grund für täglichen Terror. Drohungen, Diebstahl, sexuelle Gewalt, Vergewaltigung und körperliche Züchtigung waren Instrumente der Kolonialmaschinerie. Die zur Arbeit gezwungenen Menschen konnten keine Felder bestellen, nicht jagen, sich nicht um ihre Familien kümmern. Das aufgezwungene Wirtschaftssystem zerstörte die Lebensmittel, die Lebensgrundlagen, die Nahrungsmittelproduktion brach zusammen.

0:50:06Die Ernten wurden enteignet oder vernichtet. Das Land wurde aufgrund von Flucht oder Zwangsarbeit aufgegeben. Krankheiten, die zuvor toleriert werden konnten, wurden verheerend, da die Bevölkerung sehr geschwächt war. Hunger, Unterernährung, Wassermangel und mangelnde medizinische Versorgung, fehlende sanitäre Einrichtungen, die Auswirkungen von Krankheiten, Fieber, Typhus, Windpocken, Pocken und Dysenterie waren katastrophal. Viele Dörfer wurden verlassen, Familien vertrieben, die Geburtenrate brach ein. Schwangere Frauen, alleinerziehende Mütter, Kinder, die ihre Eltern nicht altern sehen konnten, zerrissene Gesellschaften. Über die Zahl der Opfer gibt es keine gesicherten Daten. Die Statistiken sind unzuverlässig, Volkszählungen gibt es nicht. Die Quellen sind lückenhaft. Doch selbst in seiner Ungenauigkeit ist die Bilanz erschreckend. Einige Historiker schätzen die Bevölkerung des Kongo 1885 bei etwa 20 Millionen.

0:51:22Bis 1908, als Leopold die Kontrolle an den belgischen Staat abgab, könnte die Bevölkerung auf etwa 10 Millionen geschrumpft sein. Wenn dem so wäre, wäre der halbe Kongo gestorben. An Hunger, Krankheiten, Gewalt. Einige Quellen sprechen von noch höheren Zahlen, aber mit geringerer Sicherheit. Sicher ist, dass es sich um eine Größenordnung von Millionen handelt, nicht um Tausende. Es ist noch umstritten, ob es richtig ist, all dies als Völkermord zu bezeichnen.

0:52:01Einige behaupten, dass dies der Fall sei, der Fall des Genozids. Da ist zu einer massiven Vernichtung der Bevölkerung, und zwar methodisch, mit Terror und mit der Absicht der systematischen Ausbeutung. Andere wenden ein, dass die Absicht nicht ausdrücklich darin bestand, eine Bevölkerung aus rassistischen Gründen auszurotten, sondern Reichtümer zu gewinnen. So interessant die semantische Debatte über Genozid, Massaker oder Ausrottung auch sein mag, das Ergebnis war in der Praxis katastrophal. Und ein weiterer Schandfleck in der Geschichte der Menschheit. Die Gewalttaten waren keine Fehler, sondern Gräueltaten. Sie waren integraler Bestandteil eines Systems. Keine Unfälle, sondern Instrumente. Man bedenke nur, dass man, wenn man jemanden erschoss, die verwendete Patronen rechtfertigen musste. Wenn es keine Leiche gab, legte man eine amputierte Hand vor.

0:53:16Eine formale Verpflichtung für die Kolonialbeamten. Sexuelle Gewalt wurde nicht nur toleriert, sondern systematisch als Mittel der Unterwerfung und Kontrolle eingesetzt. Frauen wurden als Mittel zur Repression, Gewalt, Vergewaltigung und Folterung aller Art missbraucht. Die Zerstörung von Dörfern durch Brände, Plünderungen, Diebstahl und Verwüstung der Ernte diente nicht nur zur Bestrafung, sondern auch der Einschüchterung, um deutlich zu machen, dass Widerstand Vernichtung bedeutete. Obwohl das Regime Leopolds versuchte, seine Verbrechen zu vertuschen, sickerten nach und nach Zeugenaussagen durch. Missionare, Entdecker und Handelsvertreter sahen, schrieben und prangerten an. Eines der wichtigsten Dokumente ist der Casement Report von 1904, der im Auftrag Großbritanniens verfasst wurde und Zeugenaussagen körperliche Veränderungen, Verstümmelungen, Vergewaltungen und Morde über die Missbräuche im Kongo sammelt. Dieser Bericht hatte einen starken Einfluss auf die internationale Öffentlichkeit.

