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Transkript · Geschichte Japans · Teil 1

Von der Urgeschichte bis zur Nara-Periode — Transkript

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0:06:58Auf unserer Suche nach einem, wie wir uns bewusst sind, nur sehr oberflächlichen Einblick, den wir hier erteilen möchten, mehr um die natürliche Neugierde, die so typisch für den Menschen ist, zu wecken, als um unseren Lesern und Zuhörern etwas beibringen zu wollen, setzen wir unseren in Anführungszeichen Spaziergang durch das außergewöhnliche kulturelle Universum Asiens fort. Die uns zur Verfügung stehende Zeit ist knapp, daher werden wir uns nur auf drei der großen Protagonisten der Geschichte der asiatischen Zivilisation konzentrieren.

0:07:44Aus den bereits in unseren früheren Begegnungen genannten Gründen haben wir mit dem indischen Konflikt und, wie könnte es anders sein, mit der anderen Wiege der Zivilisation, China, fortgefahren. Die dritte. Die dritte und letzte Zivilisation, die wir untersuchen wollen, ist Japan.

0:08:13Das heutige Japan ist ein Land, das mit leisen Schritten einen seit Jahrhunderten vorgezeichneten Weg geht. Es hat weder vergessen, wer es war, noch was es durchgemacht hat. Im Gegenteil, es trägt all dies in sich wie ein unterirdischer Stroh, der, obwohl unsichtbar, einfach nicht mehr festhält. Jede Geste, jedes Wort, jedes Ritual nährt. Seine Geschichte, geprägt von Isolation und Öffnung, Kriegen und Wiederaufbau, zerbrechlicher Schönheit und unerbittlicher Disziplin ist für die Japaner kein Studienobjekt, sondern eine Identität, die sie täglich leben. Diese Identität wird nie zur Schau gestellt. sondern vielmehr bewahrt. Die Vergangenheit wird nicht vergöttert, aber auch nicht archiviert. Sie lebt in den Details, in der stillen Verbeugung am Morgen, in der Sorgfalt, mit der ein Geschenk verpackt wird, in der fast heiligen Achtung vor dem öffentlichen Raum.

0:09:42Es ist eine Geschichte, die man in der Struktur traditioneller Häuser und in der Ordnung eines Zehngartens spürt. Aber auch im leisen Geräusch der Hochgeschwindigkeitszüge, die durch ultramoderne Städte fahren. Japan hat es verstanden, seinen Geist in die Zukunft zu tragen, ohne ihn zu verraten.

0:10:14Es hat sich von der Welt bedient, alten China ebenso wie vom modernen Westen, aber immer etwas Neues zurückgegeben, gefiltert durch eine einzigartige Sensibilität, eine Art kulturelle Alchemie aus Maß, Eleganz und Strenge. Modernität war für Japan nie ein Bruch, sondern eine Wandlung. Es hat seine Wurzeln nicht aufgegeben, um den Fortschritt hinterherzulaufen. Es hat sie den Wandel angepasst und damit flexibler gemacht. Deshalb kann Tokio gleichzeitig eine technologische Metropole und ein Labyrinth aus Tempeln sein und ein junger Mensch kann im Metaversum arbeiten und gleichzeitig während des Obon vor dem Familienalltag nieren. Das ist eines der Tiefpunkte, die Japan in der Zeit der Neonazis und der Neonazis in der Zeit der Neonazis hat. Es ist ein Teil dieser kultiv empfundenen und bedeutendsten Feste der japanischen Kultur. Es ist

0:11:31nicht nur ein traditionelles Fest, sondern ein Ritual der Erinnerung, der Dankbarkeit und der Verbindung zwischen dem Lebenden und dem Toten. Es handelt sich um ein buddhistisches Fest, das jedes Jahr im Sommer, normalerweise Mitte August, aber das Datum kann je nach Region leicht variieren, gefeiert wird. Nach dem Glauben kehren die Seelen der Vorfahren vorübergehend in die Welt der Lebenden zurück, um ihre Angehörigen zu besuchen. Es ist eine Zeit, in der Familien zusammenkommen, Gräber säubern, Speisen und Beirauch darbringen und an Gedenkzeremonien teilnehmen. Aber es ist auch eine Zeit des Feierns, mit traditionellen Tänzen und Laternen, welche die Nacht erhellen. Der Ursprung liegt im Mahayana-Buddhismus und ist mit einer Geschichte namens Urabon-e verbunden. Der Legende nach wollte ein Schüler Buddhas, Mokuren, den Urabon-e anbieten.

0:12:56Er wollte den Geist seiner verstorbenen Mutter retten, die im Reich der hungrigen Geister gefangen war. Den Lehren Buddhas folgend brachte er den Mönchen Geschenke und vollbrachte gute Taten, woraufhin die Seele seiner Mutter befreit wurde.

0:13:21Daraus entstand die Bedeutung des Urabon-e, nämlich die Seelen der Vorfahren zu ehren, um ihnen Frieden zu garantieren und gleichzeitig sich selbst durch Respekt, Grosszügigkeit und Erinnerung zu reinigen. Die Feio besteht aus einer Reihe poetischer und in bester japanischen Tradition strenger rituellen Handlungen. Die Feiernden zünden Laternen am Eingang ihrer Häuser an, um die Seelen zu ehren. Am Ende der Feierlichkeiten werden Feuer entzündet oder Laternen auf Flüssen oder dem Meer schwimmen gelassen, Toro-Nagashi-Zeremonie, um den Geistern den Weg zurückzuweisen. Während dieser Feierlichkeiten ist der Besuch der Gräber, Hakamairi, Pflicht. Die Familien begeben sich, wie bereits erwähnt, zum Friedhof, um die Gräber ihrer Vorfahren zu reinigen und Weihrauch, Blumen, Speisen und Gebete darzubringen. In vielen Städten und Dörfern finden traditionelle Tänze statt, die Bon Odori genannt werden und oft abends im Kreis unter Laternen getanzt werden.

0:15:04Die Tänze feiern die Freude über das Wiedersehen mit den Seelen der Ahnen und den Kreislauf des Lebens. In Tempeln oder Häusern werden Altäre, Obut-Sudan genannt, mit Opfergaben wie Obst, Reis, Tee und Süßigkeiten vorbereitet, um die Familiengeister zu empfangen. Obon ist mehr als nur ein Gedenken, es ist ein stiller Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es ist eine Zeit des Innehaltens, in der familiäre Bindungen über den Tod hinaus erneuert werden und die Gemeinschaft innehält, um sich ihrer Herkunft bewusst zu werden. In einem zunehmend modernen und urbanen Umfeld charges die Geschichte auch Stimme aus работen. Im urbanen Japan ist Obon auch einer der wenigen Momente, in denen die Menschen in ihre Heimatdörfer zurückkehren, ihre Grosseltern besuchen und sich wieder mit ihren Wurzeln verbinden.

0:16:22Doch diese scheinbare Harmonie koexistiert mit tiefen Spannungen. Das Land steht vor Widersprüchen, die es nicht immer auflösen kann. Die Mühen einer streng hierarchischen Gesellschaft, die demografische Krise, das empfindliche Gleichgewicht zwischen Tradition und Inklusion. Im heutigen Japan herrscht eine stille Melancholie, als sei man sich bewusst, dass die Eleganz der Vergangenheit in der Schnelllebigkeit der globalisierten Welt nur schwer zu bewahren ist. Denn dennoch gibt es keine Resignation. Es gibt einen starken, wenn auch nur leise geäußerten Wunsch, sich anzupassen ohne sich selbst zu verlieren. Japan interpretiert seine Geschichte mit Dankbarkeit und Verantwortung. Es macht sie nicht zu einem Banner, dass man schwenkt, sondern zu einen stillen Kompass. Es lebt die Gegenwart in dem Bewusstsein, dass jede noch so kleine Geste überreichtens in sich klauen kann.

0:17:41Teil einer langen Kette von Bedeutungen ist. Und so überrascht es immer wieder, nicht weil es gleich geblieben ist, sondern weil es gelernt hat, sich zu verändern, ohne aufzuhören, sich selbst zu sein. Es gibt eine ganz japanische Art, die Welt zu betrachten. Wie bereits erwähnt, ist sie nicht laut, sucht nicht nach Effekten und verlangt keine Aufmerksamkeit. Es ist eine Art, die aus Stille, Pausen und vollen Leerstellen besteht. Im Westen bezeichnen wir dies oft als Minimalismus. Aber in Japan ist es keine Mode, sondern eine Lebensauffassung. Dahinter steht ein altes, fast poetisches Prinzip. Das Wabisari. Zwei Wörter, die sich nicht genau übersetzen lassen, aber zusammen von unvollkommener, unvollendeter, vergänglicher Schönheit sprechen. Eine zerbrochene Vase, ein abgefallenes Blatt, Moos

0:19:03auf einem Stein, ein Stück Holz, das von der Zeit gezeichnet ist, in allem, was vom Leben geprägt ist. Sehen die Japaner die Anmoden, die sie in ihrem Leben vermitteln, wie sie sich in ihrer Welt vermitteln? Sie sehen die typische Welt aus, der sich verändernden Welt. Diese ästhetische Sensibilität entsteht nicht aus Luxus, sondern aus Achtsamkeit. Sie erfordert keinen Überfluss, sondern Präsenz. Eine abgeschnittene Blume braucht keinen Strauß. Ein einzelner, sorgfältig platzierter Stil reicht aus. Ein Raum muss nicht mit Gegenständen gefüllt sein, Er kann leer sein und dennoch alles sagen. Das ist das Konzept von Ma, dem Wert des leeren Raumes. Der Pause zwischen den Dingen, die Pause des atmenden Raumes. Diese Philosophie durchdringt alles. Die Architektur, die Kalligrafie, die Tee-Zeremonie, sogar die Art und Weise, wie man kocht oder ein Mittagessen zubereitet.

