Start › Folgen › Geschichte Indiens, Teil 4 › Transkript
Transkript · Geschichte Indiens · Teil 4von Alexander dem Grossen bis zum Guptareich — Transkript
Automatisch erstelltes Transkript (Spracherkennung) der deutschen Tonspur — kleinere Erkennungsfehler sind möglich; massgeblich ist das gesprochene Wort. Zur Folge mit Video, Audio und Kapiteln.
0:00:00Die Akademie der Vernunft und Baruj präsentieren Die Geschichte Indiens Teil 4 Von Alexander dem Großen bis zum Gupta-Reich
0:00:14Anlässlich unserer letzten Begegnung haben wir die Geschichte und den Einfluss des Siddhartha Gautama, sprich des Buddhas, betrachtet, welcher zur Zeit des Reiches das Licht der Welt erblickte.
0:00:37Tobias hat es vorher gesagt, die Mayanapada bedeutet wörtlich großes Königreich. In Sanskrit vom Maha, sprich groß, und Yanapada, sprich Land. Die politische Struktur der alten Inder scheint mit halbnomadischen Stammeseinheiten nachzuvollziehen. Wir haben schon eine Andeutung gemacht, als wir über die Eroberung des Industals durch die Aryen betrachtet haben. Die frühesten vedischen Texte berichten von mehreren Janas oder Stämmen von Aryen, die in halbnomadischen Stammesstaaten lebten. Und sich untereinander und mit anderen nicht-arischen Stämmen um den Besitz von Vieh, Kühen und Schafen meistens, und Weideland strebten. Diese frühen vedischen Janas wurden später zu Yanapada. Der Begriff Mayanapada bezeichnet eine Periode in der indischen Geschichte zwischen dem 6. und dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, die durch das Entstehen mehrer bedeutender Königreiche gekennzeichnet war.
0:02:17In alten buddhistischen Texten wie dem Anguttara Nikaya ist häufig von 16 großen Königreichen und Republiken, sprich so las Mayanapada die Rede, die sich im Norden und Nordwesten des indischen Subkontinents vor dem Aufkommen des Buddhismus, in Indien entwickelten und entsprechend blühten. Die Mayanapada waren die 16 mächtigsten Königreiche und Republiken der damaligen Zeit, die hauptsächlich in den fruchtbaren Ebenen des Indo- und des Ganges-Flusses angesiedelt waren. Obwohl sich auch eine Reihe kleinerer Königreiche über den gesamten Subkontinent, die in der Zeit des 5. Jahrhunderts erstreckten. Im Jahr 500 v. Chr. reichten sie vom heutigen Afghanistan im Westen bis nach Bengalen und Maharashtra im Osten und umfassten Kasi, Kozala, Anga, Magadha, Vajji, Vrijji, Malla, Kedi, Vatsa, Vamsa, Kuru, Pankala, Makatsa, Matsaya,
0:03:47Suresana, Asaka, Avanti, Gandhara und Kamboja. In dieser Zeit fällt die zweite große Urbanisierung Indiens nach der von uns bereits betrachteten Harappa-Kultur des Indes. Unter diesen Mayanapadas gab es einige, in denen die Macht durch Erbfolge weitergegeben wurde. Andere Staaten hingegen? Wählten ihre eigenen Herrscher. Dieser erste Wahlmodus des Königs oder Herrscher oder Gouverneur, würde man heute auch sagen, im alten Indien, entwickelte sich zu einer embryonalen Form der Demokratie, die als Proto-Demokratie bekannt ist. Und dort, wo sie Anwendung fand, zeichnete sie sich durch eine dezentralisierte und demokratische Regierungsform aus.
0:04:58Im Zusammenhang mit dieser Proto-Demokratie gibt es mehrere Elemente zu beachten. Beginnen wir mit dem Sabha und dem Samiti, die beiden wichtigsten Gremien, die die öffentliche Angelegenheiten verwalteten. Die Sabha war eine politische Versammlung, die eine wichtige Rolle in der Regierung des Mahajanapada spielte. Ihre Gliederung setzte sich aus Ältesten, Stammesführern, Aristokraten und anderen angesehenen Personen der Gemeinschaft zusammen. Diese Mitglieder wurden aufgrund ihrer Weisheit, ihrer Erfahrung und ihres Einflusses innerhalb der Gesellschaft ausgewählt. Die genaue Zusammensetzung der Sabha konnte sich jedoch von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden. Die Sabha trat regelmäßig zusammen, um über öffentliche Angelegenheiten zu diskutieren und zu entscheiden. Bei wichtigen Ereignissen wie der Ernennung eines neuen Königs, der Formulierung von Gesetzen, der Beilegung von Streitigkeiten oder anderen Angelegenheiten von öffentlichem Interesse
0:06:20konnten ausserordentliche Versammlungen einberufen werden. Die Entscheidungen innerhalb der Sabha wurden im Konsens oder durch Mehrheitsbeschluss der anwesenden Mitglieder getroffen. In den Diskussionen brachten die Sabha-Mitglieder ihre Ansichten zum Ausdruck und argumentierten entsprechend, um ihre Positionen zu untermauern. Obwohl es sich bei der Sabha um eine demokratische Versammlung handelte, konnte sie von einem Herrscher oder Vorsitzenden geleitet werden, z.B. dem König oder einer angesehenen Person innerhalb der Gemeinschaft. Die Macht des Vorsitzenden oder des Königs war jedoch im Allgemeinen begrenzt und musste unter Beachtung der Meinungen und Entscheidungen der Mehrheit der Sabha-Mitglieder ausgeübt werden. Die in der Sabha getroffenen Entscheidungen beeinflussten die Gesetzgebung und Verwaltung der Gemeinschaft. Die auf den Sabha-Mitgliedern ausgestatteten Entscheidungen, die in den Sabha-Sitzungen formulierten Gesetze oder beschlossenen Maßnahmen,
0:07:36wurden von lokalen Beamten oder Institutionen umgesetzt, um die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung und das effiziente Funktionieren der Gemeinschaft zu gewährleisten. Die Samiti ihrerseits setzte sich aus allen erwachsenen männlichen Mitgliedern der Gemeinschaft zusammen. Dazu gehörten Männer aus verschiedenen Kasten und Stämmen, obwohl es in einigen Gesellschaften Beschränkungen für die Teilnahme bestimmter sozialer Gruppen gegeben haben mag. Auch die Samiti traf sich regelmäßig, um über öffentliche Angelegenheiten zu diskutieren und zu entscheiden. Samiti-Sitzungen konnten zu entscheidenden Anlässen einberufen werden, z.B. bei der Ernennung eines neuen Königs, bei der Formulierung von Gesetzen oder Politiken, bei politischen Maßnahmen, bei der Beilegung von Streitigkeiten oder sozialen Fragen usw. Analog zur Sabha wurden die Entscheidungen innerhalb der Samiti im Konsens oder durch Mehrheitsbeschluss getroffen.