0:54:36Der britische Journalist, Schriftsteller und Politiker Edmund Dean Morrill war eine weitere zentrale Figur. Er entdeckte anhand der Handelsbücher, dass die Schiffe, die in den Kongo fuhren, Militärgüter transportierten und die Besatzungen nicht mit den erwarteten Waren zurückkehrten. Etwas stimmte nicht und er startete eine internationale öffentliche Kampagne, um das wahre Gesicht des Kongo anzubringen. Die Bilder, schockierende Fotos von amputierten Händen, erschöpften Körpern, niedergebrannten Dörfern wurden als Beweise verwendet, als stumme, aber sehr aussagekräftige Zeugen. Angesichts des wachsenden internationalen Drucks der Pressekampagnen und der Proteste war König Leopold 1908 gezwungen, den Freistaat Kongo an die belgische Regierung abzutreten. Von diesem Moment an wurde der Kongo zur belgischen Kolonie und war nicht mehr Privatbesitz des Königs. Leopold starb 1909, scheinbar friedlich, umgeben von einem Nimbus der Legitimität in seiner Heimat,

0:56:00aber das Urteil der Geschichte, das bereits begonnen hatte, würde ihn nie vergessen.

0:56:09Angesichts dieser bestialischen Grausamkeiten, bitte verzeihen Sie uns diesen Ausdruck, wäre unser Treffen unvollständig und würde allen Europäern Unrecht tun, die sich persönlich und unter hohen Opfern gegen solche Tragödie befinden. Diese Persönlichkeiten, die uns heute widersprüchlich oder zumindest zweideutig erscheinen mögen, müssen von uns als Kinder ihrer Zeit, ihrer Werte und der kollektiven Vorstellungswelt, in der sie aufgewachsen sind, betrachtet werden. Unter vielen sticht die Figur von Pietro Savognon di Brasa hervor. Die Rolle von Pietro Savognon di Brasa im Kontext des kongolesischen Kolonialismus ist entscheidend, aber auch paradox. Er war das moralische und politische Gegenteil von Henry Morton Stanley und sein Name, der bis heute in der Hauptstadt Brazzaville weiterlebt, steht für ein komplexes Erbe aus Idealismus, Paternalismus und kolonialer Zweideutigkeit.

0:57:19Versuchen wir, diese Beschreibung mit größtmöglicher Klarheit und Ausgewogenheit und mit der notwendigen Tiefe zu betrachten. Pietro Savognon di Brasa wurde 1852 in Castel Gandolfo als Sohn einer Adelsfamilie friaulischer Herkunft geboren. Er studierte in Frankreich, trat in die französische Marine ein und widmete sich nach seiner Einbürgerung als Franzose der Erforschung Zentralafrikas. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen war er nicht von Ehrgeiz nach Reichtum oder militärischen Eroberungen getrieben. Er war ein Mann, der von einem humanitären und fast mystischen Ideal beseelt war. Er glaubte an die Möglichkeit eines friedlichen und in Anführungsstrichen zivilisierenden Kontakts zwischen Europa und Afrika, der auf Respekt und Zusammenarbeit beruhte. Sein oft verwendetes Motto lautete, Zitat, mit einem Wort kann man mehr erreichen als mit einer Kanonenkugel.

0:58:28Zitat Ende. Wie wir gerade gesehen haben, war Zentralafrika in den Jahren 1870 bis 1880 Schauplatz eines zunehmenden Wettbewerbs zwischen den europäischen Mächten, insbesondere zwischen Belgien und Frankreich. Während Leopold durch Stanley entlang des linken Ufers des Kongo, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, vorrückte, versuchte Frankreich, sich das rechte Ufer des Flusses zu sichern. Die heutige Republik Kongo, ehemals Französisch-Kongo. Paris brauchte also einen Entdecker, der geografische und strategische Informationen sammeln, Verträge mit den lokalen Führern abschließen und Frankreich die diplomatische Legitimität sichern konnte, um Anspruch auf das Gebiet zu erheben. Savognin de Brazza war der perfekte Mann für diese Aufgabe. Aber er interpretierte sie auf seine eigene Weise. 1875 nahm er an einer Expedition auf dem Fluss Ogoué im heutigen Gabun teil.

