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Transkript · Geschichte Japans · Teil 2Eine Reise durch die Asuka- bis zur Heian-Zeit — Transkript
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0:00:00Die Akademie der Vernunft und Bar Rouge präsentieren die Geschichte Japans Teil 2. Von der Asuka bis zur Heian-Zeit, das aufkommende goldene Zeitalter, tauche ein in Japans frühe Geschichte, eine Reise von spiritueller Macht, Poesie und politischem Wandel. Nachdem wir sicherlich nur oberflächlich die spirituelle Welt Japans erkundet haben, um seine Gedanken und Ideen, seine evolutionären Triebkräfte, seine Reaktionen auf Ereignisse und die daraus resultierenden Entscheidungen besser verstehen zu können, widmen wir uns nun der Zeit von der Asuka bis zur Heian-Zeit. Das ist eine Zentralzeit. Das ist eine zentrale Zeit, weil das ist die Zeit des Japans, das sich als Japan konstituiert. Die Asuka-Zeit kann als Blütezeit eines selbstbewussten Japans bezeichnet werden. In der feierlichen Stille der alten Ebenen von Asuka, wo der Wind immer noch über die Steine der Kaisergräber streicht,
0:01:25nahm fast wie ein langsames Erwachen.
0:01:37Die Ebenen von Asuka liegen in der Region Kansai, genauer gesagt im südlichen Teil der Präfektur Nara in Zentraljapan. Das Gebiet entspricht dem heutigen Dorf Asuka, japanisch Asukamura genannt, Taikichi gehört und nicht weit von den modernen Städten Nara und Sakurai entfernt liegt. Die Asuka-Zeit von 538 bis 710 war nicht nur ein chronologischer Übergang, sondern eine echte Werkstatt der Zivilisation, in der Japan sich unter dem Einfluss äußerer Einwirkung und inneren Reflektionen formte. Sie war eine Schwelle, ein Scheideweg, eine Gebirge des nationalen Bewusstseins. Der Herzschlag der Asuka-Zeit ist vor allem im spirituellen Herzen des alten Japans zu spüren. Als im Jahr 538 aus dem koreanischen Königreich Baikä eine auf einem Lotus sitzende Buddha-Statue in Begleitung von Suten und Mönchen eintrat,
0:03:10entstand ein Bruch, oder besser gesagt eine Öffnung in der einheimischen Religiosität der Japaner. Der Shintoismus, den wir bei unserem letzten Treffen kennengelernt haben, und der bis dahin die einzige Quelle des Heiligen war, des Sakral-Bereiches, musste nun mit einer neuen Welt- und Schicksalsvorstellung in Dialog treten und manchmal auch in Konflikt. Und manchmal auch in Konflikt. Der weitsichtige und kluge Soga-Klan sah im Buddhismus nicht nur einen Glauben, sondern ein Instrument der Legitimation und Macht, eine Brücke zu den fortgeschrittenen Kulturen des Konstinents. Im Gegensatz dazu verteidigte der Mononobe-Klan eifrig den Shintoismus, den sie als Grundlage für die Erfüllung des Shintoismus vertreten. Mit dem Begriff Yamato betritt man ein Universum, das im japanischen Kontext voller historischer, symbolischer und kultureller Bedeutung ist.
0:04:35Um seinen Wert in der Vorstellung des Landes der aufgehenden Sonne zu verstehen, muss man bedenken, dass Yamato ursprünglich der Name einer Region in der heutigen Präfektur Nara eben in Zentraljapan war. Es war ein politisch und religiös strategisches, wichtiges Gebiet. In dieser Gegend entstand eines der ersten stabilen politischen Machtzentren des alten Japans, wo sich der kaiserliche Hof niederließ. Und im Laufe der Zeit wurde Yamato zum Synonym für das Kaiserhaus und den ersten zentralisierten Staat Japans. Das Yamato-Königreich, oder um es auf Japanisch auszudrücken, Yamato-Oken, das sich zwischen dem dritten und dem siebten Jahrhundert entwickelte. Ab der Asuka-Zeit, die wir hier betrachten, erhielt der Begriff Yamato auch eine symbolische Bedeutung und bezeichnete in einer für Japan immer wiederkehrenden
0:05:53inneren Gegenstellung die authentische ethnische und kulturelle Identität Japans gegenüber äusseren Einflüssen. Während der klassischen Periode erweiterte sich Yamato und bezog sich auf das gesamte japanische Volk. Irgendwann entstand das Konzept Yamato-Damaschil, also der Geist Japans. Ein ethisch-kulturelles Ideal, das die traditionellen japanischen Tugenden wie Loyalität, Rechtschaffenheit und Opferbereitschaft verherrlicht. Dieses Konzept wurde in den folgenden Jahrhunderten bis in die Moderne hinein wieder aufgegriffen, neu interpretiert und auch politisiert. Wie bereits erwähnt, bedeutete die Reinheit von Yamato für den Mono-Beklän, den Verteidiger des Shintoismus, den Schutz des spirituellen Erbes der japanischen Vorfahren, das mit den einheimischen Göttern, den landwirtschaftlichen Traditionen und Naturkulten verbunden war. Eine symbolträchtigte Anekdote erzählt, dass der Soga-Clan, als er die Buddha-Statue erhielt, diese in einem kleinen Tempel aufstellte.
0:07:41Kurz darauf wurde die Region von einer mysteriösen Epidemie heimgesucht. Die Monobe interpretierten dieses Ereignis als Zorn der Ahnengötter. Und ließen die Statue und den Tempel verbrennen.