0:20:26Jede Geste ist zurückhaltend, maßvoll, respektvoll gegenüber der Zeit. Denn Schönheit ist für die Japaner nicht das, was sofort aufhält, sondern das, was langsam zum Vorschein kommt. Wie ein Flüstern, das in den Gedanken. Deshalb drängt sich die japanische Ästhetik nicht auf, sondern lässt sich entdecken. Sie will nicht beeindrucken, sondern zum Nachdenken anregen. Deshalb empfinden viele Menschen aus dem Abendland, die im Lärm des in Anführungszeichen vielen leben, in Japan ein inneres Gefühl der Ruhe, das anderswo verloren gegangen ist.

0:21:20In einer immer... ...schnelllebigeren Welt erinnert uns die japanische Schönheit daran, dass Details, Unvollkommenheit und Ruhe noch immer einen Wert haben. Der Wert des Innehalten, des Beobachten und auf das Hören zu können, was die Stille zu sagen hat. Und in diesem Moment verstehen wir vielleicht wirklich, was es bedeutet, mit japanischen Augen zu sehen. Über Spiritualität in Japan. Daran zu sprechen ist wie ein Garten zu betreten. Es gibt keine Stimme, die einen führt, aber jedes Element, auch das kleinste, sagt uns etwas.

0:22:07Keine Religion schreibt Dogmen vor. Kein Gebet erhebt seine Stimme. Japan hat eine Spiritualität entwickelt, die aus Gesten, Natur, Respekt und einer unsichtbaren Kontinuität zwischen der materiellen und der immateriellen Welt besteht. Eine alltägliche, verkörperte, stille Spiritualität. In der japanischen Spiritualität, dem Shintoismus, der hier heimisch ist, und dem Buddhismus, der aus Kontinentalasien kam, aber tiefe Wurzeln geschlagen hat, leben zwei Seelen zusammen und sind miteinander verflochten. Der Shinto, der Weg der Götter, ist keine Religion im westlichen Sinne. Er hat keine einheitlichen heiligen Texte, keine Gründer und keine Gebote. Er ist vielmehr eine Form der Beziehung zur Natur und zum Unsichtbaren. Im Mittelpunkt stehen die Kami. Eine Gesamtheit von Geistern, Präsenzen und heiligen Energien, die in den Bergen, Flüssen, Bäumen und Orten wohnen.

0:23:40Der Shintoismus lehrt uns, dass die Natur nicht beherrscht, sondern empfunden werden muss. Jedes Element kann einen Kami enthalten. Ein jahrhundertalter Baum, ein Felsbrocken, ein Felsbrocken. Ein Fuchs, ein plötzlicher Windstoss. Aus diesem Bewusstsein entsteht der Respekt vor unserer Umgebung. Deshalb ist Reinheit ein zentraler Wert, sowohl im spiritueller als auch in physischer Hinsicht. Das Waschen der Hände vor dem Betreten eines Heiligtums ist eine symbolische Geste, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Der Fuchs ist ein Fuchs. Shintoismus ist eine diskrete, aber ständige Präsenz im japanischen Leben.

0:24:40Selbst diejenigen, die sich nicht als religiös betrachten, führen shintoistische Rituale zum Neujahr durch. Bei Hochzeiten, zum Schutz des Hauses oder für geschäftlichen Erfolg. Es ist eine Spiritualität, die im Leben verwurzelt und nicht von ihm getragen wird. Der Buddhismus hingegen kam im 6. Jahrhundert aus China und Korea nach Japan. Er fand in Japan einen fruchtbaren Boden, hat ihn aber auch verändert. Es verbreiteten sich verschiedene Zweige, aber der bekannteste ist der Zen-Buddhismus, der die japanische Kunst, Ästhetik und Philosophie tief geprägt hat. Das Herzstück des japanischen Buddhismus ist das Gefühl der Leere, der Stille, der Vergänglichkeit. Alles verändert sich. Alles fliesst. Es geht nicht um Resignation, sondern um gelassene Akzeptanz. Gut leben bedeutet, nicht anzuhaften, was vergeht loszulassen.

0:26:02Die Schönheit des Augenblicks zu erfassen, gelingt nicht. Es geht um Resignation, sondern um gelassene Akzeptanz. Gut leben bedeutet, nicht anzuhaften, was vergeht loszulassen. Die Schönheit des Augenblicks zu erfassen, gelingt nicht. gerade weil er vergänglich ist. Das ist die Philosophie, die hinter der Kirschblüte, dem Wabi-Sabi und der Tee-Zeremonie steht. Bei dieser Sichtweise auf die Welt kann man nicht übersehen, wie sehr der japanische Zen-Buddhismus von einem wichtigen taoistischen Einfluss durchdrungen ist. Buddhistische Tempel sind oft Orte der Einkehr und Kontemplation. Die Mönche leben im Einklang mit der Natur, bewirtschaften Gärten, meditieren, üben Künste wie Kalligrafie und Dichtkunst aus. Der Buddhismus hat Japan auch eine Art gegeben, mit dem Tod umzugehen. Sicherlich mit Distanz, aber auch mit Sorgfalt. Der Ahnenpult, die Bestattungen, das Konzept des Karmas,

0:27:09alles spricht von Kontinuität und nicht vom Ende.

0:27:16In Japan wählt man nicht zwischen Shintoismus und Buddhismus. Man lebt beides. Man wird mit einem shintoistischen Ritual geboren, heiratet im Schrein, stirbt aber mit einer buddhistischen Beerdigung. Im Tempel betet man um inneren Frieden, in Schreinen um Glück. Ein Schrein ist ein heiliger Ort, an dem im Shintoismus der alten Natur- und Ahnenreligion Japans Kami verehrt werden. Es ist ein Zentrum der spirituellen Verehrung. Menschen besuchen Schreine, um zu beten, zu danken, Schutz zu suchen oder um Glück und Reinheit zu erbeten. Schreine werden von speziellen Merkmalen getrenntzeichnet. Wie zum Beispiel durch ein großes, oft rotes Tor, Torii genannt, das den Übergang von der normalen Welt in den heiligen Raum markiert. Die Gebetshalle, in der Besucher beten können, wird Haiden genannt,

0:28:34während das Hondon, das eigentliche Heiligtum ist, in dem der Kami symbolisch in Anführungszeichen wohnt, meistens nicht öffentlich zugänglich. Die Verschmelzung dieser beiden spirituellen Wege ist tief und natürlich. Sie wird nicht als Konflikt, sondern als Ergänzung erlebt. Diese doppelte Seele lehrt, dass Spiritualität nicht schwarz oder weiß ist, sondern eine subtile Abstufung von Erfahrung. Es geht nicht darum, zu glauben oder nicht zu glauben, sondern darum, in Beziehung zu stehen. Zur Zeit, zur Welt. Zur Natur, zu anderen und zu sich selbst. Tatsächlich ist die Beziehung zwischen Natur und japanischer Kultur eines der faszinierendsten und bedeutendsten Themen und tief mit der Spiritualität und der Ästhetik des Landes verwoben. Die Natur wird nicht als etwas Äußeres wahrgenommen, das in Anführungszeichen ausgebeutet oder beherrscht wird,

0:29:54sondern als eine Präsenz, die ständig mit den Menschen im Dialog steht und einen Raum für Reflexion, Gelassenheit und Inspiration bietet. Diese tiefe Verbindung zur Natur hat alte Wurzeln, die im Shintoismus und Buddhismus liegen. Aber auch die alltäglichsten Aspekte der japanischen Kultur, wie Kunst, Architektur, Poesie und Traditionen, können durchdringen. Daraus folgt, dass auch die Sichtweise auf Zeit und Erinnerung in Japan einzigartig und faszinierend ist, da sie tief in den kulturellen Traditionen der Spiritualität und den alltäglichen Praktiken verwurzelt ist. Japan hat mit seiner jahrtausendalten Geschichte eine Wahrnehmung der Zeit entwickelt, die nicht linear, wie im Abendland, sondern vor allem zyklisch ist, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oft als miteinander verflochtene Einheiten und nicht als voneinander getrennte Einheiten betrachtet werden.

0:31:17Erinnerung ist im japanischen Kontext nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern ein Mittel, durch das Kultur und kollektive Identität erneuert und bewahrt werden. Erinnerung ist in Japan nicht nur ein Speicher für Erinnerung, sie ist eine Kraft, die die Zeit durchdringt und Vergangenheit und Gegenwart in einer gemeinsamen Dimension verbindet, in der die Zukunft kontinuierlich auf dem historischen und spirituellen Erbe aufgebaut wird.

0:31:59Wie wir bereits im Zusammenhang mit dem O-Unfest erwähnt haben, glaubt man, dass die Verstorbenen vorübergehend aus der geistigen Welt zurückkehren, um ihre Familien zu besuchen. Diese Beziehung zu den Verstorbenen und zur Vergangenheit bedeutet, dass Erinnerung nicht nur als Erinnerung gesehen wird, sondern als eine lebendige Präsenz, die die Gegenwart beeinflussen kann. Jede Jahreszeit, jedes Gedenken ist eine Möglichkeit, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen und sie in der Alltagskultur lebendig zu halten. Japan hat ein starkes kollektives Gedächtnis, das nicht nur durch historische Erzählungen, sondern auch durch Zeremonien, Rituale und kulturelle Traditionen weitergegeben wird. Grosse historische Erreichungen mit Kriegen oder politischen Umwälzungen werden oft mit Denkmälern, Festen und Ritualen gewürdigt, die nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern sie in das tägliche Leben integrieren.

