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Transkript · Geschichte Japans · Teil 3Vom Samurai zum Shogun — Transkript
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0:00:00Die Akademie der Vernunft und Bar Rouge präsentieren die Geschichte Japans Teil 3. Vom Samurai zum Shogun, Japans Weg durch Kriege, Zen und Ästhetik. Es ist die Geburt der Ordnung nach dem Sturm, ein Land zwischen Schwert und Stille.
0:00:24Im Laufe der japanischen Geschichte gibt es nur wenige Übergänge, die so bedeutungsvoll sind wie der von der trägen Anmut der Heian-Zeit, Ismail hat es angesprochen, die zwischen 794 und 1185 stattgefunden hat, zur rauen Konkretheit der Kamakura-Zeit, eine Epoche, die von 1185 bis 1333 gedauert hat. Es handelt sich nicht nur, um ein dynastisches oder politischer Wandel, sondern um eine echte Metamorphose des kollektiven Bewusstseins, einem epochalen Übergang, der das Ende einer Welt und den Beginn einer neuen Welt markiert. Die Heian-Zeit, Höhepunkt der japanischen Hofkultur, präsentiert sich als eine Epoche von raffinierter Ästhetik und subtiler Introspektion. Der kaiserliche Hof in Kyoto, umgeben von einer Aura hieratischer Schönheit, entwickelte eine Kultur der gemessenen Gesten, der zarten Farben und der geflüsterten Worte.
0:01:53Es war die Zeit des bereits erwähnten Mono-no-Avare, also des schmerzlichen Bewusstseins der Vergänglichkeit aller Dinge. Hier wurde die Macht nicht mit dem Schwert ausgeübt, du hast es angedeutet, sondern mit der Feder, der Anspielung, dem Ritual. Die tatsächliche Autorität lag bereits in den Händen des Fujiwara-Clans, aber die symbolische Macht des Kaisers blieb als fragile Ikone der mythischen Vergangenheit bestehen. Doch unter dem leichten Schleier der Heian-Raffinesse, veränderte sich die Realität. Das Gleichgewicht zwischen Zentrum und Peripherie zerbrach in den Provinzen. Fernab der kaiserlichen Kontrolle blühten Krieger-Dynastien wie die Minamoto und die Taira, die nicht von Poesie, sondern von militärischer Disziplin, einem Ehrenkodex und dem Kult der Ehre geprägt waren. Der Untergang der Heian-Raffinesse der Heian-Zeit war blutig. Die Genpei-Kriege zwischen 1180 und 1185,
0:03:18ein lautes Echo des Zerfalls einer alten Ordnung, sahen den Aufstieg der Bushi-Klasse als dominierende Kraft, also die Kasse der Samurai. Mit dem Sieg von Minamoto no Yoritomo und der Errichtung des Shogunats in Kamakura trat Japan in eine neue Ära ein. Die Macht verlagerte sich von der kaiserlichen Hauptstadt in das Herz Ostjapans an einem strengen Ort ohne Prunk, der jedoch von einer männlichen und strengen Ethik geprägt war. Die Kamakura-Zeit war nicht kulturlos, aber es war eine Kultur ganz anderer Trägung. Weniger lyrisch, konkreter, weniger verzaubter, disziplinierter. Die Blütezeit des Zen-Buddhismus mit seiner asketischen Strenge und seinem stillen Glanz fand unter den Samurai fruchtbaren Boden. Das Wort wich der Geste, Eleganz der Nüchternheit, kontemplative Untätigkeit entschlossenem Handeln. Nicht mehr die Eleganz der Höfe,
0:04:43sondern die Schlichtheit der Rüstungen. In diesem Übergang erfand sich Japan neu. Das goldene Licht einer Traumzeit erlosch, aber das feste Licht einer neuen Ethik entzündete sich, welche die japanische Seele für Jahrhunderte prägen sollte. Es war das Ende einer Illusion und der Beginn einer härteren, aber authentischeren Treue. Nämlich der Treue zum Schwert, zum gegebenen Wort und zum Tod. Der mit Gelassenheit akzeptiert wurde. Die Kamakura-Zeit markiert einen dramatischen Bruch in der Geschichte Japans. Auf die stille kaiserliche Macht des Heianhofes folgte eine Epoche, in welcher der Stahl, der Katana zur Stimme der Politik wird und das Rascheln der Seidengewänder der Kortisanen vom Klirren der Rüstungen verdrängt wird. Es ist die Zeit der Samurai. Ein neuer, scharfsinniger und disziplinierter Adel,
0:05:57der nicht mehr in den prächtigen Pavillons von Kyoto residierte, sondern in den strengen Festungsanlagen von Kamakura, der bescheidenen Küstenstadt, die einer ganzen historischen Epoche ihren Namen gab. Man kann mit Sicherheit behaupten, dass die Kamakura-Zeit, wenn auch oft in vermittelter, verinnerlichter oder im Laufe der Zeit, überarbeiteter Form Japan bis heute maßgeblich geprägt hat. Die Bedeutung dieser Zeit geht weit über ihren historischen Moment hinaus, da sie Werte, Verhaltensmuster und Weltanschauungen geprägt hat, die sich bis in der heutigen japanischen Kultur widerspiegeln. Es war der kluge und unerbitterliche Minamoto no Yoritomo, der 1192 das erste Bakufu, sprich Militärregierung in der japanischen Geschichte, gründete. Von diesem Moment an begannen die reale und die symbolische Macht wie zwei Wege im Forst auseinanderzulaufen.