0:08:05Aber der buddhistische Glaube verbreitete sich wie ein unterirdisches Feuer weiter. Geschützt und wieder entfacht durch das aussergewöhnliche Charisma einer Persönlichkeit, die einen tiefen Eindruck hinterlassen sollte. Prinz Shotoku Taishi. Shotoku Taishi war mehr als ein Politiker. Er war ein Architekt der japanischen Seele. Der Prinz wurde in buddhistischen, konfuzianischen und taoistischen Lehren erzogen und war in der Lage, die spirituellen und administrativen Fasern eines neuen Japans miteinander zu verweben. Berühmt ist seine 17 Artikel umfassende Verfassung, also um 604 vor unserer Zeitrechnung. Die mehr als ein politisches Dokument, ein moralisches Manifest war, in dem in einer noch von Lyrik durchdrungenen Sprache die Bedeutung von Harmonie, Respekt vor der Autorität und Aufrichtigkeit des Herzens bekräftigt wurde. Kurioserweise wird erzählt, dass Shotoku in der Lage war,
0:09:42zehn Personen gleichzeitig zuzuhören und sie alle zu verstehen. Eine Legende, die seine fast übernatürliche Weisheit unterstreicht. Unter seinem Einfluss entstanden Tempel wie der Horyu-ji, der heute als eines der ältesten noch erhaltenen Holzgebäude der Welt gilt und stiller Hüter einer Kunst ist, in der China, Korea und japanisches Genie verschmelzen. Das Ende der Herrschaft des Soga-Clans fällt mit der Ermordung von Soga no Iroku, im Jahr 645 zusammen. Er war ein Schlüssel und tragische Figur der Asuka-Zeit. Der letzte große Vertreter des mächtigen Soga-Clans, der jahrzehntelang durch eine Kombination aus religiösem Einfluss, Heiratseiglianzen und Kontrolle über die Ämter am Hof die politische Szene Japans beherrscht hatte. Sein Name ist mit einer der dramatischsten Momente der alten japanischen Geschichte verbunden,
0:11:03dem Ishii-Zwischensfall, Ishii no Hen auf Japanisch, einem Staatsstreich, der das Ende der Vorherrschaft der Soga und den Beginn der Taika-Reformen markierte, den ersten großen zentralistischen Reformen des kaiserlichen Japans, die wir bereits in unserem letzten Treffen erwähnt haben. Am 10. Juli 645 organisierten Nakatomi no Kamatari, der spätere Gründer des Fujiwara-Clans, und Prinz Naka no Oe, der spätere Kaiser Tenji, bei einer offiziellen Audienz mit Kaiserin Kogyoku am Hof die Ermordung von Soga no Iruka. Den sie der Ambition und des Machtmissbrauchs bezichtigten. Iruka wurde öffentlich im Kaiserpalast vor den Augen der Kaiserin ermordet. Die Chronik berichtet, dass sie unter dem Schock kurz darauf abdankte. Unmittelbar danach beging Irukas Vater Soga no Emishi Selbstmord und mit ihm starb der herrschende Zweig des Soga-Clans aus.
0:12:29Dieses Ereignis markierte das Ende der Herrschaft der Soga und den Beginn einer neuen Ära der Reformen und der Neuzentralisierung der Macht, wie wir bereits erwähnt haben, um den Kaiser. Inspiriert von den chinesischen Tang-Modellen, den sogenannten und schon erwähnten Taika-Reformen. Nach Irukas Tod wurde im Familienpalast ein Archiv mit Dokumenten und wertvollen Gegenständen entdeckt, das als eines der ersten Beispiele für eine organisierte bürokratische Verwaltung in Japan gilt. Seine Ermordung wurde in der Literatur und Theater mehrfach als gewalttätiger, aber notwendiger Akt dargestellt, als in Anführungszeichen politischer Vatermord, der den Weg für die Zukunft des Reiches ebnete. Nach der blutigen Ermordung Irukas auf der Bühne war der Schauplatz bereit für einen radikalen Wandel, die bereits mehrfach erwähnten Taika-Reformen. Diese leiteten einen beispiellosen Prozess der staatlichen Zentralisierung ein.
0:13:54Das Cabane-System, auf Verwandtschaftsverhältnissen und Clan-Rängen gründend, wurde verkleinert. Und ein kaiserliches Kataster eingeführt, das das Land in Staatseigentum überführte und die Stammesaristokratie entmachtete. In dieser Zeit begannen die japanischen Herrscher, sich als Tenno, sprich Kaiser, zu bezeichnen. Ein Titel, der an die chinesische Kosmologie erinnert, aber auch den Willen zum Ausdruck bringt, die regierende Figur zu sakralisieren und zu universalisieren. So begann Japan zwischen Pergamenten, Siegeln, zeremoniellen Gewändern und importierten Gewissheiten, sich als Staat nicht nur als Konfederation von Clans zu verstehen. Die Kunst der Asuka-Zeit spiegelt die Spannung zwischen Nachahmung und Erfindung wider. Die Buddha-Statuen mit ihrem rätselhaften Lächeln und den fliessenden Falten ihrem Gewänder zeigen den Einfluss der griechisch-buddhistischen Tradition von Gandhara, die über China und Korea nach Japan gelangte.
0:15:28Interessant ist, dass viele Statuen aus Metallen von der koreanischen Halbinsel gegossen wurden, was auf einen regen Handels- und Kulturaustausch hindeutet. Im sprachlichen Bereich begannen die Japaner in dieser Zeit, sich systematisch mit den chinesischen Schriftzeichen, Kanji, auseinanderzusetzen und sie zur Niederschrift von Eigennamen, rituellen Formeln und Verwaltungstexten zu verwenden. Das japanische Denken begann sich im Spiegelbild des Anderen bewusst zu werden. Aus China kam auch das Papier, das die Kunst des Origami hervorbrachte. Die alte Praxis, Papier zu falten, um Figuren zu schaffen. Als Kunstform und symbolische Ausdrucksform entwickelte sich das Origami jedoch erst in späteren Epochen. Die Japaner perfektionierten schnell die Technik der Papierherstellung und entwickelten das Washi, ein widerstandsfähiges, dünnes und zum Falten geeignetes Papier. Anfangs war das Falten von Papier mit shintoistischen religiösen Ritualen verbunden.
0:17:01Die ersten Formen des Origami waren nicht spielerisch, sondern zeremoniell. Papier wurde gefaltet, um Opfergaben zu schmücken, Reinheit zu symbolisieren oder als Element in Hofzeremonien. Noshi beispielsweise ist ein noch heute verwendetes rituelles Origami, eine dekorative Faltung, die an Geschenken befestigt wird, um Glück zu wünschen. Die aussergewöhnliche Kunst des Origami erlebte eine bemerkenswerte Entwicklung. In der Heian-Zeit begann sich die Kunst des Papierfaltens beispielsweise in der Aristokratie zu verbreiten. Erst in der Edo-Zeit wurde Origami jedoch zu einer echten Kunstform mit festgelegten Mustern und einer spielerischen, lehrreichen und symbolischen Dimension wie der Kranich, der Langlebigkeit und Frieden symbolisiert. Die erste schriftliche Erwähnung des Origami als Volkskunst findet sich im 1797 veröffentlichten Senbasuru-Orikata. Das zeigt, wie man tausend Papierkraniche faltet.
0:18:44Die Legende von Sadako Sasaki und den tausend Kranichen in der Nachkriegszeit trug dazu bei, Origami zu einem internationalen Symbol des Friedens zu sein. Insbesondere nach Hiroshima. Nach einem alten japanischen Glauben geht jedem der tausend Papierkraniche ein Wunsch in Erfüllung. Der Kranich gilt, es sei an dieser Stelle wiederholt als heiliges Tier und Symbol für Langlebigkeit, Frieden und Frieden. Man sagt, er lebe tausend Jahre, woraus sich die Vorstellung entwickelte, dass tausend Faltungen Wunder bewirken können. Diese Legende wurde durch die bewegende Geschichte von Sadako Sasaki, einem Mädchen, das 1945 die Atombombe von Hiroshima überlebte, weltweit bekannt. Als Sadako Jahre später, an Leukämie erkrankte, begann sie tausend Papierkraniche zu falten, um gesund zu werden. Sie starb 1955 im Alter von nur 12 Jahren.