0:33:23Die Erfahrung der Vergangenheit ist somit nichts getrenntes, sondern ein ständiger Bezugspunkt, der die kulturellen und sozialen Entscheidungen der Gegenwart beeinflusst. Viele von uns erinnern sich noch sehr gut an das schreckliche Erdbeben und den darauffolgenden Tsunami, die am 11. März 2011 einen bedeutenden Teil des nördlichen Archipels Japans verwüsteten und derselben zerstörerischen Kraft verdankt das Reich der aufgehenden Sonne seine Existenz. Die Geschichte Japans lässt sich grob in vier Kapitel unterteilen. Die Vorgeschichte mit den, wie in jeder Zivilisation, von Legenden durchdrungenen Jahrhunderten, die klassische und buddhistische Zeit, die von China und Korea zivilisiert wurde, die Ära des friedlichen Feudalismus und des Tokugawa Shogunats, das von der Aussenwelt isoliert und in sich selbst zurückgezogen war und schliesslich den historischen Moment des modernen Japan,

0:34:48das ab 1853 unter innerem und äusserem Druck den Handel und das Industriezeitalter begann und daher Kriege führen musste und wollte, um sein unaufhaltsames Expansionsstreben zu befriedigen. Nicht aus historischen Gründen, sondern mit dem Geist der Chronik wollen wir schliesslich unseren Blick auf das heutige Japan richten.

0:35:22Die japanische Mythologie des Koiki besagt, dass am Anfang nur die Götter existierten. Das Koiki, was Chronik der alten Ereignisse bedeutet, ist der älteste bekannte japanische Text. Er wurde zu Beginn des 8. Jahrhunderts im Jahr 712 nach unserer Zeitrechnung im Auftrag des Kaisers verfasst. Es ist ein grundlegendes Werk zum Verständnis der Mythologie, Religion und kulturellen Identität Japans und eine der wichtigsten Quellen der Shintoistischen Religion. Es handelt sich um eine Sammlung von Mythen, Legenden, Genealogien und mündlichen Überlieferungen, die von den mythologischen Ursprüngen Japans, der Erschaffung der Welt und der Götter, der göttlichen Abstammung der japanischen Kaiserfamilie und den Taten der ersten Kaiser bis hin zu Kaiser Oshin erzählen. Das Werk wurde von Ono Yasumaru, einem Hofgelehrten verfasst,

0:36:46der auf Befehl der Kaiserin Jenmei die mündlich überlieferten Erzählungen des kaiserlichen Sängers jeder Noare niederschrieb. Das Koiki oder Kojiki ist in drei Abschnitte gegliedert. Der erste Teil ist dem Kamitsumaki, dem Buch der Götter, gewidmet, in dem die japanische Kosmogonie erzählt wird, angefangen von der Entstehung von Himmel und Erde bis zur Geburt der wichtigsten shintoistischen Gottheiten wie Izanagi oder Izanami, die die Inseln Japans erschufen. Es enthält auch den Mythos von Amaterasu, der Sonnengöttin und Vorfahrin des Kaisers. Der zweite Abschnitt, Nakatasumaki, sprich das mittlere Bang, erzählt vom Abstieg der göttlichen Nachkommen auf die Erde und der Ankunft von Nininji no Mikoto, dem Großvater des ersten menschlichen Kaisers. Hier beginnt die Verschmelzung von Mythos und historischer Genealogie. Der dritte und letzte Abschnitt

0:38:19Shimotsumaki, sprich das untere Band, enthält die Geschichten der ersten menschlichen Kaiser bis zum Herrscher Oiji. In diesem Teil sind die Ereignisse weniger mythisch und eher historisch, wenn auch immer noch legendär. Aber das Kojiki ist nicht in Anführungszeichen nur ein mythologisch legendärer Text aus einer fernen und mittlerweile dunklen Vergangenheit. Der Text ist viel mehr. In erster Linie stellt er die Grundlage des Shintoismus dar, da er die Mythologie der Kami präsentiert, die die natürliche Welt bewohnen. Die Geschichten erklären den Ursprung der Natur, der Geister und der traditionellen religiösen Zeremonie. Zweitens verbindet der Text den japanischen Kaiser direkt mit der Göttin Amaterasu und begründet damit die göttliche Legitimität der kaiserlichen Familie.

0:39:39Dieser Aspekt wurde jahrhundertelang politisch genutzt, um die Autorität des Staates zu stärken. Drittens ist es zweifellos ein literarischer und sprachlicher Schatz. Geschrieben in einer alten Form des Japanischen ist es eine wertvolle Sprachquelle. Schließlich wurde das Kojiki in verschiedenen Epochen neu gelesen und als Symbol der japanischen nationalen Identität interpretiert. Insbesondere während der Meiji-Zeit und vor dem Zweiten Weltkrieg als der Shintoismus als Staatsreligion gefördert wurde. Tauchen wir ein in die faszinierenden Erzählungen des Kojiki von Anfang an. Am Anfang aller Dinge waren Himmel und Erde nur eine formlose Masse, die in einer urzeitlichen Stille schwebte, in der die Zeit noch keinen Namen hatte und das Licht sein Spiegelbild nicht kannte. Aus dem unendlichen, undeutlichen Entschuldigung, Schoß des Chaos entstanden spontan

0:41:10die ersten Kami, formlose göttliche Wesen, die wie Nebel in der Weite des kosmischen Raumes schwebten. Unter diesen höchsten Geistern befand sich Ame-no-min-kananushi, der Herr der himmlischen Mitte, eine Emanation der noch unsichtbaren Ordnung. Aber erst nach der Geburt der ersten sichtbaren Kami, die mit Willen und Gesten ausgestattet waren, begann der Kosmos gestaltet zu.

0:41:48Es waren die Götter Itzanagi, der Einladende, und Itzanami, die Einladende, Bruder und Schwester, männlich und weiblich, die beiden komplementären Kräfte, die mit der Schaffung der greifbaren Welt beauftragt waren. Die himmlischen Kami schenkten ihnen einen heiligen Speer, den Ame-no-lu-boko, den Speer des Himmels, verziert mit Juwelen und Macht. Auf der schwimmenden Brücke des Himmels, sprich Ame-no-uki-ashi, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren tauchten Itzanagi und Itzanami, den Speer in das trübe Wasser des Abgrunds. Sie hoben ihn langsam wieder heraus und aus den Tropfen, die von seiner Spitze fielen, entstand die erste Insel Onogoro-Shima, also die Insel, die sich selbst bildet. Die Analogie zum chinesischen Mythos von Fuxi und Nuwa, ist erwähnenswert. Hier auf der Urinsel errichteten die beiden Götter

0:43:18eine heilige Säule und einen Palast. Sie schlossen dort die Ehe und vollzogen ein Ritual, bei dem die Worte das Gewicht des Schicksals hatten. Beim ersten Versuch der Vereinigung sprach jedoch die Göttin Itzanami, als erste, eine Umkehrung der natürlichen Ordnung. Die aus dieser Verbindung hervorgegangenen Kinder waren missgebildet, unvollkommen und wurden verstoßen. Die beiden Götter erkannten ihren Fehler und wiederholten das Ritual, diesmal unter Beachtung der kosmischen Ordnung. Diesmal sprach Itzanami als erster das heilige Wort und so entstanden aus dieser harmonischen Vereinigung die Inseln Japans. Hawaii, Shikoku, Kiju, Honshu und die anderen. Jede Insel war lebendig, heilig und mit einem Geist ausgestattet. Die Erde selbst war ein göttlicher Körper, nach den Inseln entstanden auch die Gottheiten der Natur,

0:44:46des Meeres und des Windes, des Feuers und der Berge. Aber es war gerade der Gott des Feuers, Kakaguchi, Kakaguchi-suchi, der die Tragödie verursachte. Bei seiner Geburt verbrannten die Flammen Itzanami. Die verbrannte und starb. Itzanami, gebrochen von Schmerz, stieg in das Yomi, das Reich des Schatten, hinab, um sie zurückzuholen. Auch in diesem Abschnitt kommt uns unweigerlich die griechische Mythos von Orpheus und Eurydike in den Sinn. Orpheus, der über den Tod seiner Frau Eurydike verzweifelt ist, steigt in die Unterwelt hinab, um seine Liebe zurückzuholen. In der Dunkelheit des Jenseits war Licht verboten. Itzanami, die sich inzwischen verwandelt hatte, bat um Zeit. Aber Izanagi, getrieben von seiner Angst, brach den Pakt und sah sie an. Er sah einen verwesenden Körper von Dämonen heimgesucht.

0:46:06Erschrocken floh er und Itzanami schwor wütend Rache. Sie würde jeden Tag tausend Leben fordern. Izanagi antwortete, dass er ebenso viele Leben erschaffen würde. In diesem Moment kam der Tod in die Welt und mit ihm der Kreislauf des Lebens. Nachdem Izanagi ihren Körper von der Verunreinigung durch das Reich der Toten gereinigt hatte, gebar sie drei grosse Gottheiten. Amaterasu, die Sonnengöttin, die aus ihrem linken Auge geboren wurde. Tsukuyomi, den Mondgott, aus ihrem rechten Auge. Und Susanoo, den Gott der Stürme, aus ihrer Nase. Aber es war Amaterasu, strahlend majestätisch, die den Himmelsraum, das Takamagahara, die Wohnstätte der Götter, als Geschenk erhielt. Von ihr sollte die japanische Kaiserlinie abstammen, die ihre Wurzeln nicht im sterblichen Blut, sondern im ewigen Feuer des Lichtes hat.

0:47:26So erzählt das Kojiki nicht einfach Göttern und Inseln, sondern von der Heiligkeit der Welt. Jeder Berg, jeder Fluss, jede Insel Japans trägt die Erinnerung an eine Welt, göttliche Geste in sich. Himmel und Erde sind keine leblosen Kulissen, sondern aktiv am Sein beteiligt. In dieser Sichtweise ist Japan nicht nur eine Nation, sondern ein lebendiger und heiliger Körper, entstanden aus der ursprünglichen Vereinigung von männlich und weiblich, von Licht und Dunkelheit, von Leben und Tod. Und im ständigen Wechsel der Jahreszeiten, in den Shintoistischen Ritualen und alten Gesängen, lebt der Mythos weiter. Nicht als Märchen, sondern als tiefe Erinnerung an die japanische Identität. Die Geschichte von Amaterasu muss zurecht als eine der berühmtesten und mächtigsten Mythen des Kojiki angesehen werden.

0:48:50Besonders der Mythos der Göttin Amaterasu und der himmlischen Höhle verdient besondere Aufmerksamkeit.