0:07:15Auf der einen Seite stand der Kaiser, der auf eine rituelle Funktion beschränkt war. Auf der anderen Seite der Shogun, der über Krieg und Kriegsthemen, und Frieden entschied. Aber es war nicht alles Strenge und Kampf. Die Kamakura-Zeit war auch eine Zeit spiritueller Begeisterung. Buddhistische Schulen verbreiteten sich exponentiell. Insbesondere verbreitete sich das Zen, welches von den Samurai wegen seiner strengen und inneren Disziplin geliebt wurde. Es wird erzählt, dass ein junger Krieger, der begierig darauf war, die Geheimnisse der Erleuchtung zu erfahren, sich dem Meister Eisai vorstellte und fragte, Meister, wie lange werde ich brauchen, um Satori zu erreichen? Also die Erleuchtung. Der Mönch antwortete, ohne aufzublicken, zehn Jahre. Der junge Samurai hakte nach und fragte, und wenn ich mich Tag und Nacht mit ganzer Kraft bemühe?
0:08:3220 Jahre, antwortete der Meister. So lernte der Krieger, dass man in der Eile, das Ziel zu erreichen, vom Weg abkommen kann. Es gab jedoch auch heitere Episoden. Ein klösterlicher Bericht aus dem 13. Jahrhundert erzählt von einem alten Krieger, der sich entschlossen hatte, sich in einen Tempel zurückzuziehen, um sich der Meditation zu widmen, und sein gesamtes Waffenarsenal, Helm, Schwert, Bogen und Pfeile mitnahm. Als der Arzt ihn fragte, ob er den Dharma verteidigen oder sich auf den Krieg vorbereiten wolle, antwortete der ehemalige Samurai mit schlichter Einfachheit, Zitat, alte Gewohnheiten, Meister. Es ist leichter, die Welt zu verlassen, als den Schwertgürtel, Zitat Ende.
0:09:31Obwohl die ästhetische Pracht des Heianhofes nun der militärischen Stränge wich, war der Sinn für Schönheit keineswegs verschwunden. Die Samurai studierten Poesie, Kalligrafie und Philosophie und verfassten vor der Schlacht ein Vaka, ein poetisches Abschiedsgedicht an die Welt. Eines dieser Vaka lautet, ich zitiere, Im Brüllen des Windes höre ich meine Angst nicht. Nur die Leere wartet zwischen dem Geräusch des Pfeils und der Morgendämmerung, die nicht kommen wird. Zitat Ende. Im Laufe der Jahrhunderte hat die japanische Kleidung einen raffinierten, ästhetischen und symbolischen Weg zurückgelegt, der seine Wurzeln nicht nur in der praktischen Funktion der Kleidung hat, sondern in einer Weltanschauung, die tief von Spiritualität, Hierarchie und formaler Harmonie geprägt ist. In der Kamakura-Zeit begann die Kleidung, die neue Gestalt der Macht wiederzuspielen.
0:10:55Von der ätherischen Raffinesse des Hoflebens der Heian-Zeit ging man nun zu einer martiarischen, und materialistischen Nüchternheit über, die den Aufstieg der Kriegeklasse widerspiegelt. So war beispielsweise der Kimono in seiner archaischen Form als Kosode, wörtlich kleiner Ernur, ursprünglich ein Unter- oder Freizeitkleidungsstück, setzte sich aber im Lauf der Kamakura-Zeit auch als Alltagskleidung unter den Samurai durch. Sein geradlidiger, symmetrischer Schnitt, der sich jedem Körperbau anpasste, verkörperte ein tiefes ästhetisches Prinzip. Die Schönheit der geregelten Einfachheit, die schlichte Harmonie der reinen Linien. Es ist kein Zufall, dass der Kosode in den folgenden Jahrhunderten zur Vorlage für den modernen Kimono wurde. Im Gegensatz zu den prächtigen, zwölfschichtigen Gewändern, sprich Junihitoe, des hohen Adels der Heian-Zeit, musste die Kleidung der Kamakura-Krieger funktionaler sein, ohne jedoch an Würde zu verlieren.