0:08:56Argumente wurden offen diskutiert und die Meinungen aller Teilnehmer wurden gehört, bevor eine Entscheidung getroffen wurde. Dieser Prozess spiegelte das demokratische Prinzip wider, so viele Menschen wie möglich in den Entscheidungsprozess miteinzubeziehen. Es ist jedoch zu beachten, dass diese Proto-Demokratie ihre Grenzen hatte. So waren beispielsweise Frauen sowie Angehörige niedriger Kasten und Sklaven von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Außerdem konnten sich die tatsächliche Macht in den Händen bestimmter Clients oder aristokratischen Familien konzentrieren. Trotz dieser Einschränkungen ist das Vorhandensein demokratischer Institutionen in den Mayanapata-Gesellschaften ein frühes Beispiel für die Beteiligung des Volkes und die Entscheidungsfindung auf der Grundlage von Konsens und dem Willen der Mehrheit im alten Idel. Um die Jahrhundertwende zwischen 500 und 400 vor unserer Zeitrechnung, sprich zur Zeit des Buddhas,
0:10:35setzten vier dieser Königreiche, nämlich Vatsa, Avanti, Kosala und Magadha, ihre Vorherrschaft gegenüber ihrem Nachbarn durch und expandierten Territorial.
0:10:53Insbesondere Kosala und Magadha verfolgten eine aggressive Politik gegenüber benachbarten Völkern und Gebieten und wurden so zu einer der wichtigsten Mächte in der Region. Im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung dehnte die Kosala ihre Herrschaftsgebiet von Varanasi bis zum Himalaya aus, während König Bimbisara in seiner fast 50-jährigen Regierungszeit zwischen 540 und 490 den Aufstieg der Magadha anführte, die das benachbarte Janapata von Anga eroberte. Wahrscheinlich in der Absicht, sich die wichtigen Eisenminen der Region anzueignen und nach Osten zum Gangesdelta vorstießen. Bimbisaras Expansionspolitik wurde von seinem Sohn Ayatastarub fortgesetzt und das Land in einem 14 Jahre dauernden Krieg gegen die Vrigi-Stammeskonfederationen im Norden führte und später gegen den König von Ujian, einem mächtigen Mayapanada im Westen. Neben den großen Staaten gab es auch viele kleinere Oligarchien
0:12:30wie die Gholia, die Muria, die Janatrika, die Chakya und die Lika. Während im Gangestal das große Mayanapada-Reich in seinem Inneren die Großmächte der Magadha und Kosola emporstiegen sieht, werden die nordwestlichen Gebiete von der Invasion der Perser zuvor und der Griechen unter Alexander dem Großen danach eingesunken. In den Gebieten des heutigen Afghanistans und Pakistans wurde zuerst die persische und später die griechische Herrschaft installiert. Rund um das Jahr 520 vor Christus erobert der persische Kaiser Darius der Große die Gegend, welche 200 Jahre unter persischer Herrschaft stehen wird. Erst nach dem Untergang der Perser durch die Hand von Alexander dem Großen wurde die Herrschaft des Gebietes von diesem abgelöst. In der Zeit Alexanders und danach werden wir anfänglich
0:13:46eine makedonische und später eine makedonisch-baktrische Herrschaft erleben. Rund zwei Jahrhunderte nach dem Tod der Religionsgründer Mahavira und Siddhartha Gautama überquerte das Heer des Mazedoniers Alexander dem Großen nach einem unglaublichen Siegeszug durch Kleinasien, Ägypten, Mesopotamien und Persien um das Jahr 326, den Hindus. Auf seinem Weg nach Süden und Osten schlug er das Heer des indischen Königs Poros, dessen Reich in Punjab zu einem Vasallenstaat des alexandrinischen Imperiums wurde. Allerdings nicht lange. Sehr viel weiter kam Alexander in Indien nicht. Seine Soldaten sträubten sich, den Feldzug fortzuführen. Ihr oberster Kriegsherr gab Zähneknirschen, danach gründete er einige Garnisonsstädte und alsbald nahm der Rückzug nach Persien seinen Verlauf. Dass nach sieben Jahren bereits jede Spur der griechisch-mazedonischen Fremdherrschaft in Indien verschwunden war,
0:15:06ist nicht zuletzt auf das Wirken des indischen Herrschers Chandragupta Maurya zurückzuführen. Der, geleitet von seinem raffinierten Ratgeber, dem Brahmanen Kautilya Chanakya, der die politische Landschaft Nordindiens nachhaltig veränderte. Chandragupta, dem wir anlässlich unserer letzten Zusammenkunft bereits begegnet sind, war ursprünglich aus der Hauptstadt Magadas, aus Pataliputra, das heutige Patna, von seinen dort regierenden Verwandten in den Westen Indiens verbannt worden, wo er die griechischen Garnisonen der Reihe nach besiegte und eliminierte. Dann marschierte sein Heer auf Pataliputra zu und sehr wahrscheinlich setzte sein Ratgeber dort eine Revolution in Gang, die mit der Thronbescheidung Chandraguptas endete. Als sich die makedonische Dynastie der Seleukiden dazu entschloss, den Magadas ihre Gebiete streitig zu machen, organisierte Chandragupta seine Reise, als seine Armee, die aus 30.000 Reitern,
0:16:22600.000 mannstarken Fuss-Truppen, einige tausend Bogenschützen und 9000 Elefanten, den heutigen Panzern, bestand. Die Seleukiden-Phalanx wurde angesichts dieser Übermacht gezwungen, kleinlaut beizugeben und rettete sich fluchtartig in ihre Territorien zurück. Dabei verloren die Seleukiden, die Makedonier für immer das Gebiet des Punjabs, und diese Episode und die hierfür erstellte Armee waren für Chandragupta Anlass, eine starke Expansionspolitik voranzutreiben. Dank des untriebigen Mentors des Königs, der bezeichnenderweise unter anderem eine äußerst effektive Staatspolizei ins Leben ruht, wurde Chandraguptas Herrschaft, zur mächtigsten der damaligen Welt.