0:20:27Aber ihre Geste wurde zu einem weltweiten Symbol für den Frieden. Zu ihren Ehren wurde im Friedenspark von Hiroshima das Kinderfriedensdenkmal errichtet, wo jedes Jahr tausende von gefalteten Kranichen, gespendet werden. In Japan gibt es zwei Traditionen, Orizuru, das dekorative Origami, und Origata, verbunden mit zeremonieller Verpackung und Formalität. Die Asuka-Zeit endete 710 mit der Verlegung der Hauptstadt nach Heijō-Kōjō, dem heutigen Nara. Symbol einer vollendeten Reife, aber auch des Wunsches, eine stabile Hauptstadt nach dem Vorbild der großen chinenischen Metropolen zu errichten. Ihr Erbe lebt jedoch weiter. Asuka ist die Wiege der japanischen Klassik, wo Form zu Gedanken und Gedanken zu Institutionen werden. Wenn man heute zwischen den Überresten des alten Asuka spaziert, zwischen rätselhaften Megalithen wie dem Masuda Iwafune
0:21:47oder den Überresten der Kaiserpaläste, spürt man den Atem eines Volkes, das in Stille seine Nation entdeckte. In dieser fernen Zeit wurde Japan nicht nur von China oder Korea beeinflusst, sondern war in der Lage zu wählen, anzupassen und neu zu erfinden und damit zu beweisen, dass auch in der Nachahmung tiefste Originalität gedeihen kann. Mit der Verlegung der Hauptstadt von Nagokuaka nach Nara im Jahr 710 begann die gleichnamige Periode und streng genommen sollte man erst ab dieser Zeit von kaiserlichen Perioden sprechen. Erst seit der Nara-Zeit wurden dem Kaiser hochtrabende Titel wie Tenshi, sprich Sohn des Himmels, oder Tenno, sprich König des Himmels, manchmal auch Mikado, sprich Erhabenes Tor, verliehen. Nach seinem Tod erhielt der Kaiser einen anderen Namen
0:23:01als den, den er zu Lebzeiten getragen hatte. Die Nara-Zeit, japanisch Nara-Ajidai, die von 710 bis 794 dauerte, ist eine der faszinierendsten Epochen der japanischen Geschichte und markiert die Konsolidierung des Kaiserreiches und die Etablierung der klassischen japanischen Kultur, die stark von der Tang-Dynastie in China inspiriert war. Sie ist nach der damaligen Hauptstadt Nara bekannt, der ersten echten Stadt Japans, die nach dem Vorbild der chinesischen Hauptstadt unter der Tang-Dynastie Channan erbaut wurde. Die Nara-Zeit folgt auf die Taika-Reformen und stellt den Versuch des Kaiserhofs dar, die Macht zu zentralisieren, eine konfuzianisch geprägte Staatsbürokratie nach chinesischem Modell zu eröffnen, Gesetze zu kodifizieren wie das Tahijo-Ritsuryo, eine Sammlung von Strafenverwaltungsgesetzen, und die Autorität des Kaisers als göttliche und weltliche Figur zu stärken.
0:24:25Wir müssen bedenken, dass Japan im Laufe des 8. Jahrhunderts eine entscheidende Phase seiner historischen und kulturellen Entwicklung durchlief, die in der als Nara-Zeit bekannten Periode eben zusammengefasst ist. In diesen Jahrzehnten vollzog sich unter der Ägide eines zentralistischen und ehrgeizigen Kaiserhofs ein Prozess der Formalisierung des japanischen Staates, der, nicht ohne Spannungen notabene, versuchte sich an der effizienten konfuzianischen Bürokratie des Tang-Reiches in China zu orientieren, dabei aber mit wachsendem Bewusstsein nach einem eigenen Gesicht suchte.
0:25:16Im Jahr 710 markierte die Gründung von Heiyoko als ständige Hauptstadt einen Bruch mit der nomadischen Vergangenheit der Kaiserhöfe. Die Stadt war mit einer geometrischen Strenge entworfen, die, wie bereits erwähnt, von Chang'an, der Hauptstadt der Tang-Dynastie, übernommen wurde, sprich ein Netz aus rechtwinkligen Strassen, organisierten Stadtvierteln und einem imposanten Kaiserpalast, dem sichtbaren Symbol der neuen Herrschaft. Noch deutlicher wurde der chinesische Einfluss durch die Kodifizierung des Rechts. Der Herrscher war ein Monarch-Bürokrat, oberster Hüter des Dharma und Garant der kosmischen Ordnung, aber auch eine halbgöttliche Figur, Nachkomme von Amaterasu. Die Spannung zwischen Nachahmung und dem Wunsch nach Authentizität wurde zu einem prägenden Merkmal dieser Zeit. Japan übernahm vieles, begann aber auch zu entscheiden, was es werden wollte. Kein anderes Jahrhundert vor der Kamakura-Zeit
0:26:51erlebte eine solche Religiöse in Brunst. Kaiser Shōmu 1724-1724
0:27:03sah im Buddhismus nicht nur einen spirituellen Weg, sondern auch eine politische und kulturelle Kraft, die das Land zusammenhielt. Er ordnete den Bau des monumentalen Todai-ji an, der noch heute mit seiner imposanten Grösse die Stadt dominiert, und liess den grossen Buddha, Daibutsu, aus Bronze errichten. Sechzehn Meter hoch, 500 Tonnen geweihtes Metall, eine titanische Verschmelzung von Glauben und Autorität.
0:27:45Unter Shōmu entstand das Amt des Kokubunji, ein System von Staatstempeln, die über die Provinzen verteilt waren, um das Reich spirituell und ideologisch zu einen. Doch es gab auch Gegenreaktionen. Die wachsende Macht des Klerus brachte zwielichtige Gestalten hervor, wie den Mönch Dōkyō, dessen umstrittene Verbindung zur Kaiserin Shotoku eine politische Krise auslöste, die über Jahrhunderte hinweg zum Ausschluss von Frauen vom Thron und zum Misstrauen gegenüber der Einmischung von Geistlichen in die Machtpolitik führte. In der unruhigen Endphase des 8. Jahrhunderts befand sich das Japan der Nara-Zeit in einem Spannungsfeld zwischen dem heiligen Erbe des Kaiserthrons und den Gefahren des wachsenden Einflusses des Buddhismus. In diesem Szenario tauchte die rätselhafte Figur Dōkyō auf. Mönch, Heiler, Mystiker und Politiker, dessen Schicksal untrennbar mit dem der Kaiserin Shotoku verbunden war.