0:12:28Widerstandsfähigere Stoffe, weniger auffällige Farben und praktische Schnitte spiegelten die neue Machtethik wider. Sprich Gelassenheit, Loyalität und Strenge. Es versteckte sich auch in dieser Strenge eine tiefe Raffinesse. Die Farbkombinationen waren nicht zufällig, sondern von den Jahreszeiten der klassischen Literatur oder buddhistischen Lehren inspiriert. So wurde die Kleidung zu einem symbolischen Raum, einer Fläche, um eine stille Sensibilität zum Ausdruck zu bringen. In der Muromaki-Zeit, die wir später sehen werden, also die Zeit zwischen 1336 und 1573, wurde die Ästhetik der Kleidung unter dem Einfluss des Zen-Buddhismus noch strenger und noch spiritueller. Die Form des Kimonos stabilisierte sich weiter, während sich die Konzepte von Wabi und Sabi durchsetzten, die den Geschmack für neutrale Farbtöne, gewollte Unvollkommenheit und verschleierte Schönheit beeinflussten.
0:13:54Auch die Kleidung wurde wie ein Steingarten oder eine Tee-Zeremonie zu einer meditativen Geste, zu einem poetischen Raum. Mit der langen stabilen Edo-Zeit, die wir das nächste Mal betrachten werden, also das ist die Periode zwischen 1603 und 1868, reifte der Kimono zu einem universellen Kleidungsstück, das alle Klassen und Geschlechter umfasste, aber immer nach subtilen Regeln kodifiziert war. Die städtische Bourgeoisie entwickelte einen eigenen Geschmack für diskrete Eleganz, während die Samurai-Klasse eine nüchterne und sakrale Strenge beibehielt. Die aristokratischen Frauen, die Frauen hingegen, trugen immer aufwendigere Obi, Symbole für Anmut und Status. Dabei war die japanische Kleidung nie ein bloßer materieller Gegenstand, sondern ein Ort der Beziehung zur Welt, eine Form, die den Körper, aber auch die Seele kleidet.
0:15:06Eine Oberfläche, auf die unsichtbare Codes projiziert werden. Der Kimono ist in seiner jahrhundertelangen, Entwicklung Zeugnis einer Zivilisation, die es verstanden hat, Kleidung zu einer Sprache, einer Disziplin und letztlich zu einer Kunst zu machen. In der turbulenten Übergangsphase des mittelalterlichen Japans, in der sich die militärische Macht mit der Suche nach einer neuen Spiritualität verbannt, ratete die Figur des Meisters Eisai, 1141 bis 1215, als eine der leuchtendsten und fruchtbarsten heraus. Als wandernder Mönch, Dharma-Philosoph und unermüdlicher Reisender war Eisai weit mehr als nur ein einfacher Geistlicher. Er war eine Brücke zwischen den Zivilisationen, ein Erneuerer des buddhistischen Denkens, ein Vorläufer der Tee-Kultur und nicht zuletzt der lebendige Keim des Zens in Japan. Wie viele Mönche seiner Zeit wurde er zunächst in der Tendai-Schule ausgebildet,
0:16:25verspürte jedoch eine tiefe Unzufriedenheit mit den rituellen Formen, die er als Lehr empfand. Zwei Reisen nach China, 1168 und dann 1187, führten ihn direkt zum pulsierenden Herzen des Chan-Buddhismus, das ist der Vorläufer des Zens. Der in jenen Jahren in der Song-Dynastie blühte. Von seiner zweiten Reise brachte er nicht nur Texte und Wissen mit, sondern auch die lebendige Erfahrung des Zen-Erwachens. So gründete Eisai in Japan die erste Schule des Rin-Sai, einer der beiden großen Strömungen des Zens und leitete damit eine stille, aber tiefgreifende Revolution ein. Seine Lehre gründete auf einer direkten, strengen, aber gleichzeitig zutiefst menschlichen Praxis. Meditation, Disziplin, Intuition. Werkzeuge, um die Erleuchtung wieder zu entdecken, die laut dem Buddhismus bereits in jedem Wesen wohnt.