0:59:38Von dort aus begann er, ins Landesinnere vorzudringen und die Regionen nördlich des Kongo zu erkunden. 1880 schloss er ein grundlegendes Abkommen mit König Makoko Ilo'o I, dem ersten der Pateke, einem mächtigen lokalen Herrscher. Der Vertrag, der offenbar mit königlicher Zustimmung und Gegenrufe, gegenseitigem Einverständnis unterzeichnet wurde, stellte das Gebiet unter französisches Protektorat, im Gegenzug für das Versprechen, es vor ausländischen Übergriffen, vor allem durch Sklavenhändler, zu schützen. Auf dieser Grundlage gründete de Brazza 1880 eine kleine Station am rechten Ufer des Kongos, direkt gegenüber von Stanley am gegenüberliegenden Ufer gegründeten Station, Leopoldsville. Diese Station wurde später zu Brazzaville, der Hauptstadt des französischen Kongo. Er steht für den Kontrast zwischen Stanley und Savognin de Brazza fast gleichhaltig, aber mit zwei gegensätzlichen Welt- und Menschenbildern.

1:00:58Stanley schrieb in seinen Tagebüchern, Afrika erobert man mit dem Gewehr. Savognin de Brazza antwortete implizit, Afrika erobert man mit Vertrauen. Natürlich muss der Mythos des Humanitarismus von Brazza mit der gebotenen Vorsicht gelesen werden. Obwohl er sich entschieden gegen Brutalität aussprach, blieb er doch ein Mann seiner Zeit, überzeugt von der zivilisatorischen Mission Europas und der kulturellen Unterlegenheit der afrikanischen Völker. Aber im Vergleich zur systematischen Grausamkeit des Leopoldsregimes war Savognin de Brazza eine seltene Figur der moralischen Zurückhaltung. Nach dem Berliner Kongress erhielt Frankreich dank den Verträgen von Brazza die Kontrolle über das rechte Ufer des Kongos. Draußen stand die Kolonie Französisch-Kongo, die später von Französisch-Äquatorial-Afrika umbenannt wurde.

1:02:10Die Verwaltungshaushalte von Savognin de Brazza war eine der größten Konzerne in Frankreich. Die Hauptstadt wurde in der von Brazza gegründeten Station eingerichtet, die 1884 offiziell Brazzaville wurde. Der Name wurde aus verschiedenen Gründen beibehalten. Darunter sicherlich der Wunsch Frankreichs, das wohlwollende Image von Brazza den Gräueltaten im belgischen Kongo entgegenzusetzen, und so der Stadt Brazzaville das moralische Gütesiegel eines sanften und zentralen, zivilisierenden Kolonialismus zu verleihen. Es wäre zu kurz gegriffen, dies nur als Fassadenpolitik zu betrachten, denn mehrere traditionelle Führer behielten Brazza als einen gerechten Mann in Erinnerung, der sein Wort hielt. Und König Makoko und seine Nachkommen pflegten jahrzehntelang eine symbolische Allianz mit Frankreich im Namen dieses ursprünglichen Paktes. Als 1940 das Vichy-Paket von Frankreich in Frankreich wurde,

1:03:15unter deutscher Besatzung fiel, war Brazzaville die Hauptstadt des freien Frankreichs von De Gaulle in Afrika. In dieser Zeit wurde der Name Brazzaville zu einem Symbol für Widerstand und Würde und niemand dachte daran, ihn zu ändern. Nach der Unabhängigkeit von 1960 betrachteten viele Kongolesen Brazza nicht als Kolonisator, sondern als eine Figur des Respekts und der Vermittlung. Eine Namensänderung hätte bedeutet, ein Symbol des Zusammenlebens statt der Herrschaft zu verleugnen. Heute bleibt Brazzaville im historischen Gedächtnis Afrikas eine umstrittene, aber nicht verhasste Figur. Er wird als moralische Ausnahme des Kolonialismus oder das freundliche Gesicht des Imperialismus in Erinnerung behalten. Im Jahr 2006 haben die Republik Kongo und Frankreich seine sterblichen Überreste sogar nach Brazzaville zurückgebracht, wo ein Staatsbegräbnis und feierliche Zeremonien stattfanden.