0:49:00Wie wir bereits gesehen haben, hatte Amaterasu von ihrer Mutter Ijanagi den Himmel der Götter geschenkt bekommen, also das symmetrische Gegenstück zum griechischen Olymp. So regierte sie hoch oben in den lichten Wiesen des Takamagahara, die große Amaterasu Omikami, die Sonnengöttin, strahlende Herrscherin, die den Welten Leben schenkt. Ihr Bruder war Susanoo, der stürmische Gott des Meeres und der Stürme. Impulsiv, ungestühl und unbeständig verkörpte er die chaotische Kraft, welche die Orden, die Wut der Elemente, entdeckten und zerstörte. Neidisch auf das Licht seiner Schwester und vielleicht unfähig, dessen Bedeutung zu verstehen, verwüstete Susanoo den Himmel. Er zerstörte die heiligen Felder von Amaterasu, verwüstete die Reisfelder und tötete eine Dienerin im himmlischen Palast. Es war nicht nur eine persönliche, sondern eine kosmische,

0:50:23menschliche Begleitung. Verletzt und empört zog sich Amaterasu zurück. Sie schloss sich in der himmlischen Höhle ein und versperrte den Eingang mit einem riesigen Stein. Mit ihr verschwand das Licht aus der Welt. Der Himmel wurde grau, die Erde kalt und unfruchtbar. Die Schatten wurden tief. Menschen und Götter lebten unter einem Schleier der Finsternis. Chaos und Unordnung drohten, alles zu verschlingen. Die Yayo Yayorusu Nokami, die acht Millionen Götter, versammelten sich unter dem Himmelsbaum, um nach einer Lösung zu suchen. Niemand konnte den Stein entfernen. Niemand wagte es einzudrehen. Da ersann die Göttin der Freude und des Vergnügens, Ameno Uzume, einen kühlen Plan. Sie würde tanzen. Vor dem Eingang der Höhle entkleidete sich Uzume, stampfte mit den Füßen auf den Deckel eines leeren Fasses

0:51:36und begann einen wilden, obszönen und zugleich heiligen Tanz. Die Götter waren überrascht und brachten in Gelächter aus. Das Lachen hallte so laut, dass es bis zu Amaterasu drang. Neugierig öffnete Amaterasu, den Stein, einen Spalt und fragte sich, wie es in einer Welt ohne Sonne Freude geben könnte. In diesem Moment riss der Gott Taiikakaro mit göttlicher Kraft den Stein aus dem Eingang und das Licht strahlte wieder vom Himmel auf die Erde. Dieser scheinbar einfache Mythos ist ein Archetyp der japanischen Welt. Amaterasu steht für Harmonie, Licht und geordnete Herrschaft und ihr Rückzug symbolisiert die Zerbrechlichkeit des kosmischen Gleichgewichts. Die Höhle ist der Ort der Innerlichkeit, der Trauer, der Nacht der Seele, aber auch der Vorbereitung der Rückkehr.

0:52:56Uzume verkörpert mit ihrem Tanz und ihrem Lachen die Kraft der Kunst, des Rituals und der Schönheit. Nur durch Freude kann die Dunkelheit besiegt werden, nicht durch Gewalt. Taiikakaro verkörpert den Moment, in dem die richtige Handlung, die präzise und entschlossene Geste die Tür zur Wiedergeburt weit öffnete. In den Tiefen des Mythos und des Glaubens gibt es eine Geschichte, die sich wie ein alter Atemzug wiederholt. Die Geschichte vom verlorenen und wiedergewonnenen Licht. Als Amaterasu, die Sonnengöttin, sich in eine Höhle zurückzog, erlosch die Welt. Die Felder verdrohten, die Götter verstummten. Die Menschheit ehrte ziellos umher. In der Abgeschlossenheit des Felsens, in der undurchdringlichen Finsternis, schien die Ordnung des Universums selbst zerbrochen. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht.

0:54:13Nur noch einen dichten Schatten wie den Atem einer vergessenen Welt. Auch im Steingrad, in dieser versiedelten Höhle, lag Christus wie ein erloschenes Licht. Drei Tage lang blieb die Erde in der Schwebe. Die Zeit selbst schien den Atem anzuhalten. Nach der Kreuzigung liegt Christus in einem Grab hinter einem riesigen Stein. Eine Metapher für eine Welt, die in gespannter Erwartung schwebt. Der Tod Christi ist auch ein Abstieg in die Unterwelt. Eine Abwesenheit des Logos, des Lichts der Welt. Am dritten Tag ist Christus auferstanden. Der Stein ist weg. Das Licht triumphiert über den Tod. Der Logos, das Wort, die Wahrheit, die Vernunft, war in das Tuch der Toten gehüllt. Kein Wunder zerriss der Himmel, nur die stille Erwartung

0:55:23wie ein unter dem Schnee begrabenen Keim. Ebenso lebten die Menschen in der Dunkelheit von Platons Höhle. Gefesselt, gefangen in den Schatten. Sie wussten nicht, dass sie blind waren. Die wahre Sonne, die Idee, das Gute, blieben ausserhalb ihres Bewusstseins. Ihre Nacht war umso trügerischer, als sie wie ein illusorischer Tag erschien. Eine Lüge, die man für die Wahrheit hielt. Drei ferne Welten, drei verschiedene Kulturen. Und doch verbinden sie ein einziges unsichtbares Geflecht. Das Thema des Lichtentzugs als Mangel an Leben, Wahrheit und Ordnung ist universell. Und alle drei Geschichten Amaterasu, der begrabene Christus, der Mythos der platonischen Höhle sprechen genau von einer Abwesenheit des Lichts, die mit einer Krise der Welt und einem Potenzial für Wiedergeburt zusammenfällt.

0:56:37Die Dunkelheit ist eine Schwelle, kein Ende. Die Dunkelheit ist also nicht das Ende, sondern der Vorraum einer höheren Wiedergeburt. Als die Götter Amaterasu mit dem Spiegel täuschten, sprich, sie vor das Spiel zwischen Schein und Wirklichkeit stellten, vor der Offenbarung ihrer Wahrheit, sprach er selbst. Als der Grabstein beim ersten Lichtstrahl der Morgendämmerung weggerollt wurde, als der Gefangene in der Höhle geblendet zum ersten Mal die echte Sonne sah, in jedem dieser Momente kehrte das Licht zurück. Nicht als einfache Rückkehr, sondern als Sieg. Es war nicht mehr das gewohnte Licht, es war ein selbstbewusstes Licht. Der Tod, das Exil, die Unwissenheit, all diese inneren Nächte waren Prüfungen, die notwendig waren, um etwas Neues zu schaffen. Im Herzen der Höhle, im Grab und im verschlossenen Felsen

0:57:47ändert die Welt nicht. Sie bereitet sich vor. Die wiedergeborene Sonne ist nicht dieselbe, die untergegangen ist. In jeder Zivilisation, die das Geheimnis der Existenz ergründet hat, oder zumindest versucht hat, es zu ergründen, hat der Mensch auf seine Weise verstanden, dass das wahre Licht nur durch die Dunkelheit hindurch erobert werden kann. So ist in der Höhle des menschlichen Herzens jede Dunkelheit, selbst die tiefste, nichts anderes als ein Warten, ein langsamer Herzschlag vor dem neuen Tag.

0:58:32In der Shintoistischen Spiritualität ist Amaterasu nicht nur eine Göttin, sondern die Vorfahren der japanischen Kaiserfamilie. Ihr Hauptheitlichtum, Ise-Jungu in der Präfektur Mie, ist das spirituelle Zentrum Japans und wird noch heute von Millionen Pilgern besucht. Alle 20 Jahre wird der gesamte Schrein abgebaut und nach uralten Ritualen wieder aufgebaut. In einem ewigen Zyklus, der Wiedergeburt, Erinnerung und Reinheit feiert. Im Mythos der Höhle finden wir den tiefen Kern der japanischen Kultur wieder, die Bedeutung des sozialen Zusammenhalts, der Maßhaltung, der Kunst als Medizin für die Welt. Das Licht kann verschwinden, aber nicht für immer. Durch Rituale, poetische Gesten und Zusammenarbeit kann man es, kann es, kann es immer wieder zurückkehren. In dem Mythos, der in Koishiki erzählt wird, beschließt die Sonnengöttin Amaterasu,

0:59:53die durch die Unruhen ihres Bruders Susano beunruhigt ist, die irdische Macht an einen direkten Nachkommen zu übertragen, um auf der menschlichen Ebene Ordnung und Licht zu bringen. Amaterasus Enkel, Nininji no Mikoto, wird mit einer feierlichen Zeremonie dem sogenannten Himmelsabstieg auf die Erde gesandt. Ihm werden die drei heiligen Schätze übergeben, das Spiegel als Symbol für Wahrheit und Weisheit, das Schwert als Symbol für Stärke und Schutz und das Juwel als Symbol für Güte und Legitimität. Diese göttlichen Schätze stehen noch heute. im Mittelpunkt der Krönungszeremonien des japanischen Kaisers. Sie sind nicht nur Embleme, sondern heilige Instrumente der Macht übertragen. Es handelt sich um drei Symbole der Macht und Tugend. Der Spiegel steht für Wahrheit und tiefe Selbsterkenntnis. Es ist derselbe Spiegel, mit dem Amaterasu aus der Höhle gelockt wurde.

1:01:20In ihm zu schauen, ist wie sein eigenes Herz zu betrachten, ohne zu lügen. Er ist die Metapher der Selbsterkenntnis.