0:17:39Aber Eisais Werk war weitreichender, als es der religiöse Bereich allein fassen kann. Ihm verdanken wir nämlich die systematische Einführung des grünen Tees in Japan. Nicht nur als Getränk, sondern als spirituelles Ritual und Medizin für Körper und Seele. In seiner Abhandlung Kissa Yojoki, sprich Anmerkungen zur Erhaltung der Gesundheit durch Tee, schreibt Eisai, Zitat, Tee ist das Wundermittel, um das Leben zu erhalten. Wer Tee trinkt, verlängert sein Leben, stärkt sein Herz und erleichtert seine Seele. Zitat Ende. In diesen Worten kommt die Einheit von Körper und Geist zum Ausdruck, die der Zen predigte. Das Teetrinken wurde so zu einem Akt der Zentrierung einer Meditation im Kleinen, einer Rückkehr zum Wesentlichen. Es ist kein Zufall, dass Jahrhunderte später gerade der Zen
0:18:48die Grundlage der japanischen Tee-Trinkung als Tee-Zeremonie, sprich Chanoyu genannt, bildete, die in Eisai einen geistigen Vorläufer fand. Als eine der subtilsten und raffiniertesten Ausdrucksformen der japanischen Kultur ist die Tee-Zeremonie ein stiller Ritus, der eine alltägliche Gäste, nämlich das Trinken, in einen Akt der Kontemplation, der Beziehung und der Schönheit verwandelt. Im japanischen als Chanoyu, also heißes Wasser für Tee, oder poetischer als Sado oder Chado, sprich Weg des Tees bekannt, stellt sie einen Mikrokosmos der Ästhetik und Spiritualität des Zehens dar. Ein schwebendes Raum-Zeit-Kontinuum, in dem der Körper unberührt bleibt, die Gesten essentiell werden und jeder Gegenstand das Unsichtbare offenbart. Der pulverisierte Grüntee, Matcha genannt, wurde zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert aus China als Heiltee nach Japan gebracht
0:20:19und entwickelte im Laufe der Zeit eine rituelle Dimension. Ob die aktuelle Dimension, des Matcha-Types, der in der Presse lesbar ist, auch die gleichen spirituellen Kategorien verfolgt, ist zumindest diskutabel. Aber er ist dermaßen stark im Westen und insbesondere hier in Europa, dass in Japan ein Mangel an Matcha besteht. Wie bereits erwähnt, war es der Mönch Eisai, welcher in der Kamakura-Zeit Matcha als meditative und therapeutische Praxis einführte, die ursprünglich für Mönche und Samurai bestimmt war. In der Muromachi-Zeit und noch mehr in der Moyama-Zeit, also im 16. Jahrhundert, nahm die Tee-Zeremonie dank des großen Meisters Zen no Rikyu ihre heutige Form ein. Er war es, der das Chanyu nicht zu einer luxuriösen Schaustellung machte, sondern zu einem Ritual der Wesentlichkeit,
0:21:40durchstrungen von den Idealen des Zens, des Wabi-Sabi, sprich der Schönheit, der Unvollkommenheit und der Einfachheit und des gegenseitigen Respekts. Seine Lehre war klar. In der Stille eines Raumes, in der Wärme eines Schluckes, verbirgt sich die ganze Welt.
0:22:07In den vier Grundprinzipien der Tee-Zeremonie finden sich vier Grundwerte. Va, also die Harmonie zwischen den Menschen, zwischen den Gegenständen, zwischen der Umgebung und der Jahreszeit. Kei, also der Respekt gegenüber anderen, gegenüber den Utensilien, gegenüber der gemeinsamen Zeit.