0:17:31Kautilya Chanaka fühlte sich offensichtlich als Brahmane in höchster Stellung nicht an sittliche Gesetze gebunden und vertrat die Meinung, dass alle Mittel, die dem Staatsinteresse dienen, gut und erlaubt werden. Seine einfühlsame Art, mit welchen Mitteln man in der Politik Macht und Landbesitz erfolgreich vermehre, ließ er im ältesten Buch der Sanskrit-Literatur im Arthashastra festhalten. Ich zitiere Renkespiel, Spionage, Beeinflussung des feindlichen Volkes, Belagerung und Erstörung. Zitat Ende Die Regierungsgewalt des Königs beziehungsweise diejenige Königsgehege seines indischen Machiavellis beruhte auf militärischer und geheimpolizeilicher Gewalt.
0:18:41Auch andere Ratgeber des Königs heute würde man diese Personen als Minister titulieren, die vor allem die Ressource Finanzen, Außenpolitik und Ernennung hoher Regierungsbeamter betreuten, bliesen ins Selbe. Für alle Lebensbereiche gab es in der Regierung genau umgrenzte Aufgabenbereiche, die von sorgfältig ausgesuchten Abteilungsleitern geführt wurden. Alle Berufe waren steuerpflichtig. Der Staat betrieb sowohl eigene Manufakturen, kontrollierte den Handel mit Gemüse und besaß das Monopolrecht auf Bergwerkserzeugnisse, Salz, Bauholz, Feines Gewebe sowie auf Pferde und Elefanten. Die Rechtsprechung erfolgte in den Dörfern durch das örtliche Oberhaupt oder ging von einem Fünf-Männer-Gremium aus. In den Städten, Bezirken und Provinzen sprachen Unter- und Obergerichte Recht. Ein königliches Forum bildete in der Hauptstadt den obersten Gerichtshof, und die letzte Instanz in der Rechtsprechung
0:20:11war der König selbst. Die Urteile fällte man auf der Grundlage des Vergeltungsprinzips und waren dementsprechend streng. Verstümmelung, Folterungen und Hinrichtungen standen oftmals an der Tagesordnung. Die Regierung zeigte sich in ihren Handlungen aber auch von der humanen Seite. Die Verantwortlichen ergriffen beispielsweise wirksame Massnahmen zur Verbesserung der Gesundheit, ließen Spitäler und Armenhäuser errichten oder verpflichteten per Gesetze reiche Mitbürger zum Unterhalt der Armen. Auch wurde in diesem Zusammenhang in staatlichen Lagerhäusern für Zeiten der Hungersnot Nahrungsmittel gespeichert. Durch öffentliche Aufträge versuchte man, die Arbeitslosigkeit möglichst niedrig zu halten. Dies hob die Kaufkraft der Bevölkerung und kurbelte damit wiederum Handel und Gewerbe an, sodass weitere Arbeitsplätze entstehen konnten. Somit nahmen die alten Inder die ökonomischen Theorien des bis heute für uns richtungsweisenden Gedankenguts
0:21:36von John Maynard Keynes vorweg. Keynes war ein einflussreicher britischer Wirtschaftswissenschaftler, der 1883 geboren wurde und 1946 starb. Er ist vor allem für seine Wirtschaftstheorien bekannt, die einen tiefgreifenden Einfluss auf das moderne Wirtschaftsdenken und die Wirtschaftspolitik hatten. Berühmt ist Keynes vor allem für seine Kritik an den vorherrschenden Wirtschaftstheorien seiner Zeit, insbesondere an denen, die auf der Vorstellung beruhen, dass der freie Markt sich selbst reguliert und automatisch ein Gleichgewicht erreicht. Sein bekanntestes Werk ist The General Theory of Employment Interest and Money, das 1936 veröffentlicht wurde. Zu den wichtigsten Ideen von Keynes gehören die staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft. Keynes vertrat die Ansicht, dass die Regierung eine aktive Rolle in der Wirtschaft spielen sollte, insbesondere in Zeiten der Rezession oder Depression.
0:22:57Diese Intervention kann staatliche Ausgabenpolitik, Zinssenkungen und andere Formen wirtschaftlicher Anreize umfassen, um die Gesamtnachfrage zu stützen und die Arbeitslosigkeit zu verringern. Ebenso betonte Keynes die Bedeutung der Gesamtnachfrage, das bedeutet nichts anderes als die Summe der Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen in der Wirtschaft, für die Bestimmung des Produktions- und Beschäftigungsniveaus. Er vertrat die Auffassung, dass die effektive Nachfrage in Zeiten der Depression möglicherweise nicht ausreicht, um die Vollbeschäftigung aufrechtzuhalten und dass die Regierung daher eingreifen sollte, um sie zu erhöhen. Keynes erörtert ebenso die Rolle von Geld und Zinsen in der Wirtschaft. Er betont, dass die Zinssätze Investitionen und Ausgaben beeinflussen und dass die Geldpolitik als Instrument zur Ankurbelung der Wirtschaftszentigkeit eingesetzt werden kann. Keynes führte das Konzept der Liquiditätspräferenz ein,
0:24:18das sich auf die Tendenz der Menschen bezieht. Liquides Geld gegenüber anderen Vermögenswerten zu bevorzugen. Diese Präferenz kann Ausgaben- und Investitionsentscheidungen und damit die Wirtschaft insgesamt beeinflussen. Keynes' Theorien bildeten die Grundlage für das Konzept der aktiven Wirtschaftspolitik, das in vielen Ländern während und nach der großen Depression der 1930er Jahre die Regierungspolitik bestimmte.