0:29:20In einem der umstrittensten und faszinierendsten Kapitel der japanischen Geschichte. Dōkyō stammte aus einer bescheidenen Geschichte, und konnte sich dank seines außergewöhnlichen Talents in der Lehre der Medizin und, was vielleicht noch entscheidender war, in der Manipulation heiliger Symbole durchsetzen. Sein Aufstieg war rasant und führte ihn in die Gunst der Kaiserin Kōken, die 764 unter dem religiösen Namen Shotoku Tenno wieder an die Macht gekommen war. Zu einer Zeit, als die kaiserliche Macht versuchte, sich gegenüber der Aristokratie wieder zu behaupten. Im Herzen des Hofes, wo Politik zwischen Suten und Poesie gewogen wurde, wurde Dōkyō zum engsten Vertrauten des Thrones, Heiler des Körpers und Berater des Geistes. In einer beispiellosen Geste erhielt er den Titel Daijō Daijin Zenji, eine noch nie dagewesene Verschmelzung
0:30:39des höchsten Verwaltungsranges mit dem höchsten religiösen Aspekt und Autorität. In ihm verschmolzen Staat und Dharma zu einer Person. Die offiziellen Chroniken, die größtenteils von feindseligen Autoren verfasst wurden, deuten auf eine persönliche Verbindung zwischen Dōkyō und der Kaiserin hin. Obwohl die intime Natur dieser Beziehung im Dunkeln bleibt, reicht sie aus, um die Unruhe der großen Clans, insbesondere desjenigen der Fujiwara, zu schüren, welche die alte Symmetrie zwischen Adel und Macht bedroht sahen. Um einen weiteren Aufstieg zu legitimieren, rief Dōkyō 769, Hachiman, den Schutzgott Japans, um Ran an. Das Orakel war eindeutig. Ein Mönch kann nicht den Thron besteigen. War es die Stimme des Göttlichen? Oder eher der Schrei der Politik, getarnt als Prophezeiung? Tatsache ist, dass Dōkyōs Ambitionen an diesem Orakel zerbrachen,
0:32:01wie ein Schiff an den Riffen der Legitimität. Nach dem Tod der Kaiserin im Jahr 770 war die Rache der Aristokratie unerbittlich. Dōkyō wurde in das abgelegene Shimotsuke verbannt, wo er fernab des Hofes, der ihn fast zum Herrscher gekrönt hätte, starb. Dōkyōs Schicksal war eine Warnung, die sich tief in das politische Gedächtnis Japans einprägte. In den folgenden Jahrhunderte konnte kein Mönch mehr nach der Spitze der weltlichen Macht streben. Die Angst vor einer Theokratie, oder genauer gesagt vor einer, als Heiligkeit getarnte geistliche Herrschaft, veranlasste den Hof, den Einfluss des Klerus einzuschränken, die Verwaltung der Tempel zu reformieren, schließlich 794 die Hauptstadt von Nara nach Heiankyō zu verlegen, was den Beginn einer neuen Ära markierte. Doch in der Stille der Tempel und in den Meandern der Erinnerung
0:33:13lebt die Figur des Dōkyō als beunruhigendes und magnetisches Urbild weiter. War er ein von der Macht verführter Heiliger oder ein Politiker, der das Heilige als Maske benutzte? War sein Sturz ein Akt der Gerechtigkeit oder der letzte Schlag einer Aristokratie, die sich nicht mit dem Einbruch einer neuen Machtvision abfinden konnte? Dōkyō ist das Symbol eines Japans im Spannungsfeld zwischen Thron, und Sutra, zwischen Regierung und Erleuchtung. Seine Geschichte erinnert uns daran, dass in der Geschichte der Zivilisationen die Grenze zwischen Heiligkeit und Ehrgeiz oft dünner ist als ein Seidenfaden und manchmal ebenso tödlich. In der Stille der Tempel und im Halbdunkeln der Höfe blühte eine andere Welt, die Welt der Schrift. In der Nara-Zeit wurden die mythischen Erinnerungen
0:34:24des japanischen Volkes niedergeschrieben. Ein Gründungsakt, den wir als narrative Verfassung der Nation bezeichnen können. Das Kojiki verfasst von Ōno-ya-sumaro nach den Vorgaben der Schamanin Hieda-no-are, über das wir im letzten Treffen ausführlich gesprochen haben, ist ein orakelhaftes und poetisches Buch, das die Entstehung Japans wie eine kosmische Liturgie erzählt. Das eher historiografische Nihon-Shoki, geschrieben in Sino-japanischen Stil, zielt darauf ab, Japan eine historische Würde zu verleihen, die mit den grossen chinesischen Dynastien vergleichbar ist. Das Man-Yoshu hingegen ist ein lyrisches Werk ohne das Gleiche. Eine Gedichtssammlung, die mit aussergewöhnlicher sozialer Breite nicht nur die Stimmen von Kaisern und Adeligen, sondern auch von Soldaten, Bauern, Müttern und Liebenden umfasst. Hier zeigt sich im Keim ein japanisches ästhetisches Bewusstsein, das die Jahrhunderte prägen sollte.
0:35:59Melancholisch, vergänglich, zart wie die Blüte der Kirsche. Unter diesen Gedichten gibt es eines, das lautet »Wenn ich sterbe, erinnere dich an mich als denjenigen, der die Kirschbäume liebte und dem Wind schlug.« »Wenn ich sterbe, erinnere dich an mich als denjenigen, der die Kirschbäume liebte und dem Wind schlug.« Im Jahr 794 zog der Hof nach Heian-kyo, dem heutigen Kyoto, um, was gleichzeitig das Ende der Nara-Zeit besiedelte.