0:22:36Sei, also die körperliche und geistige Reinheit im Raum und den Gesten. Und schließlich Yaku, also die Ruhe, die sich als das Endergebnis der Verinnerlichung der anderen drei Prinzipien einstellt. Diese Werte sind nicht nur Konzepte, sondern Erfahrungen, die im Ritual verkörpert sind. Der Chashitsu, der Tee-Raum, ist ein strenger und symbolischer architektonischer Raum. Er ist oft klein, viereinhalb Tatami, also Tatami ist die traditionelle japanische Matte, die als Bodenbelag in Wohnungen und vor allem in Teestuben oder Tempeln verwendet wird, was durchschnittlich 7,5 Quadratmetern entspricht, also ein wirklich sehr kleiner Raum. Der Chashitsu ist frei von überflüssigen Verzierungen und auf das Wesentliche ausgerichtet. Der Zugang erfolgt durch eine niedrige Tür, Nijirijuchi genannt, die den Betretenden zwingt, sich zu verbeugen
0:23:58und seinen Raum, sein Ego und die Welt draußen zu lassen. Im Inneren befinden sich nur wenige bedeutungsvolle Gegenstände, ein Kakemono, also eine Kalligrafie-Rolle, ein Ikebana-Blumen-Arrangement und das Teegeschirr, das mit millimetergenauer Sorgfalt angeordnet ist. Jedes Element wird sorgfältig nach Jahreszeit, Anlass und Stimmung ausgewählt. Die Teezeremonie unterliegt strengen Regeln und einer formellen Zeremonie, Chai genannt, und kann bis zu vier Stunden dauern. Nach dem Betreten des Raumes reinigen die Gäste ihre Hände und ihren Mund in einem Wasserbecken, Tsukubai genannt, und betreten dann schweigend den Raum, wo sie den Blick auf das Kakemono und die Blumen richten, um die ästhetische und spirituelle Absicht des Gastgebers zu erfassen. Nach einer leichten Mahlzeit, Kaiseki genannt, wird der dickflüssige Tee, Koicha genannt, serviert,
0:25:21der aus einer konzentrierten Dosis Matcha zubereitet und von allen aus derselben Schale getrunken wird. Anschließend folgt der leichte Tee, Usucha genannt, der individuell serviert wird. Der Tee-Meister, Teishu genannt, bewegt sich mit langsamen, festgelegten, aber nicht mechanischen Gesten. Jede Bewegung ist auf Präzision und Harmonie ausgerichtet. Das Wasser wird gekocht, der Tee in die Chawan, sprich Schale, gegossen und mit dem Chasen, ein steifer Bambusbesen, verrührt. Alles geschieht in konzentrierter, fast heiliger Stille. Die Gäste nehmen den Tee mit einer Verbeugung entgegen und drehen die Schale zweimal, bevor sie trinken, um ihre Lippen nicht auf die schönste Seite zu legen. Am Ende betrachtet man die Schale, gibt sie respektvoll zurück und bedankt sich mit bedachten Worten. Nichts ist dekorativ.
0:26:42Alles hat eine Bedeutung. Die Utensilien, Löffel , Wasserkocher , Teebehälter , werden mit großer Sorgfalt unter Berücksichtigung der Jahreszeit und der ästhetischen Kohärenz ausgewählt. Auch Unvollkommenheiten sind gewollt. Ein unregelmäßiger Rand, ein goldener Riss nach der Kunst des Kirchen, in Tsugi, der alten japanischen Technik zur Restaurierung zerbrochener Keramik, aber auch und vielleicht vor allem einer tiefgründigen ästhetischen und spirituellen Philosophie, welche die Zerbrechlichkeit, Unvollkommenheit und Widerstandsfähigkeit der Dinge und des Menschen feiert, werden zu Zeichen von Schönheit und Leben. Cha noyu ist keine Zeremonie im westlichen Sinne, sondern eine verkörperte spirituelle Praxis. Es ist eine Möglichkeit, die Zeit anzuhalten und den gegenwärtigen Moment voll und ganz zu leben. Ichigo Ichi, das heißt eine einmalige Begegnung. Dieser in der Tee Tradition beliebte Ausdruck erinnert uns daran,
0:28:14dass jede Begegnung einmalig und jede Gelegenheit einzigartig ist. Tee trinken ist in diesem Zusammenhang ein philosophischer Akt. Es ist die japanische Antwort auf die Unruhe des Daseins, nicht Kontrolle, sondern Akzeptanz des Flüchtigen, des Zerbrechlichen, der Leere. Die Zeremonie zieht nicht darauf ab, die Welt zu erklären, sondern sie in einer minimalen Geste zum Schwingen zu bringen. Für die Japaner ist die Tee Zeremonie nicht nur ein kulturelles Erbe oder eine Kunstform, sondern ein Weg der Bewusstwerdung, eine Liturgie des Wesentlichen, die zur Ruhe und zum Zuhören einlädt. In einer hektischen Welt bleibt sie eine stille, aber kraftvolle Aufforderung, langsamer zu werden, zu beobachten, zu respektieren und in einer Schale grünen Tees das Spiegelbild einer unvergänglichen Schönheit zu entdecken.