1:01:33Er wird im Schrein von Ise-Kindu aufbewahrt, wo Amaterasu selbst verehrt wird. Das Schwert symbolisiert Stärke und Tapferkeit, aber auch die Fähigkeit, zerstörerische Leidenschaften zu beherrschen. Der Mythos besagt, dass Susano, es im Körper eines achtköpfigen Drachen fand und seiner Schwester schenkte. Es wird im Azuta-Schrein in Nagoya aufbewahrt, allerdings nie der Öffentlichkeit gezeigt. Das Juwel schliesslich ist ein Symbol für Güte und Legitimität. Seine gebogene Tropfenform erinnert an den Kreislauf des Universums und die Kontinuität zwischen den Welten. Es wird im Kaiserpalast in Tokio aufbewahrt. Zusammen verkörpern diese drei Gegenstände die grundlegenden Tugenden des Kaisers. Klarheit, Mut und Mitgefühl. Begleitet von einer Schar von Gottheiten stieg Ninji vom Himmel herab und betrat den Berg Takashido. In der Provinz Hyunga.

1:02:54Heute Teil von Kyushu. Umgeben von leuchtenden Wolken. Dort gründete Ninji den ersten Kern der japanischen Zivilisation und schuf eine soziale, landwirtschaftliche und rituelle Ordnung im Einklang mit den Kami. Seine Aufgabe war es nicht zu herrschen, sondern im Gleichgewicht mit Natur, und dem Herzen des Volkes zu regieren. Ninji hatte einen Urenkel namens Jinmu, der dem Überlieferung zufolge der erste Kaiser Japans war und 660 vor unserer Zeitrechnung den Thron bestieg.

1:03:43Der Legende nach marschierte Jinmu nach Osten und gründete am 11. Februar 660 vor unserer Zeitrechnung die kaiserliche Dynastie, dem ersten Tag des ersten Monats des Jahres des Metallhahns und regierte bis 585 vor unserer Zeitrechnung, wobei er das Land unter der Ägide der himmlischen Macht vereinte. Der Name bedeutet wörtlich göttliche Macht und soll eine kaiserliche Dynastie begründet haben, die Japan bis heute ununterbrochen regiert. Das japanische Kaiserhaus begründet seinen Anspruch auf den Thron auf seine Abstammung von Jinmu Tenno. Seitdem gilt jeder Kaiser als direkter Nachkomme von Amaterasu in der Linie von Jinmu. Es handelt sich um eine, zumindest der Überlieferung zufolge, seit über 2600 Jahren ununterbrochenen Dynastie, die älteste noch amtierende der Welt. Im traditionellen Shintoistischen System ist der Kaiser

1:05:08Tenno, sprich himmlischer Herrscher, kein Gott, sondern göttlichen Ursprungs. Er ist ein Vermittler zwischen den Kami und den Menschen, zwischen der heiligen und der profanen Welt. Ein Herrscher, der das Heilige und das Profane vereint und voneinander trennt. Seine Anwesenheit garantiert das Gleichgewicht der natürlichen und sozialen Welt als Schnittpunkt zwischen Himmel und Erde. Diese Vorstellungen hatten im Laufe der Geschichte Höhen und Tiefen. Während der Nara- und Haiyan-Zeit war der Kaiser Gegenstand einer regelrechten religiösen Verehrung. Im Mittelalter, während der Kamakura- und Muromachi-Zeit, ging die tatsächliche Macht auf die Krieger, Shogun genannt, über. Aber die Figur des Kaisers blieb symbolisch heilig. Während der Meiji-Zeit ab 1868 belebte die kaiserliche Restauration den Mythos von Amaterasu mit politischer Kraft. Der Shintoismus wurde Staatsreligion

1:06:43und der Kaiser wurde als halbgöttliches Wesen verehrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verzichtete Kaiser Hirohito auf den Wunsch der Alliierten öffentlich. Auf seine Göttlichkeit. Die Abstammung von Amaterasu wurde jedoch nie geleugnet und bleibt ein identitätsstiftendes Element, eher kultureller als theologische Natur, der japanischen Monarchie. Heute wird die japanische Kaiserfamilie weiterhin eher als spirituelle und kulturelle, denn als politische Präsenz angesucht. Die Rolle des Kaisers ist zeremoniell, aber in seiner Person leben noch immer die Kontinuität des nationalen Gedächtnisses, die Verbindung zu archaischen und heiligen Traditionen und das Gefühl der Harmonie zwischen Natur, Menschheit und Gottheit weiter. Als der neue Kaiser Naruhito 2019 den Thron bestieg, vollzog er uralte Rituale, um die drei heiligen Schätze, Symbole des himmlischen Mandats, zu empfangen.

1:08:06In dieser Geste halt noch immer über Jahrhunderte hinweg das Echo des Lichts von Amaterasu wider. Der Name Japan ist höchstwahrscheinlich eine Abwandlung des malayischen Begriffs Japan oder Japun, der Insel bedeutet. Im Laufe der Zeit könnte sich der Begriff zu Nippon im Japanischen gewandelt haben. Eine andere Möglichkeit ist eine Abwandlung des chinesischen Begriffs Nijibon, der Ort, an dem die Sonne aufgeht, bedeutet. Die Japaner bezeichnen ihr Land gewöhnlich als Tai Nippon, was grosses Japan bedeutet. Es ist anzunehmen, dass der japanische Archipel in der Antike mit dem asiatischen Kontinent verbunden war. Und angesichts der durchschnittlichen Tiefe des Meeresbodens, 110 bis 140 Meter unter dem Meeresspiegel, könnte dies sogar während der letzten Eiszeit der Fall gewesen sein. Die grösste der japanischen Inseln ist Honokawa,

1:09:27oder Honshu, selten Hondo genannt, die 1800 Kilometer lang und maximal 118 Kilometer breit ist. Sie macht somit etwa die Hälfte der 420'000 Quadratkilometer grossen japanischen Inselgruppe mit ihren 21'000 Kilometern Küstenlinie aus. Das Klima ist das Ergebnis des Aufeinandertreffens der warmen Luft- und Wasserströmungen des Südpazifiks mit der kalten Luft der japanischen Berge und der Halbinsel Kamtschatka. In Japan herrscht daher ein ähnliches Wetter wie im Vereinigten Königreich. Die Natur ist sehr üppig und schön. Die Berge sind vulkanischen Ursprungs und daher durch sanfte, sehr sanfte und gleichmässige Linien gekennzeichnet. Wie beispielsweise der Fujiyama. Die ersten Funde aus der Altsteinzeit stammen aus der Zeit vor etwa 100'000 Jahren und es wird angenommen, dass sich drei ethnischen Gruppen in Japan niedergelassen haben.

1:10:47Die Ainu kamen in der Jungsteinzeit aus dem Delta des Flusses Amur über die Kurileninseln in den Norden Japans. Darüber hinaus soll ein mongolischer Stamm und vor allem im Süden malayische und indonesische Stämme um das 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung nach Japan gekommen sein. Aus der Vermischung dieser Stämme entstand die japanische Volksgruppe. Chinesische Chroniken aus dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung beschreiben die Japaner als Zwerge, die weder Ochsen noch andere Haustiere besitzen. Eine boshafte chinesische Legende erzählt, dass eine tugendlose chinesische Prinzessin verstoßen und auf einem Floss dem Schicksal des Meeres überlassen wurde. Mit günstigem Wind erreichte das Floss die japanische Küste, wo sich die Prinzessin mit einem Affen paarte und das japanische Volk entstand. In Japan wurden die ältesten uns bekannten Steinwerkzeuge gefunden.

1:12:11Die Steinexte wurden in der Nähe von Nagano ausgegraben und auf etwa 30.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung datiert, also etwa 20.000 Jahre.

1:12:30Zwischen 10.000 und 300 vor unserer Zeitrechnung entwickelte sich in Japan die sogenannte Yomon-Kultur. Die Keramikbunde gaben dieser Epoche ihren Namen. Die Yomon-Kultur ist eine der faszinierendsten und geheimnisvollsten prähistorischen Zivilisationen Japans und der ganzen Welt. Sie existierte über 10.000 Jahre lang, von etwa 14.000 vor unserer Zeitrechnung bis 300 vor unserer Zeitrechnung und hat ihren Namen vom Begriff Yomon, was geflochtene Schnurverzierung bedeutet, aufgrund der außergewöhnlichen Mustern, die auf die von diesem Volk hergestellten Keramiken geprägt wurden. Das Besondere an dieser Keramik ist, ihr äußerst kreatives Design. Die Rillen wurden mit Schnüren unterschiedlicher Dicke in den roten Ton gedrückt, um bestimmte Motive zu schaffen. Typisch sind die spiralförmigen, flammenähnlichen Motive. Die Keramik wurde bei relativ niedrigen Temperaturen befreit. Die Yomon waren sesshafte Jäger, Sammler und Fischer.

1:14:04Ja, sesshaft. Und das ist einer der faszinierendsten Aspekte. Sie lebten Tausende von Jahren, ohne zur großflächigen Landwirtschaft überzugehen, sondern ließen sich in Dörfern nieder, bauten Erdhäuser und lebten in Einklang mit der Umwelt, oder in diesem Fall, müsste man sagen, mit der Mittwelt. Sie ernährten sich vermutlich von Kastanien, Alcheln, Wurzeln, Bären, Fischfang und der Jagd auf Hirsche, Wildschweine, Vögel, Süß- und Salzwasserfische, Krustentiere und Moschee. Sie kannten Formen der Lebensmittelkonservierung und betrieben eine Urform der Landwirtschaft mit Pflanzen wie Kürbis und Taro. Ihre Welt war vom Rhythmus der Natur geprägt, ohne systematische Ausbeutung oder übermäßige Anhäufung, was einige Wissenschaftler dazu veranlasst hat, sie als eine Art postmoderne Zivilisation vorwegzunehmen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Jomon-Kultur um 10.000 vor unserer Zeitrechnung

1:15:33die erste in der Geschichte der Menschheit war, die Keramik herstellte. Keramik ist relativ zerbrechlich und für Nomaden wenig geeignet. Daher muss man aus dieser Beobachtung schließen, dass die Jomon-Kultur die genannten sesshaften ethnischen Gruppen umfasste, die sich durch eine primitive Form der Landwirtschaft auszeichneten. Etwa 2000 Jahre vor den mit Sicherheit nachgewiesenen landwirtschaftlichen Gesellschaften des Nahen Ostens. Lange Zeit wurde die Jomon-Kultur im Vergleich zu ihrer folgenden Agrarkultur, der Yayoi-Kultur, als primitiv angesehen. Jüngste Studien wirkten jedoch ihre Komplexität völlig neu. Es handelte sich um eine symbolische, kreative und spirituelle Zivilisation. Vielleicht eher harmonisch als fortschrittlich, eher verwurzelnd als expansiv. Es wurde festgestellt, dass die ersten Holzhäuser zwischen 7500 und 4000 vor unserer Zeitrechnung auf flachen Fundamenten gebaut wurden.