0:36:43Doch das kulturelle, religiöse und politische Erbe dieser kurzen, aber aussergewöhnlichen Periode wirkte noch über Jahrhunderte hinweg nach. Nara war die kaiserliche Werkstatt einer modernen Identität gewesen, eine Brücke zwischen dem Heiligen und dem Politischen, zwischen Nachahmung und Erfindung. In der geordneten Stille der Strassen von Heian-kyo, zwischen Pergamentrollen und vergoldeten Statuen, lernte Japan, sich selbst zu erzählen. Und seitdem war nichts mehr wie zuvor. Auch Heian wurde nach dem Vorbild der chinesischen Hauptstadt Chang'an entworfen. Die Heian-Zeit, die sich über fast vier Jahrhunderte vom Ende des 8. bis zum Ende des 12. Jahrhunderts erstreckt, stellt den Höhepunkt der japanischen Hofaristokratie dar. Eine Epoche, in der sich die japanische Zivilisation allmählich vom Einfluss des Kontinents befreite und eine eigenständige Sprache der Schönheit,
0:38:10Macht und Spiritualität entwickelte. Es war eine Zeit des Stillstands, in der Anmut zum System und Etikette zur Kunst wurde. In der die Geste mehr zählte als das Ergebnis und die Vergänglichkeit der Dinge zum ästhetischen und moralischen Prinzip erhoben wurde. Mit der auf Wunsch von Kaiser Kanmu Verlegung der Hauptstadt nach Heian-kyo begann eine beispiellose Blütezeit der Architektur und Kultur. Der kaiserliche Hof wurde zum Mittelpunkt einer raffinierten Elite, die von aristokratischen Clans dominiert wurde, insbesondere von der Familie Fujiwara, die durch geschickte Heirat die tatsächliche Kontrolle über die kaiserliche Macht übernahm und eine raffinierte Regierung hinter dem Thron etablierte. Der Kaiser. Eine heilige und unnahbare Figur war von Adeligen umgeben, deren Wert nicht am Schwert, sondern an ihrer Kalligrafie,
0:39:36Poesie und Sensibilität gemessen wurde. In diesem Universum war das Äußere keine Eitelkeit, sondern ästhetische und soziale Wahrheit. Die Heian-Zeit war die Zeit, in der sich die japanische Schriftsprache, dank der Entwicklung des Kanas, eines vereinfachten Silbenschriftsystems, vom klassischen Chinesisch emanzipierte. Dieser Wandel ermöglichte eine beispiellose literarische Blüte, insbesondere unter den Frauen am Hof, die das Schreiben zu einem Spiegel der Seele und zu einer subtilen Waffe im Sozialkrieg der Salons machte. Die bedeutendsten Werke der gesamten japanischen Literatur entstanden in dieser Zeit. Von Genji Monogatari von Murasaki Shikibu Anfang des 11. Jahrhunderts, das oft als erster psychologischer Roman der Weltgeschichte angesehen wird, eine Sinfonie aus Emotionen, Sehnsucht und Melancholie, die mit außergewöhnlicher Introspektion erzählt wird, bis hin zu Makura no Soshi,
0:41:00sprich Aufzeichnungen aus dem Kopfkissen. Von Shei Shonagon, einem lyrischen und fragmentarischen Tagebuch, das die Atmosphäre des Hoflebens in ebenso subtilen wie ironischen Listen, Beobachtungen und Eindrücken einfängt. Die kaiserliche Gedichtssammlung wie das Kokin Wakashu festigten die Kodifizierung des Waka, das Kurzgedicht mit 31 Silben. Eine Kunstform, in der Andeutungen mehr zählen als Aussage und Stille Teil des Verses ist. Wir zitieren eines. Wenn du genau hinsiehst, sagt dir die fallende Blume mehr als tausend Worte. Zitat Ende. In der Heian-Welt war Ästhetik Ontologie. Das Schöne war nicht nur das Angenehme, sondern die sichtbare Manifestation einer spirituellen Ordnung. Die Jahreszeit der Liebe erkannte man am Duft der Kleidung, an der Farbe des Papiers für ein Gedicht, am Verblassen des Morgenwebels.
0:42:25Der zentrale Begriff, wie wir ihn schon vorher angedeutet haben, war Mono no Avare. Das emotionale Bewusstsein der Vergänglichkeit aller Dinge, nicht als Klage, sondern als schmerzliche Akzeptanz der Tatsache, dass alles Schöne dazu bestimmt ist, zu vergehen. Die Kirschblüte, der verschleierte Mond, der Klang einer Koto in der Nacht, alles erinnerte an die erhabene Zerbrechlichkeit des Daseins. In dieser Zeit neigten die japanischen Kaiser zur Barmherzigkeit und einige von ihnen dankten ab, um buddhistische Mönche zu werden. Diese Epoche wird von einigen Historikern als das goldene Zeitalter Japans angesehen. Im Jahr 1190 zählte Kyoto 500.000 Einwohner, mehr als alle europäischen Städte der damaligen Zeit, mit Ausnahme von Cordoba und Konstantinopel. Es bildeten sich große und sehr einflussreiche Familien, wie die schon erwähnten Fujiwara,
0:43:43die Tayara, die Minamoto oder die Sugawara, die nach Belieben Kaiser auf den Thron setzten oder absetzten. Insbesondere Sugawara Michizane von 845 bis 903 wird in Japan für seine Förderung der Poesie und der Literatur sehr respektiert und verehrt. Er war Gelehrter, Dichter und Politiker und gilt als ausgezeichneter Schriftsteller der Dichter, insbesondere der chinesischen Dichtung und wird in vielen Shinto-Schreien unter dem Namen Tenjin als Kami, also als Göttlichkeit, der Gelehrsamkeit verehrt.
0:44:32Sugawara Michizane wurde in einer Familie von Schriftgelehrten geboren. Seit der Zeit seines Großvaters stand seine Familie im Dienst des Hofes und unterrichtete Geschichte an der Nationalen Schule für zukünftige Beamte. Sein Vater eröffnete in seinem Haus eine Privatschule und unterrichtete Schüler, die sich auf die Aufnahmeprüfung für diese Schule vorbereiteten oder eine Laufbahn als Hofbeamte anstrebten. Sugawara bestand die Prüfung und trat in die Daigatsu ein, wie die Nationale Akademie damals ging. Nach seinem Abschluss begann er seine Karriere als Hofgelehrter. Er wurde auch zum Regierungsbeamten ernannt. Dank seiner Beherrschung der chinesischen Sprache wurde er manchmal zu diplomatischen Diensten herangezogen, beispielsweise als Gastgeber ausländischer Delegationen. Neben seinen Diensten am Hof leitete er weiterhin die von seinem Vater gegründete Schule.
0:45:49Er wurde auch zum Monjo Hakushi genannt, dem höchsten akademischen Amt der Daigaku. Zu dieser Zeit galt dieses Amt als die höchste Ehre, die ein Historiker erreichen konnte. Später verlor Sugawara die Gunst des Hofes und wurde zum Gouverneur einer Provinz ernannt. Auch zuvor war er bereits in solche Ämter berufen worden, jedoch immer nur nominell. Er verlor seine Professur und musste in die Provinz ziehen, deren Gouverneur er nun war.