0:29:33Aber kehren wir zurück zur Kamakura-Zeit und zu Meister Eisai, der in einer von Militarisierung und Machtzusplitterung geprägten Epoche auch die neuen Herrscher der Klasse, die Samurai, für sich gewinnen konnte. Er widmete ihnen Schriften und Ratschläge und behauptete, dass die Disziplin des Zehens dem Weg des Krieges ähnlich sei. Auf diese Weise sicherte er nicht nur das Überleben seiner Schule, sondern trug auch zur Prägung der japanischen Kriegsethik bei und beeinflusste Jahrhunderte des Denkens und des Handelns. Er starb im Jahr 1215, aber sein Vermächtnis lebt ungebrochen weiter. Seine Asche soll in Keninji ruhen, dem von ihm gegründeten Tempel in Kyoto, der nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein pulsierendes Zentrum der Ästhetik, der Kultur, und der Selbstreflexion ist.
0:30:56In der Zeit dieser Ereignisse entstand auch das Bento. Das Bento ist viel mehr als nur eine Mahlzeit in einer Box, in einer Schachtel. Es ist ein raffinierter, ästhetischer und kultureller Mikrokosmos, eine geordnete Symphonie aus Formen, Farben, Texturen und Bedeutung. In ihm vereinen sich die Kunst der Ernährung, der Sinn für visuelle Komposition und die japanische Sorgfalt für den Anderen, für das Essen, für den Alltag. Der Begriff Bento bezeichnet eine individuell zubereitete – angelsächsisch würde man sagen – Lunchbox, die eine Vielzahl von Speisen enthält, die harmonisch in Fächer angeordnet sind. Obwohl es dem westlichen Konzept der Lunchbox ähnelt, zeichnet sich das Bento durch die Sorgfalt aus, mit dem es zubereitet wird, bis hin zu den kleinsten Details.
0:32:12Es gibt Bento für zu Hause, Obento genannt, für die Schule, für das Büro, für unterwegs, Ekiben genannt, die in Konbini, kleinen japanischen Läden oder in Hochgeschwindigkeitszügen verkauft werden. Bis hin zu dem luxuriösesten Kaiseki-Bento in den traditionellen Gasthöfen Japans. Jede Variante spiegelt eine andere Vorstellung von Sorgfalt, Schönheit und Funktionalität wider. Das Bento basiert auf Ausgewogenheit und Vielfalt, sowohl in ernährungsphysiologischer als auch in ästhetischer Hinsicht. In der Regel enthält es ein Grundnahrungsmittel, typischerweise Reis, manchmal ersetzt durch Soba, die dünnen japanischen Buchenweizen, Onijiri, handgeformte Reisbällchen oder Dreiecke oder Zylinder, die mit einem Streifen Nori-Algen umwickelt sind, die wir auch aus der Sushi-Kultur sehr gut kennen, oder Brot. Zum Grundnahrungsmittel werden gegrillter Fisch, Terijaki-Hühnchen, bekannt für seine glänzende Glasur,
0:33:42Tamagoyaki, das japanische Omelette, oder Tofu gereicht. Dazu kommen gekochtes und rohes Gemüse, sortiert, süß-sauer oder in Essig eingelegt. Und was noch dazu kommt, ist eine säuerliche oder fermentierte Beilage, wie das Umeboshi, die eingelegte Pflaumen, die als Konservierungsmittel und Geschmackskontrast dienen. Abgerundet wird das Bento mit einer süßen oder dekorativen Note, oft einer frischen Frucht oder einem Lebensmittel, das in lustige Formen für Kinder oder saisonale Formen für Erwachsene geschnitten wird. Das Ganze wird nach Kriterien der visuellen Harmonie angeordnet, wie Farbkontraste, ausgewogene Proportionen und unterschiedliche Konsistenten von knusprig zu weich, glatt oder faserig. Jedes Bento, auch das einfachste, ist vom japanischen Geist des Omotenashi durchstrungen, der Kunst der stillen Aufmerksamkeit. Ein Bento für jemanden zuzubereiten, bedeutet sich diskret
0:35:09und liebevoll, um ihn oder sie zu kümmern. Es ist eine alltägliche Geste, die Schönheit, Funktionalität und Intimität vereint. Im Bento spiegelt sich auch die Ästhetik des Wabi-Sabi wider. Nichts ist übertrieben, nichts ist überflüssig. Jedes Element wird nicht nur aufgrund seines Geschmacks ausgewählt, sondern auch danach, wie es zum Rest, zur Jahreszeit und zur Stimmung des Empfängers passen. Die Zubereitung eines Bento ist eine Übung in Disziplin und Fingerspitzengefühl. Es ist wie das Malen eines vergänglichen Gemäldes, das in wenigen Minuten verzerrt wird, aber eine schöne Erinnerung im Herzen des Empfängers hinterlässt. Die Kamakura-Zeit war also ein Kreuzungspunkt, aus ketischer und kriegerischer, ironischer und tragischer Seelen, die immer zwischen dem Hier und dem Anderswo schwebten. Ehre wurde wie eine Rüstung getragen
0:36:26und der Tod, weit davon entfernt gefürchtet zu sein, wurde mit der Anmut einer in perfekter Stille fallender Lotusblume betrachtet. Der Übergang von der Kamakura-Zeit zur Nuromachi-Zeit, 1336 bis 1573, stellt einen grundlegenden Wendepunkt in der japanischen Geschichte dar. Dieser Übergang ist mehr als nur eine chronologische Zäsur, er bedeutet einen tiefgreifenden Wandel in der Machtstruktur der Kultur und der Weltanschauung. Die Kamakura-Zeit war geprägt vom Aufstieg einer neuen herrschenden Klasse, der Buke, dem Kriegeradel, der sich gegen die alte aristokratische Ordnung des Kaiserhofs durchsetzte. Das Bakufu, die Militärregierung, die unter der Führung des Shoguns Minamoto no Yoritomo in Kamakura eingesetzt wurde, errichtete ein Machtgefüge parallel zu dem des Heianhofes. Das nicht auf dynastischer Legitimität, sondern auf militärischem Charisma und direkter Kontrolle des Territoriums beruhte.