1:17:04In unmittelbarer Nähe wurden Muschelhügel gefunden, die Kaizuka genannt werden. Ein Hinweis darauf, dass Meeresfrüchte ein wichtiger Bestandteil der damaligen Ernährung waren, wer weiß. Zwischen 4000 und 3000 vor unserer Zeitrechnung erwerbte sich das globale Klima und der Meeresspiegel stieg um zwei bis drei Meter gegenüber heute. Das wärmere Klima ermöglichte bessere Ernten und damit wuchs die Bevölkerung. Auch die Keramikkunst wurde in dieser Zeit erheblich verbessert. Die Gefäße erhielten einen hervorstehenden Rand und die Verzierungen wurden viel raffinierter. Auch die shintoistische Mythologie, die Hochzeitsprinche, die Verwendung von Metall und die architektonischen Archetypen sind in dieser Zeit einzuhalten. Die soziale Organisation der kleinen Gemeinschaften, sprich eine Art der sozialen Organisation, die auf realen oder symbolischen Verwandtschaftsbeziehungen beruhte, in der Erde verwurzelt und tief mit der Spiritualität

1:18:32und dem Naturkreislauf verflochten war, gründet auf einer Religiosität, die durch Animismus und Totemismus gekennzeichnet war. In der animistischen Weltanschauung existiert der gesamte Kosmos in zwei Formen, als materielle Welt und als spirituelle Welt, ähnlich der christlichen Vorstellung von dieser Welt und dem Jenseits. Es gibt jedoch keine Unterscheidung zwischen natürlich und übernatürlich, da alles, was im Kosmos existiert und geschieht, als natürlich wahrgenommen wird. Alles existiert in zwei identischen Formen, eine sichtbare, materielle und eine unsichtbare, spirituelle, die sozusagen eine Doppelwelt zur materiellen Welt bildet. Während die spirituelle Welt in ihrer Gesamtheit als nahezu ideal und unvergänglich angesehen wird, wird die materielle Welt als störbar und vergänglich angesehen. Die animistische Weltanschauung ist im Wesentlichen auf diese Welt ausgerichtet und das daraus resultierende Verhalten

1:20:00zielt in erster Linie darauf ab, die Existenz in dieser Welt zu sichern. Im Animismus hat der Mensch einen Körper und mindestens einen Geist, der in gewissem Maße unabhängig vom Menschen existiert. Es handelt sich um ein zweites Selbst des Menschen in der geistigen Welt. Wenn dieses geistige Doppel sich endgültig vom Menschen entfernt, wird dieser krank, schwächer und kann sterben. Der Mensch lebt also gleichzeitig in zwei Welten, nach dem Tod des Körpers nur noch in der jenseitigen Welt. Im traditionellen japanischen Denki ist die Welt keine einzige geschlossene Realität, sondern ein feines Gewebe, das das Sichtbare und Unsichtbare, das Materielle und Geistige miteinander verwebt. Das tägliche Leben spielt sich in Utru-Syo, der manifesten Welt, ab, berührt aber in jedem Augenblick Tokoyo,

1:21:22die ewige Ebene der Geister und Kami. Diese beiden Dimensionen stehen nicht im Gegensatz zueinander, sondern sind Spiegelbilder, die eng miteinander verbunden sind, wie ein Bild und sein Spiegelbild im Wasser. Überraschenderweise zeichnen die fortschrittlichsten Theorien der zeitgenössischen Physik von Modellen paralleler Universen bis hin zu quantenmechanischen Interessen und Interpretationen des Multiversums ein nicht allzu unähnliches Bild. Die Realität wäre nicht einzigartig. Mit jedem Ereignis, jeder Entscheidung würden sich unendliche Möglichkeiten oder unendliche mögliche Welten eröffnen, die füreinander unsichtbar, aber real und koexistierend sind. Im alten Japan wie in der modernen Physik ist die Welt, die wir wahrnehmen, nur ein Teil einer viel größeren, vielschichtigeren, schwer fassbaren Realität. Während heute die Wissenschaft von divergierenden und simultanen Universen spricht, erkannte die japanische Spiritualität bereits

1:22:47die Existenz mehrerer Ebenen, in denen Leben, Tod, Traum, göttliches und menschliches wie in einem endlosen Spiegel reflektiert werden. In beiden Fällen ist unsere Existenz nur eine dünne Schwelle zwischen den Welten. Fast alle animistischen Religionen erkennen die außergewöhnliche Wirksamkeit an der Prozesse. Dinge und Wesen innewohnen. In der Ethnologie ist die Kraft als Mana bekannt. Sie kann sich im Menschen als Autorität, Charisma oder Lebenskraft äußern. Mana wohnt auch in Dingen und Wesen und kann genutzt, aber auch verloren werden. Rituale, der Kontakt zu den Ahnen und die Einhaltung von Tabus vermitteln Mana. Lebensmittel erhalten Mana und geben es beim Verzehr an den Menschen weiter. Mana ist also nicht nur im religiösen Kontext präsent, sondern praktisch in allen alltäglichen Ereignissen.

1:24:13Hier wird deutlich, wie sehr der Animismus das gesamte Leben der Menschen durchdringt. Es gibt gutes und böses Mana. Je nachdem, ob es Wirkung hat, die als nützlich oder schädlich eingestuft werden. Amulete besitzen Mana und werden verwendet, um Böses fernzuhalten. Auch Talismane haben Mana, sind aber dazu bestimmt, Gutes zu bringen. Unerklärliche Ereignisse, Wunder zum Beispiel, werden oft der Wirkung von Mana zugestimmt.

1:24:56Der Mensch besteht im Maninismus aus einem Körper und mindestens einem Geist, auch Traumgeist, freier Geist, spiritueller Doppelgänger. Dieser ist weder an die Person gebunden, noch lebt er in ihr, sondern in ihrer Nähe. Er ist mit Emotionen, Willen und Denkvermögen ausgestattet und hat die Aufgabe, den Körper zu schützen, vor allem vor Angriffen von bösen Geistern. Emotionalität, Wille und Denkvermögen beeinflussen auch die normalen Lebensprozesse des menschlichen Körpers. Die lebenden Verwandten eines Verstorbenen sind für den Geist des Verstorbenen verantwortlich. Sie müssen sich um ihn kümmern und dürfen ihn vor allem nicht vergessen. Solange der Geist des Verstorbenen in Erinnerung bleibt, befindet er sich in einem Zustand persönlicher Unsterblichkeit. Deshalb ist die Familie in animistischen Kulturen so wichtig. Werden die Verstorbenen jedoch vergessen,

1:26:16erlischt ihre persönliche Unsterblichkeit und sie werden zu geistigen Wesen, die keine Verbindung mehr zur Welt der Ahnen und damit auch keine Verbindung mehr zu den lebenden Menschen haben. Wenn sie dann den Menschen erscheinen, gibt es niemanden, der sie beim Namen ruft und sie können Angst und Schrecken vergreifen. Der Ahnenkult und die Grabpflege sind aus animistischer Sicht sehr wichtig. Und hier schließt sich der Fest, den wir anfangs beschrieben haben, vom Opernfest.

1:26:58Neben den Ahnen gibt es auch eine Galerie von Geistern und Dämonen, von guten und bösen Wesen, die durch Opfergaben, Gerüche und Rituale herbeigerufen oder vertrieben werden können.

1:27:16Diese Geisterwelt ist die Erklärung für viele Phänomene wie Krankheiten, Ernteausfälle, Humusnöte, Unfälle und andere Widrigkeiten. Wenn so etwas passiert, fragt man sich, wer die Geister verärgert hat, wer gegen die Gesetze verstoßen hat und wer damit die Ahnen gegen die Gemeinschaft aufgebracht hat. Grundsätzlich lassen sich animistische Kulturen in zwei Kategorien einteilen. Solche, die Ahnenkult betreiben und solche, die keinen besonderen Ahnenkult praktizieren. Die Art und Weise, wie Kulturen mit der Aussenwelt in Kontakt treten, ist grundlegend unterschiedlich. Im Animismus mit Ahnenkult, vorwiegend in sesshaften Bauernkulten, sind es Medium, die eine Verbindung zur Geisterwelt herstellen. Ein Medium ist ein Vermittler zwischen einer sozialen Gruppe von lebenden und wohlwollenden Geistwesen, die als Fortsetzung der Persönlichkeit verstorbener Mitglieder dieser Gruppe angesehen werden.

1:28:39Da zwischen den Geistern und der sozialen Gruppe eine Verwandtschaftsbeziehung besteht, kann man die Geister auf sehr direkte Weise um Hilfe bitten. Ein Medium würde niemals Kontakt zu einem als bösartig eingestuften Geistwesen aufnehmen, da dies als zu gefährlich angesehen wird. Ein Medium im Gegensatz zum Schamanen kann alle Arten von Geisterwesen sehen und mit ihnen sprechen, auch wenn es wach ist. Das Medium wird von den Geistern der Vorfahren heimgesorgt, sprich besessen. Wenn der Kontakt von Menschen gesucht wird, wird eine Sitzung organisiert, bei der erwartet wird, dass ein wohlwollendes Geistwesen vom Medium Besitz ergreift, um mit ihm zu kommunizieren. Schamanen hingegen existieren im Animismus ohne Ahnenkult, vorwiegend in nomadischen Jäger- und Sammlerkulturen. Schamanen sind Vermittler von Wissen, das im Jenseits existieren soll

1:30:00und als Handlungsanweisung in Krisensituationen aller Art dient. Dieses Wissen wird von Schamanen über seine Geisterhelfer erworben und in seiner irdischen Sozialwelt umgesetzt. Der Schamane ist gleichzeitig Priester und Arzt sowie Ratgeber in allen Fragen des Umgangs mit der Natur und der Gesellschaft. Um dieses Wissen zu erlangen, besucht der Geist des Schamanen das Jenseits. Er versetzt sich dabei in Ekstase. In animistischen Kulturen mit Schamanismus gibt es keinen direkten Kontakt zwischen den Menschen, die von diesem Wissen profitieren, und den Geistern, die es zur Verfügung stellen. Der grundlegende Unterschied zwischen dem Medium und dem Schamane besteht also darin, dass das Medium besessen wird, ein Wesen aus dem Jenseits besucht das Medium, während der Schamane in Ekstase fällt und seine Seele die Welt des Jenseits besucht.