0:46:31Als jedoch ein politischer Konflikt zwischen Kaiser Uda und Fujiwara no Motosune ausbrach, sandte er Motosuno seine Betrachtungen und gewann dessen Gunst. Obwohl seine Amtszeit als Gouverneur noch nicht abgelaufen war, wurde er nach Kyoto zurückgerufen. Dank der Gunst von Kaiser Uda stieg Sugawara schnell in den Reihen des kaiserlichen Hofes auf. Im Jahr 894 beschloss er, die kaiserlichen Botschaften in China abzuschaffen, die er aufgrund des Niedergangs der Tang-Dynastie nicht mehr für sinnvoll hielt. Im Jahre 901 fiel er jedoch einer Verschwörung seines Rivalen Fujiwara no Tokushira zum Opfer und wurde zu einem niederrangigen Beamten in der Stadt Nasaifu in der Provinz Jikusen degradiert. Nach seinem einsamen Tod brachen Epidemien und Dürren aus und die Söhne des Kaisers Daigo,
0:47:48865 bis 930, starben nacheinander. Der grosse Audienzzahl des Kaiserpalastes, auf Japanisch Shizihinden genannt, wurde wiederholt von Blitzen getroffen und die Stadt wurde wochenlang von Regenstürmen und Überschwemmungen heimgesucht. Diese Katastrophen wurden dem rachsüchtigen Geist Onryo des ins Exil geschickten Sugawara in Gestalt des Donnergottes Rajin zugeschrieben und der kaiserliche Hof errichtete in Kyoto einen Shinto-Schrein namens Kitano Tenmangu und widmete ihn Sugawaro no Michizane, der Posthum in seine Ämter und Titel wieder eingesetzt wurde. Jeder Hinweis auf sein Exil wurde aus den Aufzeichnungen gelöscht. Unter Kaiser Daigo, dem 60. Tenno, nahm Japan weiterhin die Kultur und den Luxus Chinas auf. Von der Kleidung über den Sport, die Küche, die Literatur und die Kalligrafie, die Poesie, die Verwaltungsmethoden, die Musik, die Künste bis hin zu den Gärten und der Architektur.
0:49:18Das Reich der aufgehenden Sonne importierte praktisch alles aus China und versuchte verzweifelt den Prunk der Tang-Dynastie nachzuahmen. Diese Zeit ist auch als Enji bekannt und stellt zweifellos den Höhepunkt des goldenen Zeitalters dar. Japan sollte nie wieder einen solchen Reichtum, eine solche Pracht und kulturelle Lebendigkeit erleben. Glanzzeiten sind jedoch meist nur von kurzer Dauer, da sie auf einem instabilen Fundament konzentriertem Reichtums beruhen und bei jeder wirtschaftlichen Schwankung zusammenbrechen. Sei es aufgrund der nachvollziehbaren Intoleranz der Ärmeren oder ausgebeuteten sozialen Schichten oder aufgrund von Kriegen und Naturkatastrophen. Japan geriet in eine Spirale der Korruption, die sich unkontrolliert ausbreitete. Gegen Ende dieses Niedergangs wurden öffentliche Ämter an den Meistbietenden verkauft. Dies führte, wie es nicht anders sein könnte, zu einer starken Verbreitung der Kriminalität
0:50:46in den schwächsten Schichten der Gesellschaft und die Bankenkriminalität erreichte ein beispielloses Ausmaß. Um einen sicherlich sehr ungenauen, aber dennoch anschaulichen Vergleich anzustellen, kann man diese Zeit mit dem amerikanischen Gangstertum während der Prohibition in den 1930er Jahren vergleichen. Die kriminellen Banden dieser in Anführungszeichen Proto-Yakuza lebten im großen Stil und waren zu mächtig, unverhaftet oder gestört zu werden. Die großen und mächtigen japanischen Familien fühlten sich sowohl physisch als auch in ihrer Macht bedroht. Sie begannen daher, private Armeen auszubilden, deren Krieger nach unverzichtbaren Tugenden wie Loyalität gegenüber ihrem Herrn, der Fähigkeit, sein Leben zu verteidigen, aber auch dem uneingeschränkten Einsatz in seinen Feldzügen, ohne den geringsten Zweifel an ihm, bewertet wurden. So entstanden die klassischen Samurai. Samurai ist der im Westen gebräuchliche Begriff
0:52:11für ein Mitglied der Kriegerklasse im vorindustriellen Japan. In Japan selbst ist der Begriff Bushi gebräuchlicher. Heute wird Samurai ausschließlich für den kriegerischen Adel dieser Zeit verwendet und nicht beispielsweise für die Ashigaru, die leicht gepanzerten Infanteristen. Der Ursprung des Begriffs war wahrscheinlich Saburai und bedeutete Diener oder Begleiter. Erst zu Beginn der Neuzeit, insbesondere in der Asuhi-Momoyama-Zeit und zu Beginn der Edo-Zeit, zwischen dem Ende des 16. und dem Beginn des 17. Jahrhunderts, setzte sich das Wort Samurai anstelle von Samurai mit B durch. Die Bedeutung hatte sich jedoch schon lange zuvor gewandelt. Im Laufe der Zeit entwickelten sie sich von Dienern und Söldnern zu einer Kriegerkasse. Sie gaben sich den Bushido-Kodex, wörtlich Weg des Kriegers Bushi. Seine Popularität und Bekanntheit verdankt der Begriff insbesondere
0:53:35dem englischsprachigen Werk Bushido von Inaso Nitobe. Der Begriff selbst taucht erstmals im 17. Jahrhundert in der Gesetzgebung der Tokugawa-Zeit als formalisierter Verhaltenskodex auf. Unabhängig von seiner Bedeutung ist er in seiner schriftlichen Form in erster Linie ein Produkt, einer Zeit, in der in Japan seit langem Frieden herrschte und der Bürgerkrieg beendet war. Als Nitobe Ende des 19. Jahrhunderts Bushido, the Soul of Japan, schrieb, wusste er nicht, dass dieser Begriff bereits existierte. Er war überzeugt, einen neuen Begriff zu schaffen und zeigte sich später überrascht, als er darauf hingewiesen wurde. Es ist daher nicht anzunehmen, dass der Bushido der Tongwanga-Zeit und der von Nitobe notwendigerweise Gemeinsamkeiten aufweisen. Der Bushido ist eine Weiterentwicklung der Budo-Philosophie, die an die Aktivitäten und Aufgaben eines Samurai angepasst wurde.
0:54:59Die Samurai und die Bushido-Lebensweise wurden sehr geschätzt, auch weil die Samurai in verschiedenen Epochen der japanischen Geschichte eine der höchsten Schichten der japanischen Gesellschaft darstellten. Für die Samurai war es selbstverständlich, neben der Kriegskunst auch eine Ausbildung in den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Religion und Philosophie zu erhalten. Verstösse gegen den Bushido-Kodex, auch im privaten Bereich, galten als unwürdig und unehrenhaft und führten oft zum rituellen Selbstmord, dem Seppuku, auch bekannt unter dem Begriff Harakiri. Seppuku ist eine ritualisierte Form des männlichen Selbstmords, die 1868 offiziell verboten wurde. Ein Mann, der durch einen Verstoß gegen seine Pflicht sein Gesicht verloren hatte, konnte durch Seppuku die Ehre seiner Familie wiederherstellen. Weitere Gründe für Seppuku waren unter anderem die Bestrafung für einen Gesetzesverstoß
0:56:24oder das sogenannte Oibara bei den Ronin , die ihren Herrn in Pfeudal in Japan verloren hatten, ihm in den Tod folgten. Wenn dieser dies schriftlich erlaubt hatte. Der Begriff Harakiri von Hara und Kiru wird vor allem in Europa und Amerika verwendet. Beim Seppuku schnitt sich der sitzende Mann, nachdem er seinen Oberkörper entblößt hatte, mit der Klinge eines Waki-Sashi, die in Papier gewickelt und speziell für diesen Anlass aufbewahrt wurde, etwa 6 cm unterhalb des Bauchnabels, meist von links nach rechts, mit einer abschließenden Aufwärtsbewegung in den Bauch. Nach dem Taoismus befindet sich hier der sogenannte Untere Tanden, ein Bereich des Hara, eben des Unterbauchs, der in der traditionellen chinesischen Medizin als wichtigstes Energiezentrum des Menschen und im Zehen auch als die Hauptarterie des Qi angesehen wird.