0:24:53Besonders deutlich ist, wie deutlich wurde sein Einfluss in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Keynesianismus zu vorherrschendem Ansatz in der Wirtschaftspolitik wurde. Auch heute noch beeinflussen viele seiner Ideen die wirtschaftliche Debatte und die öffentliche Politik. Kehren wir aber zu den wirtschaftlichen Maßnahmen, die 2500 Jahre vor Keynesien getroffen wurden.
0:25:31Bemerkenswert war der Ausbau des Straßennetzes. Die Regierungsabteilung für den Verkehr gab sowohl Karrenwege in den Dörfern als auch über 10 Meter breite Handelsstraßen und bis zu 20 Meter breite Heerstraßen in Auftrag und ließ diese vorbildlich in Stand halten. Die Hauptverkehrswege waren mit Wegweisern versehen. Schattenspennende Bäume säumten sie oftmals ein und Brunnen, Gästehäuser und Polizeistationen garantierten den Reisenden Sicherheit und Komfort. Als Transportmittel dienten Wagen, Sänften und Tragsessel sowie Pferde, Kamele, Esel. Menschen und Elefanten. Die Benutzung letzterer war allerdings ein Privileg des Königs und der höchsten Staatsbeamten. Dieselbe Verwaltungsstrategie des Gesamtreichs wurde auch in den Städten praktiziert. In der Hauptstadt Pataliputra gab es 6 Magistratsabteilungen, die insgesamt 30 hohe Beamten leiteten. Es waren das Gewerbedepartement zur Kontrolle der Einhaltung der Verordnung,
0:27:13das Fremdenamt zur Bereitstellung von Unterkünften, Dienern sowie der Überwachung, das Einwohneramt für die Registrierung von Geburten und Todesfällen, das Handelsdepartement, welches zuständig war zur Erteilung von Bewilligungen, Verkaufsregelungen, Prüfungen von Maßen und Gewichten, das Manufakturdepartement zur Kontrolle des Verkaufs und der Arbeitsbedingungen, das Steueramt zur Abführung von 10% des Verkaufswerts einer Ware an den König. In der Summe war Chandraguptas Herrschaft trotz aller Vorzüge geprägt von einer autokratischen Machtausübung und von der damit verbundenen Abhängigkeit von Gewaltanwendung und geheimdienstlichen Massnahmen. Die nur schwer kontrolliert werden konnten. Der König verzichtete letztendlich nach 24-jähriger Regentschaft angeblich aus ständiger Angst vor Mordanschlägen und Aufständen auf den Thron, wurde Jainist und nahm sich durch Verhungern das Leben. Über seinen Sohn und Nachfolger Bindusara gibt es nur wenige geschichtliche Quellen.
0:28:41Man weiß, dass er intensive Kontakte zu den hellenistischen Staaten pflegte und dass er sein Reich noch vergrößerte. Vielmehr dürfte es aber Kautilya Chanakya gewesen sein, der ebenfalls wie unter Chandragupta der Ratgeberkönig Bindusaras war und die Vergrößerung des Reichs zielstrebig weiterführte. Der Nachfeld ist auch Bindusaras, großes Interesse für Philosophie bekannt. So ließ er unter anderem dem syrischen König Antiochos ausrichten, dass er für einen, Zitat, echten griechischen Philosophen, Zitat Ende, einen hohen Preis bezahlen würde. Doch ein solcher Art Gelehrter war um diese Zeit offensichtlich Mangelware, denn der Handel kam nicht zustande. Aber das Schicksal hatte Einsicht und bescherte Bindusara einen Sohn, welcher in der Folgezeit nicht nur durch seine geniale Herrschaft als König von Magadha, sondern auch als herausragender buddhistischer Philosoph
0:29:56in die Geschichte der Menschheit einging. Sein Name war Ashoka Vardhana, dem wir anlässlich unseres letzten Treffens bereits unsere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Wir sind bei Ashoka gelandet und Ashoka Vardhana bestieg 273 vor unserer Zeitrechnung den Thron und herrschte im Lauf seiner Regierungszeit bald über Afghanistan, Beluchistan, über die Gebiete des heutigen Pakistans, Bangladesch, der Himalaya-Staaten und Indiens mit Ausnahme der Südspitze des Subkontinents, dem Tamilakam, sprich dem Tamilland. Die Eroberungskriege und ebenso die Verwaltung des Reichs wurden auf dieselbe grausame Weise wie zu Zeiten seines Großvaters Chandragupta durchgeführt. Das im Norden der Hauptstadt Pataliputra gelegene Gefängnis wurde noch lange nach seiner Zerstörung als Ashokas Hölle bezeichnet, in der die Gefangenen so ziemlich alle Qualen erlitten, die sich ein perverbt veranlagtes Gehirn nur einfallen lassen kann.