1:31:17Unter den wohlwollenden Geistern gibt es in fast allen Religionen mit animistischer Grundstruktur einen, dessen Stellung von keinem anderen übertroffen wird. Es handelt sich um das sogenannte höchste Wesen. Das höchste Wesen hat die Welt erschaffen, eine Zeit lang mit den Menschen gelebt, sich dann aber wegen der Verderbtheit der Menschen in den Himmel zurückgezogen. Es ist jedoch nicht möglich, mit diesem höchsten Geisteswesen in Kontakt zu treten.

1:32:02Obwohl es von den Menschen verehrt wird, gibt es keine wirkliche Interaktion mit ihm. Es werden ihm weder Opfer dargebracht, noch Gebete gesprochen. Jean Piaget hat den Begriff Animismus aus der Ethnologie übernommen, um eine kindliche Denkweise zu klassifizieren. Die im Wesentlichen aus Egozentrismus resultiert. Die Übernahme dieses Begriffs ist gut begründet. Auch viele Kinder haben ein implizites Verständnis der Welt, das ihnen einen Geist, Absicht und ein Bewusstsein zuschreibt. Animistische Kinder glauben, dass alles, was in der Welt geschieht, nach moralischen Prinzipien geschieht. Kausal-physikalische Zusammenhänge werden weitgehend ignoriert. Nicht, weil das Kind sie nicht akzeptieren will, sondern weil es kognitiv nicht in der Lage ist, seine psychische Identität von der Außenwelt zu trennen.

1:33:28Der Totemismus ist ein soziales Konzept und ein Glaubenssystem, in dem eine Gruppe von Menschen dauerhafte Beziehungen zu Tieren, Gegenständen und Phänomenen, den Totems unterhält, mit denen sie sich durch eine magische oder verwandtschaftliche Beziehung verbunden fühlen. Man unterscheidet zwischen individuellem und gruppenbezogenem Totemismus, je nachdem, ob ein Einzelner oder eine ganze Gruppe eine Beziehung zum Totem hat. Oft ist das Totem ein Tier, aber es können auch Pflanzen und bei Wüstenvölkern Wasserquellen sein. Religiöse Gemeinschaften sind immer davon überzeugt, dass ihr mythischer Vorfahr oder Schöpfer im Totem verkörpert ist. Die enge Beziehung zwischen Mensch und Totem ist uralt und könnte mit den ersten politischen Bündnissen zusammenhängen. In denen eine Verteilung der lebenswichtigen Ressourcen einschließlich der Frauen als Quelle für Nachkommen vereinbart wird,

1:34:51was einige Verboten und Regeln bezüglich des Austauschs von Frauen, auch bekannt als sexuelle Promiskuität, erklären. Der Totemismus ist vor allem in einfachen Jägerkulturen verwurzelt. Diese Jäger- und Sammlerkulturen sind stark im Niedergang begriffen, sodass die Bedeutung des Totemismus immer mehr abnimmt. Auch der Kolonialismus und die Christianisierung haben zum Bedeutungsverlust des Totemismus beigetragen.

1:35:36Heute hat der Totemismus seine wichtigste Bedeutung bei den australischen Aborigines und einigen indigenen Gruppen Nordamerikas. Aber zurück zur Geschichte der japanischen Zivilisation. Um 5000 vor unserer Zeitrechnung tauchten, wie bereits erwähnt, die ersten Terrakottafiguren, auch Dogu- oder Throngruppen genannt, auf, die Tiere oder anthropomorphe Figuren darstellten und wahrscheinlich mit dem Fruchtbarkeitskult in Verbindung standen. Gegen Ende der Yamon-Kultur, 1000 bis 400 vor unserer Zeitrechnung, erreichte die Dogu-Kunst ein sehr hohes Niveau und die moderne Archäologie vermutet unter anderem, dass sie eine talismanische Funktion hatte, in der Schmerz oder Gefahr, Risiko oder Unglück übertragen wurden. Nach der Übertragung der Dogu-Kunst, wurde der Talisman zerbrochen, damit auch das Eintreffen des Unglücks gebrochen wurde und somit nicht eintreten konnte. Dasselbe gilt höchstwahrscheinlich auch für die sogenannten Gesundheitstodu,

1:37:06auf die Krankheiten übertragen wurden. Um 440 vor unserer Zeitrechnung beginnt die sogenannte Yayoi-Zeit, benannt nach dem Ort in der Nähe von Tokio. Wo die ersten archäologischen Funde gemacht wurden. In dieser Zeit tauchten erstmals Bronzegegenstände wie Waffen, Spiegel und zeremonielle Glocken auf. Der Gebrauch von Eisenwaffen verbreitete sich erst ab dem ersten Jahrhundert. Wir wissen, dass die Menschen in der Yayoi-Kultur bereits Kleidung trugen, sesshaft waren, Häuser aus Holz und Stein bauten, und Getreide laden konnten. Aus dieser Zeit stammt auch der Beginn des Reisanbaus, der höchstwahrscheinlich aus China importiert wurde. Normalerweise findet man in der Kulturgeschichte eine Entwicklung, die einen allmählichen Übergang von der Steinzeit zur Bronzezeit und schliesslich zur Heißenzeit vorsieht. In Japan geschah jedoch, etwas ganz Aussergewöhnliches.

1:38:23Es gab eine Zeit, in der alle drei Epochen in den Artefakten nebeneinander existierten. Dies ist auf Importe aus China zurückzuführen, das eine viel ältere und fortgeschrittenere Kultur besaß. Erst ab dem ersten Jahrhundert unterschieden sich die Bronzegegenstände sowohl hinsichtlich der Heißenzeit, ihres Sinngehalts, als auch ihre äusseren Merkmale von den Chinesischen. Besonders geschätzt wurden zeremonielle Glocken, da ihnen, in der religiösen Weltanschauung der Japaner, die Kraft zugeschrieben wurde, die Geister der Erde anzurufen und ihre Grosszügigkeit zu erwecken, damit die Ernte reich ausfiele. Die Reform ist immer konisch und mit Jagd- und Landwirtschaftsszenen verziert. Aus derselben Zeit stammen auch die ersten Funde, die belegen, dass die damalige Zivilisation die Beberei kannte. Die Stoffe wurden aus Hanf- oder Maulbeerfasern hergestellt.

1:39:44Die ersten Zeugnisse eines nachvollziehbaren Handels erreichten erst bis ins erste Jahrhundert zurück und erst damit wurde eine andere, komplexere Gesellschaftsstruktur möglich, die bis dahin der einfachen Stammesordnung folgt. Die ersten relativ detaillierten und zuverlässigen schriftlichen Zeugnisse über Japan, die uns überliefert sind, stammen aus China und sind im Hanchu, Geschichte der Han, beschrieben, das um das Jahr 82 fertiggestellt wurde. Darin wird das Land der Wa, das Land der Zwerge, erwähnt, das Tribut an den chinesischen Stützpunkt Loulang im heutigen Korea zahmte. Dasselbe findet sich auch in den Schriften von Wei Xin, Geschichte der Wei aus dem Jahr 297. Chinesische Historiker beschreiben Japan als ein Land, in dem hundert Stämme unaufhörlich miteinander kämpfen, was offensichtlich im Widerspruch zum japanischen Mythos des Nihon Shoki steht,

1:41:04wonach das Land seit 700 Jahren vereint sei. Chinesische Chroniken berichten auch, dass das Volk der Wa sich von rohem Fisch, Pflanzen und auf Bambusbrettern gedämmt hat. Es war ein Land, in dem die Menschen auf der rechten Reise ernährten und während religiöser Liturgien applaudierten, was heute noch im Shinto-Tempel üblich ist. Wei Xi beschreibt auch, wie eine Wei-Delegation um den Tag 240 das Einflussreise der hundert japanischen Königreise besuchte. Dasjenigen der Yamatai, auf chinesischen Shimatai, wo sie die geheimnisvolle Königin Himiko traf, die in einer von hundert Männern Bewachtungsfestungen lebte, mit tausend Dienstmädchen und einem einzigen Diener, über den sie mit der Außenseels kommunizierte. Sie wollte nicht heiraten, weil sie Magie praktizierte und damit die Menschen bezauberte. Die moderne Geschichtsschreibung

1:42:21wird davon aus, dass Himiko höchstwahrscheinlich eine Priesterin des animistischen Sonnenkults war. Auf die Yayoi-Zeit folgte die Kofun-Zeit. Wir werden bei unserer nächsten Begegnung etwas tiefer eingehen in all diese Perioden, wo sie ein bisschen artikulierter streiten. Die Kofun-Zeit, auch bekannt als Grabkultur, die vom ersten, zweiten bis zum achten Jahrhundert, also bis zum Beginn der Namen, nach der Zeit um 710 dauerte. Zu dieser Zeit war das Land noch in Königreiche aufgeteilt, die von Clans namens Uji regiert wollten. Hier begann der Aufstieg des Yamato-Clans. Der Begründer dieses epischen Aufstiegs des Clans ist die legendäre Figur Yamato Takeru. Man vermutet zwischen 375 und 455, der im Jahr 430 die Inseln Honshu, Kyushu und Shikoku erobert hat. Der Yamato-Clan wurde so mächtig,