0:57:52Da der abdominale Teil der Aorta, also der Hauptschlagader, unmittelbar vor der Wirbelsäule liegt, wurde die Arterie in der Regel vollständig durchtrennt oder angeschnitten und der sofortige Blutdruckabfall führte innerhalb kürzester Zeit zur Bewusstlosigkeit. Im Laufe der Zeit wurden jedoch auch alternative Schnitte und Ergänzungen verwendet. So gibt es beispielsweise Beschreibungen einer Technik namens Yumanji Jiri, die eigentlich aus zwei Schnitten bestand und dank ihrer kreuzförmigen Form das Austreten der inneren Organe beschleunigt. Nach dem Ausführen dieser Schnitte, vor oder nach dem Ablegen der Klinge, durchtrennte ein Assistent, der Kaishaku-nin oder Zweiter, ebenfalls ein Samurai, meist der engste Vertraute, den Hals mit einer Katana, dem langen, leicht gebogenen, einklingigen japanischen Schwert, das mit beiden Händen geführt wurde oder seltener mit einem Tachi,
0:59:16dem langen japanischen Schwert mit einer säbelartigen Klinge, ausgehend von der Halswirbelsäule, um ihn fast vollständig, aber nicht ganz zu durchtrennen und einen schnellen Tod herbeizuführen. Der Zweite blieb außerhalb des Blickfeldes des Verurteilten und wartete auf den richtigen Moment. Der befreiende Hieb musste mit absoluter Präzision ausgeführt werden, um das Leiden nicht unnötig durch eine verzögerte Hinrichtung zu verlängern. Wäre er zu früh ausgeführt worden, sprich bevor der Kopf nach vorne geneigt war, wäre die Klingel in den Halswirbeln stecken geblieben und weitere Heben wären notwendig gewesen, was zusätzliches Leiden verursacht hätte. Der Zweite musste auch darauf achten, den Kopf nicht vollständig zu drücken, der durch einen Hautklappen mit dem Körper verbunden bleiben musste. Alles andere wäre in der Idee des Bushidos
1:00:30respektlos gegenüber dem Verurteilten gewesen und hätte eher an die Hinrichtung eines Verbrechers erinnert. Aufgrund all dieser Faktoren trug der Assistent eine große Verantwortung. Es kam vor, dass ein unfähiger Kaishaku-Nin aufgefordert wurde, das Seppuku selbst durchzuführen. Der Dienst des Kaishaku-Nin war für den Sterbenden von großer Bedeutung. Während des Seppuku durfte ein Samurai weder sein Gesicht verziehen noch seufzen oder stöhnen, geschweige denn Angst zeigen. Sobald er seine persönliche Schmerzgrenze erreicht hatte, neigte er leicht den Kopf und erhielt den vorher beschriebenen tödlichen Schlag. Das Verhalten der Person, die in den entscheidenden Momenten Seppuku beging, wurde von den anwesenden Chronistinnen schriftlich bewertet, die anhand der korrekten Ausführung und des würdigen Verhaltens entschieden, ob das Ritual als offizielles Seppuku anzusehen war.
1:01:52Der ritualisierte Selbstmord von Frauen wird Jigai genannt. Historisch gesehen wird er mit Samurai-Frauen, hauptsächlich Onna Mugesha, und in einigen Fällen mit den Frauen oder Töchtern der Bushi in Verbindung gebracht. Er ist das weibliche Pendant zum bekannten Seppuku. Die Frauen benutzten einen Tanto, einen kleinen zeremoniellen Dolch, der oft in der Familie aufbewahrt wurde. Beim Jigai wurde nicht wie beim Seppuku der Bauch aufgeschlitzt, sondern die Kehle oder die Halsschlagader schnell und sauber durchtrennt. In einigen Fällen wurde auch die Oberschenkelarterie im Inneren des Oberschenkels durchtrennt. Das Ziel war ein schneller, scheinbar gewaltfreier Tod, der die Würde des weiblichen Körpers bewahrte. Die Frauen banden sich oft die Knie mit einem Seidenband zusammen, um in einer würdevollen Haltung zu sterben und nicht nach dem Tod zusammenzusacken.
1:03:12Sie trugen zeremonielle Kleidung, manchmal in Weiss, der Farbe des Todes im japanischen Buddhismus. Jigai wurde praktiziert, um Vergewaltigung oder Gefangennahme durch den Feind zu vermeiden. Insbesondere in Kriegszeiten oder als Geste der Ehre und Treue gegenüber dem Ehemann oder die gefallenen Feudalherren. In sehr seltenen Fällen auch als ritueller Protest oder um die Schande der Familie. Ein berühmtes Beispiel ist die Frau eines Samurai, die auf die Nachricht von der Niederlage ihres Mannes Jigai vollzog, um nicht in die Hände des Feindes zu fallen und die Ehre ihres Geschlechts zu wahren. Diese Praktiken, die in unseren Augen entsetzlich erscheinen mögen, müssen wir einmal mehr in ihrem historischen und kulturellen Kontext betrachten. Im feudalen Japan galt Würde und die Kontrolle über den eigenen Körper
1:04:27als höchste Tugenden. Der freiwillige Tod wurde nicht als Versagen angesehen, sondern als Akt der Stärke, Loyalität und Reinheit. Jigai vereinte ästhetische Gelassenheit, buddhistische Spiritualität, Loslösung und neokonfuktionistische Ideale weiblicher Tugenden wie Keuschheit, Treue und Selbstbeherrschung.
1:05:03Aber kehren wir zu Heinanzai zurück. Die Schaffung privater Armeen brachte nicht nur die Samurai hervor, sondern war auch ein wesentliches Element für einen der wichtigsten Teile der japanischen Geschichte, das Shogunat. Wie bereits erwähnt, wurden private Armeen nicht nur zur Selbstverteidigung eingesetzt, sondern zunehmend auch als Instrument der eigenen Machtpolitik. Das Land wurde von Bürgerkriegen, Bandenkriegen und Kriegen zwischen verschiedenen Clans erschüttert. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich aus dieser Situation eine ganze Reihe von Militärdiktatoren, die das Land in eine entsprechende Anzahl von lokalen Königreichen, den Daimyo, aufteilten. Sie gaben sich den Titel Shogun. Der Shogun ist eine der symbolträchtigsten Figuren der japanischen Geschichte. Er war der oberste General des Militärs, aber auch jahrhundertelang der mächtigste Mann des Landes.