0:31:31Man erzählte sich, dass ein buddhistischer Mönch und Heiliger, den man grundlos dort gefangen hielt, in einen Kessel mit kochendem Wasser geworfen wurde, ohne Schaden zu erleiden. Betroffen von diesem Wunder wollte ihn Ashoka freilassen, doch der Gefangenenwärter erinnerte seinem gekrönten Brötchengeber an den königlichen Befehl, dass niemand dieses Gefängnis lebend verlassen dürfte. Dies leuchtete seiner Hoheit ein. Ashoka ließ zwar den Gefangenen frei, aber als Ersatz dafür landete der Gefängniswärter im Suppenkessel. Noch doch bei der blutigen Eroberung des am bengalischen Golf liegenden Kalingareichs, wir haben bei der letzten Begegnung dies schon beschrieben, setzte im Denken und Handeln Ashokas eine Wende ein. Er ließ nach diesem Gemetzel alle Kriegsgefangenen frei und entschuldigte sich per Edikt bei der Bevölkerung für die Kriegsfreude.
0:32:55Ein Akt, der zugegeben in der langen Menschheitsgeschichte einzigartig dasteht. Dem eroberten Reich allerdings gab er seine Freiheit nicht mehr. Er begründete diese Entscheidung, wie er in einem Edikt verkünden ließ damit, dass, ich zitiere ihn, alle Menschen seine geliebten Kinder seien. Zitat Ende. In ungefähr demselben Zeitraum konvertierte Ashoka zum Buddhismus, erklärte diesen zur Staatsreligion oder Staatstheorie besser gesagt und respektierte gleichzeitig aber auch alle anderen Religionen in seinem Reich. Die hinduistischen Brahmanen allerdings mussten eine erhebliche Schwächung ihres Machteinflusses einnehmen. Zitat Ende. Ein erwähntes Gefängnis wurde zerstört, die Strafgesetzgebung erheblich gemetet. Auch war der Eroberungskrieg gegen Kalinga der letzte, den Ashoka führte. Man weiss heute nicht mehr, was den Gesinnungswandel bei Ashoka herbeigerufen hatte, was Legende und was Realität in der Geschichtsschreibung ist.
0:34:21War es der heisswasserresistente buddhistische Heilige oder waren es rationale staatspolitische Überlegungen, wie eine leichtere Regierbarkeit einer buddhistisch eingestellten, friedlicheren Bevölkerung und der damit verbunden finanziell günstigeren Variante eines stark verminderten Polizeiapparates? Im 11. Jahr seiner Regierung begann er mit einer einzigartigen Form seinen Herrschaftswillen dem Volk im ganzen Reich kundzuführen. Er liess seine Edikte in Felswände und Steinsäulen einritzen, und zwar in einfachen Sätzen und im jeweiligen Dialekt, der in den Standortgebieten gesprochen wurde, oder in persischer, aramäischer bzw. griechischer Sprache. Auf diese Weise wurde das buddhistische Gedankengut der Bevölkerung auch per Verordnung nachhaltig näher gebracht. Toleranz gegenüber allen Menschen, Verzicht auf Fleisch, Ablehnung der Jagd, Maßhalten in allen Dingen und anderes mehr. Beachtenswert ist, dass in keinem Edikt Buddha oder ein persönlicher Gott genannt wird.
0:35:53Generell wird man überhaupt keine konfessionell gebundenen Hinweise auf irgendeine Religion in seinen Edikten finden. Ashoka wendete die Lehren des Buddhismus auch in der Führung des Staatswesens an. So ernannte er hohe Beamte zu «Grossinspektoren der buddhistischen Lehre», sogenannten Dhammamahamattras, mit weitreichenden Befugnissen. In das Ausland sandte er religiöse Botschafter, die von buddhistischen Missionaren begleitet wurden. Es ist bekannt, dass im Zeitraum, in dem Jesus in Palästina zu predigen begann, noch immer eine buddhistische Gemeinde im ägyptischen Alexandria existierte.
0:36:51Der Buddhismus in Sri Lanka, damals dem Reich Ashokas nicht angehörig, geht ebenfalls auf die Gründung von Mönchen aus Magadha zurück. Kurz nach Ashoka, brachten Missionare aus Magadha die buddhistische Lehre bis nach Tibet, China, und sogar in die Mongolei und nach Japan. Im Reich von Magadha selbst ließ Ashoka laut damaligen Chronisten 84.000 buddhistische Klöster bauen und ungefähr ebenso viele Täler für Menschen und Tiere errichten. Obwohl Ashoka alles unternahm, seinen Volk, oder besser gesagt seinen Völkern, einen sozialen Frieden zu garantieren, schuf er sich mit seinen Reformen zahlreiche Feinde. Er verärgerte mit seinen Tierschutzedikten nicht nur die Jäger und Fischer. Auch die Bauern wollten nicht so recht begreifen, warum sie bei der Getreideeinbringung, Zitat, die Spreu nicht gemeinsam mit den darauf befindlichen lebenden Dingen,
0:38:08wie Flöhe, Ameisen und andere Insekten, verbrennen durften.
0:38:16Auch kamen manchen braven Ackerbauern Zweifel, ob seine für die Nahrungsmittelbeschaffung so wichtige und für ihn mühsame Bearbeitung des Bootes denn überhaupt mit den Lehren des Buddhismus in Einklang zu bringen waren. Denn die in den Boden eindringende Pflugschar oder Schaufel beendete in vielen Fällen etwas vorzeitig das Leben von Regenwürmern oder sonstigen Kleingetieren. Wen wundert, dass der Buddhismus allmählich an einem Mitgliederschwund zu leiden begann und dass sich zahlreiche Untertanen Ashokas baldigen Abgang ins Nirwana wünschten. Allen voran die hinduistischen Brahmanen. Dem alternden König wurde denn auch allmählich die ganze Macht abgenommen und man weiß heute nicht mehr, wie er seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Nach seinem Tod zerfiel das Reich wieder in mehrere Königreiche. Im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung
0:39:40und rund 1000 Jahre nach der Arya-Invasion erlebt Indien eine neue Invasion. Diesmal von Osten herkommend dringen die Kushan tief in das Gangestal hinein. Eine der relativ stark akkreditierten Thesen gehen davon aus, dass ihr Name vom chinesischen Namen Guishuang abgeleitet worden ist. Sie waren ein indoeuropäischer Volksstamm, der sich am weitesten in den Osten gewagt hatte, und sich für eine gewisse Zeit in der heutigen chinesischen Provinz Xinyang am Tarimbecken niedergelassen hatte.