0:37:53Bereits Ende des 13. Jahrhunderts wurden jedoch Risse in diesem System sichtbar. Die Kriege gegen die Mongolen 1274 und 1281 waren zwar siegreich, schwächten jedoch das Bakufu wirtschaftlich und militärisch, sodass es seine Vasallen nicht angemessen entlöhnen konnte. Diese Unzufriedenheit führte zusammen mit latenten Spannungen zwischen dem Kaiserhof und der Militärmacht zu dem kurzen, aber symbolträchtigen Zwischenspiel der Kenmu, währenddessen Kaiser Go Dai Go versuchte, die direkte kaiserliche Macht wiederherzustellen. Die Kenmu-Zeit. Kenmu no Shinsei genannt, ist ein kurzes, aber äußerst bedeutendes historisches Zwischenspiel im mittelalterlichen Japan, das sich von 1333 bis 1336 erstreckte. Sie wird nicht als eigenständige Dynastie betrachtet, sondern als entscheidender Übergang zwischen dem Zusammenbruch des Kamakura Shogunats und der Gründung des Muromachi Bakufu unter den Ashikaga.
0:39:16Sie ist vor allem für den bereits erwähnten Versuch des Kaisers Go Dai Go bekannt, die direkte Macht der kaiserlichen Institution wiederherzustellen und die Autorität der Samurai zu beseitigen, die seit dem späten 12. Jahrhundert die politische Szene beherrscht hatten. Im Jahr 1333 gelang es Kaiser Go Dai Go mit Hilfe von Rebellen unter der Führung von Ashikaga Takauji und Nitta Yoshisada das Kamakura Shogunat zu zerstören und damit fast 150 Jahre militärischer Herrschaft zu beenden. Überzeugt davon, dass es an der Zeit war, die kaiserliche Macht in voller Unabhängigkeit wiederherzustellen, leitete Go Dai Go eine ehrgeizige politische und administrative Reform ein, die als Kenmu-Restauration bekannt wurde. In seiner Vision eines anderen Japans, das sein politisches System der Vergangenheit respektierte,
0:40:27versuchte Go Dai Go das alte kaiserliche Regierungsmodell wiederherzustellen, wobei er sich vom Ritsuryo-System der Nara- und Heian-Zeit inspirieren ließ, das eher auf einer zivilen Bürokratie als auf militärischen Macht beruhte. Der Klerus und die zivile Aristokratie, Kube genannt, wurden gegenüber der Militärklasse, die eine entscheidende Rolle beim Sturz der Kamakura gespielt hatte, bevorzugt. Dies löste tiefe Ressentiments unter den Kriegern aus. Die Krieger, welche die kaiserliche Sache unterstützt hatten, wurden oft ihrer versprochenen Belohnungen beraubt. Das Land wurde willkürlich neu verteilt, wobei die Adligen am Hof gegenüber den Samurai-Vassalen bevorzugt wurden. Innerhalb von drei Jahren erwies sich Go Dai Gos Projekt als unhaltbar. Die Krieger fühlten sich betrogen und ausgegrenzt. Insbesondere Ashikaga Tagauchi, ursprünglich ein Verbündeter des Kaisers, rebellierte.