1:06:19Oft mächtiger als der Kaiser selbst. Hinter diesem Titel Shogun verbirgt sich ein komplexes Geflecht aus Macht, Krieg, Kultur und Strategie, das das politische und soziale Gesicht Japans fast 700 Jahre lang tief geprägt hat. Shogun ist die Abkürzung für Sei Tai Shogun, was große General, der die östlichen Barbaren unterwirft, bedeutet. Ursprünglich war es ein vorübergehender militärischer Titel, der vom Kaiser an einen General verliehen wurde, der mit Feldzügen gegen die Völker im Osten und Norden, die Emishi, beauftragt war. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Titel jedoch zu einem ständigen, de facto königlichen Amt. Wie wir im weiteren Verlauf unserer Betrachtungen sehen werden, ragen unter den zahlreichen Shogunaten drei besonders hervor. Das Kamakura Shogunat von 1192 bis 1333,
1:07:39das Ashikaga Shogunat von 1333 bis 1573 und das Tokugawa Shogunat von 1603 bis 1573. Die Macht des Shoguns wurde von Bakufu ausgeübt, wörtlich Regierung unter dem Zelt. Eine Anspielung auf die Zeit, als Generale die Militärlager leiteten. Das Bakufu war eine Militärbürokratie mit Justiz, Kontrolle über den Handel, Landwirtschaft, Religion und Diplomatie, sowie mit der Zensur. Der Shogun entschied über Krieg und Frieden, verwaltete den Adel und die Ränge, hatte das Monopol auf den Außenhandel, schrieb offizielle Ideologien vor und kontrollierte die Religion. Der Shogun war jedoch kein König. Seine Macht ging formal immer noch vom Kaiser aus, der ihm den Titel verlieh. Im Land der aufgehenden Sonne triumphierte er, aus ähnlichen Gründen wie in Europa das Feudalsystem, und die Feudalherren gewannen umso mehr an Macht,
1:09:04je mehr sich die zentrale Macht des Kaisers schwächte. Um 1190 gründete ein Mitglied des Minamoto-Clans, Minamoto no Yoritomo von 1147 bis 1199, ein Shogunat, dessen Macht so groß wurde, dass viele in ihm die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung des Landes unter einer einzigen Regierung und einem einzigen Rechtssystem sahen. Nach seinem Tod im Alter von 53 Jahren durch einen Sturz vom Pferd folgten ihm seine eher schwachen Söhne und Enkel, die den Traum von der Wiedervereinigung zunichte machten. Aus dieser Geschichte entstand ein japanisches Sprichwort, das aussagte, ich zitiere, ein großer Mann hat keinen Samen. Zitat Ende. Die politisch klugen Koreaner erkannten, dass die Umwandlung Japans von einer wirtschaftlich geprägten Gesellschaft zu einer Militärdiktatur früher oder später ihre territoriale Integrität bedrohen würde.
1:10:24Seit jeher neigen Militärdiktaturen dazu, interne Probleme, die sich nicht mit Parolen lösen lassen, durch spektakuläre Ablenkungsmanöver zu, in Anführungszeichen, überwinden, wie die Eroberung neuer Gebiete oder die verbale Übertreibung der Gefahr, die von mehr oder weniger realen äußeren Feinden ausgeht.
1:10:51So begannen die Koreaner den chinesischen Kaiser Kublai Khan davon zu überzeugen, das an Edelsteinen so reiche Japan zu erobern und seinem imperialen Glanz ein weiteres Juwel in der Krone hinzuzufügen. Anscheinend glaubte er den Koreanern, denn er liess eine imposante Flotte bauen. Chinesische Dichter erzählten, wie die chinesischen Hügel weinten, weil sie für den Schiffbau abgeholzt wurden. Im rückblickenden Patriotismus Japans wird erzählt, dass die Chinesen mit 70.000 Schiffen aufbrachen, um das Reich der aufgehenden Sonne zu erobern. Seriöse Historiker hingegen begnügen sich mit 3.500, die eine Expeditionsgruppe von 100.000 Mann transportierten. Im Herbst 1281 tauchte diese Importanz eine imposante Flotte vor der japanischen Küste auf, wie 297 Jahre später die Spanier vor der Küste Englands. Wie die Spanier wurde auch die Chinesen nicht durch die militärische Überlegenheit des Feindes besiegt,
1:12:14sondern durch eine unerwartete Leine der Natur. Aus dem Nichts entfesselte sich ein Sturm von solcher Heftigkeit, dass die Flotte von Kublai Khan an den japanischen Klippen zerschellte und 70.000 Soldaten in den Wellen ertranken. Dieser Sturm wird von den Japanern göttliche Winde genannt, also Kamikaze, von Kami, Gottheit und Kaze, Winde. Aber die verzauberte Welt der Hainan-Zeit konnte nicht ewig währen. Hinter den duftenden Vorhängen des Hofes regten sich neue Kräfte. Wie wir gesehen haben, gewannen die Bushi, die Krieger aus den Provinzen an Macht und Ansehen. Die Clans Taira, Heike und Minamoto Genji, zunächst Werkzeuge des Adels, wurden zu Protagonisten des historischen und kriegerischen Epos, das zum Zusammenbruch des aristokratischen Hofes und zur Errichtung der ersten Militärregierung Bakufu in Kamakura im Jahre 1185 führte.
1:13:36Die Heian-Zeit war nicht nur eine historische Epoche, sondern eine Weltanschauung. Zu keinem anderen Zeitpunkt erreichte die japanische Zivilisation ein solches Gleichgewicht zwischen Kunst und Leben, Form und Inhalt, Stille und Wort. Stille und Wort. Auch nach ihrem Ende lebte die Heian-Welt als nostalgisches Idealbild in Zen-Gärten, Haiku-Gedichten und im Noh-Theater weiter. In einer Zeit des Wandels, des Lärms, lehrt uns der Traum von Heian, dass wahre Eleganz aus dem Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Zeit ist und aus der Gefälligkeit, mit der man sie loslässt.
1:14:30Die Geschichte Japans Teil 2 Präsentiert von der Akademie der Vernunft und Barouge Wenn du uns unterstützen möchtest, abonniere den Kanal und hinterlasse uns einen Like. Wenn du Fragen oder Anmerkungen zum Inhalt hast, kannst du einen Kommentar hinterlassen. Wir versuchen alle Anfragen zu beantworten. Vielen Dank für deinen Besuch und bis zum nächsten Mal auf diesem Kanal.