0:40:33Im Jahr 180 vor unserer Zeitrechnung etwa begannen sie wieder nach Nordwesten zu ziehen und drangen über die heutigen Gebiete von Tajikistan, Usbekistan und Turkmenistan zuerst nach Bakterien vor und schließlich um das Jahr 30 nahmen sie fast ganz Nord- und Mittelinden ein. Auf den Höhepunkten ihres Reiches unter König Kanishka erfuhren die Künste und die Wissenschaftler wesentliche Fortschritte. Für den Zeitraum nach dem Tod Ashokas besitzt die Nachwelt fast keine indischen Inschriften und Dokumente. Für einen Zeitraum von rund 600 Jahren liegt die Geschichte Indiens vorläufig noch im Dunkeln. Das heißt nicht ganz. Man weiß sehr wohl, dass große Universitäten, wie in Taxila eine stand, unvermittelt ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit fortsetzten. Auch der kulturelle Einfluss der alexandrinischen Diadochen-Reiche in Form persischer Architektur und griechischer Plastiken
0:42:05lässt sich heute noch in den Denkmälern der indischen Künstler der damaligen Zeit feststellen. Er verstärkte sich noch mit der Eroberung des Punjabs durch Griechen, Skythen und Syrer, die 300 Jahre lang eine griechisch-baktrische Kultur in Nordindien pflegten, die der des indischen Hinduismus und Buddhismus in nichts nachstand. In Peshawar, Taxila und Mathura entstanden griechisch-buddhistische Skulpturen in Form vollenderter Schönheit, und prächtige Bauten im selben Stil schmückten ebenfalls. Ein Arzt und zwei buddhistische Gelehrte mögen für die Vielzahl von berühmten Männern im Kushan-Reich angeführt sein. Charaka, der Leibarzt von König Kanishka, entwickelte eine medizinisch-ajurvedische Lehre, die aufgrund ihrer Berühmtheit noch vor dem 8. Jahrhundert ins Arabische übersetzt wurde. Somit verwundert es nicht, dass Charakas Erkenntnisse als Teil der Lehre des Ayurveda
0:43:33auch die medizinische Literatur von heute weltweit erreicht hat. Die Idee der buddhistischen Gelehrten Nagarjuna und Ashwagosha wirkten den damals ausufernden Strömungen des Buddhismus durch eine Reform entgegen, indem sie den sogenannten Mittleren Weg, vorschlugen. Dieser Philosophie begegnen wir heute im Zen-Buddhismus, wie ihn der gebürtige Franzose, Jesuitenpater und Zen-Meister Hugo Makibi Enomiya Lasalle lange Zeit in Hiroshima wohnhaft im Westen bekannt gemacht hatte. Nagarjuna und Ashwagosha als buddhistische Gelehrte entsprachen aber so gar nicht dem königlichen Geschmack Kanishkas. Dieser versuchte vorerst einmal in verschiedenen Religionen Fuß zu fassen, schaffte aber letztendlich einen, um einen modernen Begriff zu gebrauchen, Bollywood-Buddhismus, in dem der Buddha zu einem Gott erhoben wurde und in einem neu geschaffenen buddhistischen Himmel sich die Bodhisattvas, sprich die Erleuchteten,
0:45:03und die Arhats, sprich die vollkommen Erleuchteten, wegen Überbevölkerung gegenseitig auf die Füße trauten. Des Weiteren stiftete seine königliche Hoheit zwar nicht x-tausend Klöster, berief aber ein Konzil ein, in dem jeder buddhistische Theologe, dessen er habhaft werden konnte, freudigst teilzunehmen hatte. Sage und schreibe 300.000 Sutras, sprich Lehrtexte in Versform, wurde ein neues buddhistisches Glaubensbekenntnis entwickelt, welches erstens maßgeschneidert in das religiöse königliche Verständnis passte und zweitens auch einen Analphabeten im hintersten Winkel des Indus-Deltas entzücken sollte. In diese Zeit fällt auch die Gründung des Mahayana-Buddhismus, das große Vehikel, der die Hauptrolle in der Verbreitung des Buddhismus nach China, Korea und Japan haben wird. König Kanishka tolerierte, wie schon eben erwähnt, alle Religionen und erprobte verschiedene Götter, um endlich zum Buddhismus zurückzukehren
0:46:33und ihn in einer sogenannten mythologischen Buddhismus zu verwandeln. Die Kushan nahmen auf ihrem langen Weg nach Indien in Baktrien viel der dort immer noch vorherrschenden griechisch-makedonischen Kultur mit, unter anderem das Alphabet. Sehr bald begannen sie zudem Münzen nach griechischer Gestalt zu prägen. Wie alle Völker, die Indien erobert haben, siegten sie zwar auf militärischer Ebene, wurden jedoch kulturell in den großen Ozean der indischen Kultur integriert oder gar absorbiert. In dieser Zeit fällt auch die Begründung des Shivaismus, eine hinduistische Strömung, welche Shiva zum Oberhaupt aller Götter stellte. Der große Verdienst auf wirtschaftspolitischem Gebiet, den sie hatten, lag in der Tatsache, dass sie die Schiffswege des indischen Ozeans mit den großen Seitenwegen verbanden, insbesondere mit der Seitenstraße. In seiner maximalen Ausdehnung reichte das Kushan-Reich vom Aralsee
0:48:01über das heutige Gebiet von Usbekistan, Afghanistan, Pakistan bis fast nach Bangladesch. Die Kushan-Könige unterhielten intensive Handelsbeziehungen zu den Römern. Auf philosophischer Ebene stellten sie den Synkretismus des hellenisch-buddhistischen Gedankengutes her. Dessen praktische Umsetzung wirkt zum Beispiel in der Kunst und Architektur klar ersichtlich und noch mehr, wie vorher schon angedeutet, in der Fusion des griechischen Idealismus mit dem Buddhismus zum Mahayana-Buddhismus. Um das Jahr 225 wurde nach dem Tod des Königs Vasudeva das Reich in ein Ostreich und in ein Westreich aufgetaucht. Damit begannen nun seine schleichende Zertrümmerung und sein Untergang. Wie immer, wenn die Teilen der Reiche und der Völker beginnen, wird ihre Kraft in Schwäche verwandelt und so war der Einfall der Sasaniden, das letzte Perser-Volk vor der Eroberung Persiens durch den Islam
0:49:30und ihre Eroberung Baktriens die logische Schlussfolgerung des beginnenden Zerfallprozesses. Kaum 40 Jahre später verloren die Kushan, die Gangesgebiete, in welche dann 320 das Gupta-Reich gegründet wird.