1:43:37dass er eine Zentralregierung einführen konnte, die sich am Regierungsmodell der chinesischen Tang-Dynastie orientierte. Um 645 verkündete Kaiser Tenji die Taika-Reform, Reform der großen Verrechter. Welche Japan auch auf gesetzlicher Ebene vereinen sollte. Um das Jahr 550 hielt der Buddhismuseinzug in Japan und verbreitete sich innerhalb von etwa 150 Jahren im ganzen Land. Die Geschichte des Buddhismus in Japan lässt sich grob in fünf Perioden unterteilen. Die Zeit von seiner Einführung bis zum Ende der Nara-Zeit 784, die Heian-Zeit 794 bis 785, das japanische Mittelalter Kamakura-Zeit und danach ab 1185 die Tokugawa-Zeit 1600 bis 1868 und die Neuzeit ab 1868. In jeder Epoche wurden neue Lehren eingeführt und es kam zu Umwälzungen in der bestehenden Schulen. In der Modernen gibt es vier Hauptströmungen des Buddhismus,

1:45:14denen alle institutionellen Schulen des japanischen Buddhismus angehören. Die esoterischen Schulen des Mikyo, Tendai und Shimon, die Schulen des Amitabha-Buddhismus, des Mycheven-Buddhismus und des Zen-Buddhismus. In der religiösen Praxis der meisten Japaner überwiegt eine Synthese oder ein Synkretismus zwischen buddhistischer, lokalen und anderen Traditionen. Der Buddhismus hatte bis zur Mei-Zeit, 1868, die einheimischen religiösen Traditionen dominiert. Erst danach wurde er willkürlich zerschlagen, die Kami in separate Schreine verlegt und der Shintoismus als homogene Staatsreligion gegründet. Der Tendai-Buddhismus und der Shingon-Buddhismus sind zwei der wichtigsten Schulen des japanischen Buddhismus. Die beiden sind in der Heian-Zeit 794 bis 1185 entstanden und beide stark vom esoterischen Buddhismus Mikyo, von chinesischen Elementen wie Taoismus und Konfuzianismus sowie von der einheimischen spirituellen Sensibilität des Shintoismus beeinflusst sind.

1:46:55Es handelt sich um Schwester- und rivalisierende Schulen, die fast zeitgleich entstanden sind und ähnliche Ansichten, aber unterschiedliche Herangehensweisen an Erlösung, Meditation, die Rolle des Rituals und das Verständnis des Kosmos haben. Der Tendai-Buddhismus, oder Lotus-Buddhismus, oder Synthese-Buddhismus genannt, wurde in Japan von Saicho gegründet, einer leuchtenden Figur der japanischen Spiritualitätsgeschichte. Als Mönch, Gelehrter, Reisender und Reformer war er einer der ersten, der eine tiefgreifende Synthese zwischen Buddhismus, esoterischer Spiritualität und japanischer Sensibilität versuchte und damit den Grundstein für eine weltweit einzigartige religiöse Kultur legte. Heilige Schrift ist das Lotus Sutra, das das universelle Potential der Erleuchtung für alle Wesen verkündet, auch für die scheinbar Unwissenden oder Nichtmönche. Seine Hauptmerkmale liegen in einem starken Synkretismus, in dem Lehre, Meditation, esoterische Rituale und der Kult der shintoistischen Kami

1:48:37vereint sind. Der Shindon-Buddhismus, auch Mantra-Buddhismus und kosmischer Körper-Buddhismus genannt, wurde von Kukai 774-835 gegründet, der auch unter dem Ehrennamen Kobo Daishi bekannt ist. Er ist eine der aussergewöhnlichsten spirituellen und intellektuellen Persönlichkeiten der japanischen Geschichte. Als Mönch, Dichter, Kalligraf, Ingenieur, Mystiker und vor allem als Begründer des Shindon-Buddhismus. Verband Kukai, religiöses Denken, Ästhetik und Kultur Japans mit einer Tiefe, die noch heute in Tempeln, Texten und im kollektiven Gedächtnis nachhallt. Das Herzstück der Lehre ist der Dainichi Nyorai, der kosmische Buddha, der nicht nur ein erleuchtetes Wesen ist, sondern das gesamte Universum selbst, lebendig, vibrierend, kommunikativ. Ich zitiere, jedes Wort, jede Geste, jeder Gedanke kann ein direkter Ausdruck des kosmischen Dharmas sein. Zitat Ende. Tief tantrisch und symbolisch verwendet er Mantras, Mudras, also die Handkisten,

1:50:13Mandanas, die kosmischen Diagramme und Visualisierung. Er betont die geheime Übermittlung vom Meister zum Meister. Er betrachtet den menschlichen Körper als ein heiliges Instrument, das in der Lage ist, die universelle Wahrheit auszudrücken. Der Amitabha-Buddhismus ist das Herzstück einer der beliebtesten und am weitesten verbreiteten spirituellen Strömungen in Japan und ganz Ostasien. Auch als Buddhismus des reinen Landes bezeichnet, handelt es sich um eine intensive und tiefe Glaubensform, die sich auf die Figur des Buddha des unendlichen Lichts, Amitabha, auf japanisch Amida, konzentriert, der allen, die aufrichtig an ihn glauben, die Erlösung versprochen hat. Es handelt sich um eine essentielle, demütige und hoffnungsvolle Religiosität, die vor allem seit dem 12. Jahrhundert einen immensen Einfluss auf die japanische Spiritualität bringt.

1:51:31Das reine Land ist ein symbolisches und mystisches Reich, perfekt und ohne Leid, in dem es leicht ist, spirituell voranzukommen. Es ist kein Paradies im christlichen Sinne, sondern eher ein idealer Ort, um den Weg zur Erleuchtung zu vollenden. Sie wird in Texten wie dem Amida Sutra und dem Sutra vom unendlichen Leben beschrieben, und stellt eine Dimension der Harmonie, Schönheit, Reinheit und Mitgefühl dar. Es ist keine intellektuelle oder asketische Vorbereitung erforderlich. Auch Sünder, Arme und Analphabeten können, wenn sie aufrichtig sind, im reinen Land wiedergeboren werden. Der Nichiren Buddhismus ist eine der originellsten, radikalsten und charismatischen Strömungen des japanischen Buddhismus. Er entstand im 13. Jahrhundert als spiritueller und politischer Aufruf, als kraftvolle Ermahnung, das wahre Wesen des Dharmas wiederzuentdecken

1:52:50und das Heil des Volkes in Zeiten tiefer Krise zu verteidigen. Die zentrale Figur ist Nichiren , 1222-1283. Ein leidenschaftlicher, polemischer, aber auch zutiefst mitfühlender Mensch, der eine Vision der buddhistischen Praxis vorschlägt, die sich auf einen einzigen Text und eine einzige Handlung konzentriert, das Rezitieren der Lotus Sutra, das einzigen und direkten Weg zur Erlösung. Nichiren stand anderen Schulen seiner Zeit, insbesondere Amida und Zen, äußerst kritisch gegenüber, da sie in seiner Meinung das Volk in die Irre führten. Er wurde verfolgt, verbannt, mit dem Tod bedroht, gab aber niemals auf, seine Lehre zu verkünden. Seine Lehre ist militant, sozial und prophetisch. Buddhismus ist nicht nur Selbstbeobachtung, sondern auch Kampf für spirituelle und kollektive Gerechtigkeit. Der Zen-Buddhismus ist eine Strömung oder Linie des Mahayana-Buddhismus,

1:54:16die um das 5. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung in China entstand und maßgeblich vom Taoismus beeinflusst wurde. Der chinesische Name, Chan, leitet sich vom Sanskrit-Wort Jana ab, das ins Chinesische als Channa übersetzt wurde. Jana bedeutet frei übersetzt Zustand meditativer Konzentration und verweist auf das grundlegende Merkmal dieser buddhistischen Strömung. Der Zen-Buddhismus ist vielleicht der essentiellste, stillste und poetischste Ausdruck der japanischen Spiritualität. Er sucht die Wahrheit nicht in Texten oder Ritualen, sondern in der direkten Erfahrung, in der Lehre zwischen zwei Atemzügen, im Echo eines Windstosses auf einem Herbstblatt. Es ist ein Buddhismus ohne Worte und gerade deshalb so ausdrucksstark. In Japan kam das Zen zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert dank Mönchen wie Ai-Sai und Dogen und verwurzelte sich tief in der Kultur des Landes,

1:55:42so dass er nicht nur zu einer Religion, sondern auch zu einer Lebensform und Ästhetik wurde. Das Herzstück des Zens ist Zazen, also in Meditation sitzen. Keine Mantras, keine Visualisierung, keine Gebete, nur still sitzen, regungslos und den Geist klar werden lassen, wie einen klaren Himmel. Wie der Mönch Dogen postulierte, nur sitzen und zu sitzen, ohne Zweck, ohne Verlangen, ohne Erwartung. Im Zazen beobachtet man die Gedanken, die wie Wolken auftauchen und wieder verschwinden, ohne ihnen zu folgen oder sie abzuweisen. Es ist eine Rückkehr in die Gegenwart, nackt, real, voller Leben. Zen hatte einen immensen Einfluss auf die japanische Kultur und prägte die Tee-Zeremonie als ästhetische Metapher für die essentielle Geste, den Zen-Garten, als Ausdruck der inneren Landschaft,

1:57:00die in Sand und Stein gemeißelt ist. Die Kalligrafie als Ausdruck der Wahrheit in einem Tintenstrich und schließlich Ikebana, das Bogenschießen. Im Zen gibt es keinen Gott und kein Jenseits, da es zu erreichen gilt. Die Wahrheit wird nicht im Jenseits der Welt gesucht, sondern in der Welt, wie sie ist. Jeder Moment, jede Handlung, jeder Atemzug ist das Gesicht wie das.

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