1:04:29Eine Geste, welche die Debatte neu entfacht hat. Einige Kongolesen protestierten und forderten, dass hinter der philanthropischen Figur Brazzas auch die strukturelle Gewalt des französischen Kolonialismus anerkannt werde. Pierre Savognin de Brazza war kein Heiliger, aber auch kein Henker. Er war ein Mann, der in den Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener Wiener in den Widersprüchen seiner Zeit lebte. Ein kolonialer Idealist, ein imperialer Humanist, ein Europäer, der versuchte, in einem ungerechten System gerecht zu bleiben. Die Stadt, die seinen Namen trägt, Brazzaville, ist heute eine der wenigen in Afrika, die einen kolonialen Namen nicht aufgrund einer Auferlegung, sondern aufgrund einer gemeinsamen Erinnerung beibehalten hat. Denn in ihm haben die Kongolesen nicht das Gesicht der Eroberung, sondern das des gegebenen Wortes erkannt.

1:05:30In diesem Sinne bleibt Brazzaville ein lebendiges Denkmal für eine fragile und kostbare Idee, dass es auch in den Stürmen der Macht und des Imperialismus eine Möglichkeit gibt, den anderen nicht nur als Mittel, sondern als Gesprächspartner zu betrachten. Zentral-Afrika ist nicht nur eine geografische Region, es ist ein Gedächtnis der Welt, ein lebendiges Archiv dessen, was wir waren und was wir weiterhin sind. Hier im Herzen des Kontinents, wo der Wald im langsamen Rhythmus eines jahrtausendealten Organismus zu atmen scheint, wird Geschichte nicht in Jahrhunderten gemessen, sondern in Schichten menschlicher Präsenz. Anthropologen nennen diese Region die Wiege der Kulturen des Gleichgewichts. Gesellschaften, die seit Jahrtausenden eher in Beziehung als in Herrschaft gelebt haben. In einem Netzwerk aus Austausch, Sprachen und Symbolen, das keine Grenzen kannte, sondern nur Strömungen.

1:06:46Bevor die europäischen Karten kamen, war Zentralafrika alles andere als eine Leere. Es war ein Mosaik aus Völkern, Clans, Geschlechtern und Königreichen, von denen jedes eine kohärente Weltanschauung hatte, die in der Wechselseitigkeit zwischen Mensch und Natur verwurzelt war. Die Bantu-Kulturen, die sich vom südlichen Kamerun und dem Kongo-Becken aus verbreiteten, brachten verwandte Sprachen, landwirtschaftliche Techniken, metallurgisches Wissen und eine tiefgreifende Vorstellung vom Wort mit sich. Vom Wort als schöpferische Kraft, als Nommo, dem lebenswichtigen Prinzip der Dogon-Kultur, das die Realität ordnet. In vielen Bantu-Sprachen sind Sprechen und Sein verwandte Verben. Die Gemeinschaft wird durch das gemeinsame Wort aufgebaut. Und Macht ist in erster Linie die Macht des Wortes. Als die europäischen Entdecker mit Waffen und Verträgen kamen, brach ihr Wort starr, schriftlich, einseitig, ein altes Gleichgewicht.

1:08:00Es war der anthropologische Bruch des Dialogs. Zentralafrika erlebte den kolonialen Kontakt als kosmologischen Bruch.

1:08:13Abendländische Kategorien wie Eigentum, Nation, Souveränität, Kapital drangen in eine Welt ein, in der der Raum geteilt war. Das Land kollektiv. Und der Reichtum Beziehung war. Nicht Besitz. Französische Anthropologen wie Marcel Mauss und Georges Ballandier verstanden, dass nicht nur ein Wirtschaftssystem zerstört wurde, sondern eine Grammatik des Lebens. In Geschenken, Ritualen und Mythen bewahrte Zentralafrika eine gemeinschaftliche Logik, die das Materielle nicht vom Führungspunkt abweicht. Die Sprache nicht vom Körper und das Individuum nicht von der Gruppe trennte. Der europäische Kolonialismus brachte die Sprache des Gesetzes unter Maßstäbe mit sich und ersetzte das dialogische Wort durch das monologische Wort der Macht. Die mündlichen Kulturen wurden von Dokumenten, Dekreten und Gesetzbüchern überschwemmt, über die niemand jemals verhandeln konnte. Es war im tiefsten Sinne ein Prozess der symbolischen Enteignung.