0:49:54Was vom Kushan-Reich auch unter anderem Namen übrig bleibt, wird zuerst bei der Invasion der Weißen Hunnen und danach bei der Islam-Eroberung weggefegt. Die Zeit des Kushan-Reiches und des Gupta-Reiches wird in die Geschichte Indiens als das Goldene Zeitalter eingehen.
0:50:22Während Kanuska von Kushana aus die buddhistische Blütezeit heftig reformierte, gründete im Nachbarstaat Magadha ein zweiter Chandragupta, nicht zu verwechseln mit Chandragupta Maurya, von dem vorher die Sprache war, eine neue Dynastie in der Geschichte Indiens, die Gupta aus der sehr fähigen, katholischen Geschichte herrschte. Das Gupta-Reich darf als eines der bedeutendsten politischen und militärischen Reiche der Geschichte Indiens betrachtet werden. Eine markante Summe dessen, was das Gupta-Reich gewesen sein muss, haben wir aus dem Reisebericht des chinesischen Buddha-Mönchs Fa Hien. Er berichtete, wie er bei seiner Reise von China nach Indien sechs Jahre unterwegs war, wie er in China dauernd sein Leben riskiert habe, während er in Indien im Laufe seines sechsjährigen Aufenthaltes sicher und ohne gescholten oder beraubt zu werden
0:51:39das Land bereiste. Nach Meinung des chinesischen Gelehrten war das Gupta-Reich das Paradies schlechthin. Mit großer Bewunderung berichtete er von der Vielzahl der großen Städte, vom Reichtum, der Tugendhaftigkeit des Landes.
0:52:08Mit Erstaunen erzählt er von sozialen Einrichtungen und den vielen Krankenhäusern, notabene drei Jahrhunderte vor dem Bau des ersten Krankenhauses in Europa, jenes Maison Dieu, das in Paris im siebten Jahrhundert errichtet worden ist. Der Nachfolger und Sohn Chandraguptas, Samudragupta, verlegte seine Hauptstadt von Pataliputra nach Ayodhya, im heutigen Bundesstaat Uttar Pradesh gelegen. Diese Stadt zählt heute zu den sieben heiligen Städten der Hindus, da an diesem Ort vor 1.296.000 Jahren Rama wirkte. Der Gott Rama ist eine zentrale Figur im Hinduismus und gilt als einer der wichtigsten und beliebtesten. Er ist eine der Inkarnationen des Gottes Vishnu. Rama wird als Avatar, sprich als irdische Manifestation Gottes verehrt und ist eine Schlüsselfigur in dem als Ramayana bekannten indischen Epos. Rama wurde als Kronprinz des Königreichs Ayodhya
0:53:36in Indien geboren. Er ist der Sohn von König Dasharatha und Königin Kausalya. Sein Leben wird hauptsächlich im Ramayana erzählt, einem alten Epos, das seine Abenteuer, Kämpfe und seine Herrschaft beschreibt. Rama ist bekannt für seine Rechtschaffenheit, Loyalität, Hingabe und moralische Stärke. Einer der bedeutendsten Momente in Ramas Leben ist seine 14-jährige Verbannung aus der Stadt Ayodhya, ein Ereignis, das im Mittelpunkt der Handlung des Ramayana steht. Während dieser Zeit erleben Rama, seine Frau Sita und sein Bruder Lakshmana eine Reihe von Abenteuern, darunter einen Kampf gegen den Dämonen Ravana. Nach der Zeit des Exils kehrt Rama nach Ayodhya zurück und besteigt den Thron als König. Rama wird im Hinduismus oft als Vorbild für Tugend und Hingabe angesehen. Er gilt als Beispiel dafür,
0:54:55wie ein Prinz sein Leben führen sollte, indem er Respekt vor Pflicht, Ehre und Gerechtigkeit zeigt. Seine Taten werden oft als Beispiele für Dharma, also rechtes Verhalten, angeführt und seine Treue zu seiner Frau Sita gilt als Vorbild für eheliche Liebe. Rama ist Gegenstand intensiver Verehrung durch Millionen von Anhängern in ganz Indien und darüber hinaus. Sein Name wird in Gebeten und heiligen Liedern aufgerufen und viele Menschen folgen in ihren täglichen Leben seinem Beispiel für Tugendhaftigkeit. Darüber hinaus gibt es in ganz Indien zahlreiche ihm gewidmete Tempel, von denen der Rama-Tempel in Ayodhya der berühmteste ist. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Gott Rama im Hinduismus eine sehr wichtige Figur ist, die für ihre Rechtschaffenheit, ihre Hingabe und ihre Rolle als Vorbild
0:56:05für Tugend und Gerechtigkeit verehrt wird. Seine Geschichte im Ramayana inspiriert weiterhin Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.