1:09:36Doch trotz jahrhundertlanger Gewalt und Unterdrückung hörten die Gesellschaften Zentralafrikas nicht auf, sich neu zu erfinden. Es entstanden kulturelle Vermischungen. In den kreolischen Sprachen, in der Musik, in synkretistischen Ritualen, welche die Wunde in Schöpfung verwandelten. Gesang, Tanz und poetische Sprache wurden zu Feiern. In Formen des anthropologischen Widerstands. Zu Möglichkeiten, menschlich zu bleiben, als die Geschichte sie zu Zahlen reduzieren wollte. Die mündliche Überlieferung blieb das Rückgrat des Gedächtnisses. Die Griots, die Geschichtenerzähler, die Ältesten gaben nicht nur Geschichten weiter, sondern auch Beziehungsmuster. Eine Logik des Wir gegen das Wir. Die Logik des Ichs. In diesem Sinne hat Zentralafrika der Welt eine Lektion erteilt, die der Westen oft vergessen hat, nämlich dass Kultur Dialog ist, nicht Besitz. Das 20. Jahrhundert brachte politische Befreiung, aber nicht immer kulturelle.

1:10:56Die neuen Staaten, die auf anderswo gezogenen Grenzen entstanden, erbten Verwaltungs- und Sprachstrukturen, die der ursprünglichen Gemeinschaftslogik entstanden. Sie waren fremd. Brazzaville, Kinshasa, Bangui, Libreville, Städte, die als Kolonialzentren entstanden waren, wurden zu nationalen Hauptstädten, behielten aber in ihrem Namen die Zweideutigkeit der Vergangenheit bei. Und doch hat Zentralafrika in diesen Städten auch eine der stärksten kulturellen Wiedergeburten des Kontinents hervorgebracht. Die urbane Musik des Kongo. Die postkolonialen literarischen Bewegungen. Die afrikanischen anthropologischen Schulen, die das Konzept der Modernität aus afrikanischer Sicht neu interpretiert haben. Hier wurde die anthropologische Geschichte des Kongo, Gabuns, Kameruns und der Zentralafrikanischen Republik selbstbewusst. Das Bewusstsein, dass es nicht ausreicht, Institutionen zu dekolonisieren, man muss auch den Geist dekolonisieren. Wenn man heute von der Anthropologie Zentralafrikas spricht, spricht man von Resilienz.

1:12:22Die Kulturen dieser Region verlangen nicht nach einer Rückkehr zu einer idealisierten Vergangenheit, sondern nach einer Wiederbelebung der Erinnerung an den Dialog. In einer globalisierten Welt, in der Worte oft lautstark ausgesprochen werden, aber selten geteilt werden, bieten die Gesellschaften Zentralafrikas ein Modell dynamischer Relationalität. Eine Denkweise, in der Identität keine Grenze ist, sondern ein Rhythmus. Ein kontinuierlicher Austausch zwischen Menschen, Gemeinschaften und Umwelt. Neueste Forschungen von afrikanischen Philosophen wie Achille Mbembe bis Valentin Mudimbe zeigen, dass Zentralafrika in der Welt, in der Welt, in der Welt, in der Welt, in der Welt, Zentralafrika nicht mehr nur Gegenstand der Forschung ist, sondern Subjekt des Denkens, das in der Lage ist, die Beziehung zwischen Sprache, Körper und Macht auf globaler Ebene zu überdenken.

1:13:24Die anthropologische Geschichte Zentralafrikas ist kein Randkapitel, sondern das Rückgrat der Menschheitsgeschichte. Dort können wir klarer als anderswo unsere Fähigkeit oder Unfähigkeit zur Beziehung und unsere Neigung zur Unterdrückung statt zum Teilen erkennen. Es ist der Ort, an dem die Sprache entstand, um zu vereinen und wo die koloniale Gewalt sie zu einem Instrument der Herrschaft machte. Aber es ist auch der Ort, an dem das Wort noch heute versucht, wieder aufzuleben. Dass dies in den Gemeinschaftsradios des Kongo in mündlichen Bildungsprojekten und in Ritualen geschieht, welche die Moderne überdauert haben, ist nicht so entscheidend, wie die Tatsache, dass eine Stimme, die am Lagerfeuer eine Geschichte erzählt, zur Stimme der Erinnerung an den Dialog wird, der sich erneuert.

1:14:24Herzlichen Dank.

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