0:56:18Zur Zeit der Gupta-Herrschaft lag die Stadt Ayodhya im Zentrum der in Anführungszeichen Kornkammer Nordindiens. Dieser wirtschaftliche Vorteil und die Steuereinnahmen aus den Gebieten, die Samudra Gupta unter seine Herrschaft brachte, Teile des heutigen Nepals, Südindiens, Bengalens und Assams, ermöglichten dem König nicht nur eine glänzende Hofhaltung, sondern auch die nachhaltige Förderung der Bereiche Literatur, Musik, bildende Kunst, Wissenschaft, Philosophie und Religion. Als Staatsoberhaupt und Stratege dehnte Samudra Gupta in seinen 50 Regierungsjahren unermüdlich das Reich aus und besetzte nach und nach ganz Nordindien, von Bhaktrin bis an die chinesische Grenze im Osten und an die Dekkan-Hochhebene im Süden. In der wenigen Zeit, die ihm seine intensiven Regierungsgeschäfte übrig ließen, war er selbst ein glänzender Poet und Musiker, so dass seine Poesie bis heute in Indien gelesen wird.
0:57:47Er wurde auch König der Könige oder König aller Welten genannt. Sein Sohn Chandragupta II., auch Vikramaditya, Sonne der Macht genannt, führte die Regierungsweise seines Vaters fort und erschuf am Hofe einen brillanten Zirkel von Poeten, Künstlern, Wissenschaftlern, Philosophen und Intellektuellen, der Indien einen nie dagewesenen Ruhm verlieh. Man spekuliert ernsthaft darüber, dass der Poet und Epos-Verfasser Kalidasa unter ihnen gewesen sei. Die Hochblüte kann nur mit den Reichen von Ashoka vorher und Akbar nachher verglichen werden. Das Gupta-Reich besaß einen exzellenten und effizienten Verwaltungsapparat, der das subtile Gleichgewicht zwischen zentraler Macht und peripherer Autonomie bestens zu halten verstand. In Friedenszeiten wurde den Lokalbehörden, mit Ausnahme der Steuerpolitik natürlich, Entscheidungsautonomie gewährt und nur in Kriegszeiten spürte man die einschneidende Rolle des Zentralstaates.
0:59:22Die Gesellschaft wurde sehr streng nach dem Kastenwesen aufgeteilt. Man kann in dieser Zeit von einem in seine Hauptsäulen kristallisierten Hinduismus sprechen. In ihm wurden die wichtigsten Gottheiten verehrt und ein extensiver Tempelbau betrieben. In der Kunst erlebte man eine intensive Fusion der Mythologien des Hinduismus und des Buddhismus bis zu ihren extremsten Formen in Borneo, in Thailand und in Indonesien. Vikramaditya war Hinduist und Vishnu ergeben. Seine religiöse Toleranz erlaubte jedoch seinen Vasallenkönigen, die den buddhistischen Glauben angenommen hatten, ihre Klöster zu bauen. Zwischen 472 und 473 erlebte das Gupta-Reich die erste von mehreren Weißhunden-Invasionen, auch Eftaliten genannt, die das Reich in eine Zeit der Fünsternis führten. Sklaverei und Chaos waren Leitmotiv der Hunden-Invasion. Jedoch gelang es einem Gupta-Nachfahren,
1:00:49Harsavardhana, ganz Nordindien, wieder zurück zu erobern. Während seiner 42 Jahre dauernden Monarchie fand Indien zum alten Glanz zurück. Er gründete die Hauptstadt Kannauj und um sich ein Bild ihrer Macht und ihres Wohlstandes zu machen, gibt es nicht klar erwiesene Behauptungen, nach welchen der Islam bei seiner Eroberung Indiens in ihr tausend Tempel zerstört haben soll. Ihre grossdimensionierten Gärten und die für alle kostenlos zugänglichen Badeanstalten waren nur ein Bruchteil der wohltätigen Handlungsweise seiner Regierung. Man sagt, dass Harsa zu jenen wenigen Königen gehört, welche die Monarchie zur bestmöglichsten Staatsform emporhoben. Aber das wiedererwachte Gupta-Reich ruhte auf sehr fragilen Fundamenten, denn es war eine zeitgebundene, an das Leben von Harsa gemessene Episode. Nach seinem Tod zerfiel das Gupta-Reich mit grosser Wahrscheinlichkeit
1:02:07und erlebte sein Mittelalter über zwei Jahrhunderte, geprägt von Armut, Hungersnöten, Chaos und Ignoranz. Man muss auf die Besetzung Indiens durch den Islam und seine großen Könige und Mogule warten, um eine Rückkehr der Blütezeit zu finden. Das Gupta-Königreich war eine Zeit des bemerkenswerten wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritts im alten Indien. Während dieser Zeit gab es bedeutende Entwicklungen in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen, die einen nachhaltigen Einfluss auf die Geschichte des indischen Subkontinents und darüber hinaus hatten. Bis heute bestimmen die Entdeckung dieser wissenschaftlichen Arbeit wesentliche Teile unserer Gesellschaften, unserer Herangehensart in der Wissenschaft, in der Technologie und unserer Weltanschauung. Insbesondere die Gupta-Mathematik ist einer der berühmtesten Bereiche der wissenschaftlichen Erkenntnisse dieser Zeit. Mathematiker wie Aryabhata, Brahmagupta und Bhaskara II. leisteten grundlegende Beiträge zur Geometrie,
1:03:35Algebra, Trigonometrie, Zahlentheorie und Kalkül. Aryabhata schlug zum Beispiel das Konzept der Zahl 0 als Positionswert vor und berechnete den Wert von Pi genau. Pi ist eine mathematische Konstante, die mit dem griechischen Buchstaben Pi gezeichnet wurde, als Anfangsbuchstabe von Peripheria, Umfang auf Griechisch, für das sie auch gewählt wurde. Brahmagupta führte Regeln für Operationen mit negativen Zahlen ein und entwickelte das Konzept der negativen 0. Aber auch auf dem Gebiet der Medizin gab es im Gupta-Königreich wichtige Entwicklungen. Die indische ayurvedische Tradition wurde in dieser Zeit weiterentwickelt und dokumentiert. Wir werden anlässlich unserer nächsten Begegnungen näher auf den gewaltigen Einfluss dieser Entdeckungen eingehen, die bis heute anhalten.