0:41:49Nachdem er die kaiserlichen Truppen besiegt hatte, marschierte Ashikaga 1336 in Kyoto ein und setzte einen neuen Kaiser ein. Aber es entstanden zwei rivalisierende kaiserliche Linien. Die sogenannte Spaltung zwischen Nord und Süd, Nanboku-cho Jidai genannt. Eine in Kyoto, also im Norden, und pro Ashikaga, und eine in Yoshino, Süden, pro Daigo. Und beide stritten sich um die Legitimität des chrysanthemen Thrones, also des kaiserlichen Thrones. Die Kenmu-Zeit ist kurz, aber bedeutungsvoll, wie wir das schon ausgesprochen haben. Sie ist der letzte ernsthafte Versuch der japanischen Monarchie vor der Neuzeit, die direkte kaiserliche Macht wiederherzustellen. Sie macht die unumkehrbare Durchsetzung der Militärklasse in der politischen Macht deutlich. Schließlich wird sie symbolisch als eine Zeit des imperialen Idealismus in Erinnerung behalten,
0:43:15der durch die harte Realität der feudalen Macht zerschlagen wurde. Noch heute wird die Kenmu-Zeit mit einer gewissen tragischen Aura als Symbol für den Konflikt zwischen dynastischer Legitimität und de facto Macht beschworen. Ihr Scheitern besiegelte die endgültige Vorherrschaft des Feudalsystems, das Japan bis zur Meiji-Restauration im 19. Jahrhundert bescheren sollte. Das Scheitern dieser Restauration öffnete den Weg für den Aufstieg von Ashikaga-Takajui und die Richtung des Muromachi-Bakus. Die neue Ashikaga-Ordnung ähnelte zwar formell der Kamakura-Ordnung, beruhte jedoch auf anderen Voraussetzungen. Die Macht wurde weiter dezentralisiert. Die Figur des Shoguns wurde eher zu einem Vermittler als zu einer Autoritätsperson, und Allianzen wurden auf flexible Weise geschlossen, oft eher durch persönliche als durch institutionelle Bindungen. Japan trat in eine Phase zunehmend autonomer lokaler Herrschaften ein,
0:44:44die den Auftakt zur zukünftigen Sengoku-Jidai bildete. Die Sengoku-Jidai, wörtlich Zeit der kriegeführenden Staaten, war eine Epoche der Bürgerkriege, der politischen Instabilität und Kämpfe zwischen Feudalherren, die Japan von der Mitte des 15. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts erschütterte. Sie wird gemeinhin mit dem Ausbruch des Onin-Krieges im Jahr 1467 und der Schlacht von Sekigahara im Jahre 1600 datiert, die den Sieg von Tokugawa Ieyasu und die Gründung des Tokugawa Shogunats besiegelte, auf das wir später noch eingehen werden. Die Muromachi-Zeit war jedoch nicht nur eine Zeit der Feudalschreitigkeiten, sondern auch eine Epoche außergewöhnlicher kultureller Blüte. Der Kaiserhof behielt zwar seine tatsächliche Macht ein, nahm jedoch seine symbolische und kulturelle Funktion ein. Der Zen beeinflusste wir, die Ästhetik, die Literatur und die Künste
0:46:05und führte zur Entstehung oder zur großen Entwicklung raffinierter Ausdrucksformen wie dem Noh-Theater, der Tee-Zeremonie, dem Trockengarten und der Tuschmalerei. Die Welt der Krieger wurde zum Träger einer neuen, strengen und zugleich raffinierten Sensibilität. So markierte der Übergang von Kamakura zu Muromachi nicht nur den Untergang eines Regimes und die Geburt eines Neuen. Es war vielmehr die Verwandlung einer ganzen Zivilisation, die es verstand, die Brutalität des Schwertes mit höchster geistiger Raffinesse zu verbinden. Ein fragiles Gleichgewicht, gewiss aber zutiefst japanisch, in dem Chaos Schönheit hervorbrachte und Krisen zu einem fruchtbaren Boden für kulturelle Schöpfungen wurden. Die Periode hat ihren Namen vom Stadtteil Muromachi in Kyoto, wo sich das neue Bakufu, sprich Militärregierung, unter der Führung der Ashikaga-Familie niederließ. Diese Zeit, welche sich über 150 Jahre erstreckte,
0:47:23war eine der vielschichtigsten, ambivalentesten und zugleich raffiniertesten Epochen der japanischen Geschichte. Eine Zeit, in der die politische Macht oft zersplittert und umkämpft war, die aber auch einen außergewöhnlichen Aufschwung an kulturellen Aktivitäten, sozialen Veränderungen und künstlerischer Blüte erlebte. Wie in einer dissonanten Polyphonie überlagerten sich militärische, spirituelle, wirtschaftliche und künstlerische Komponenten prallten aufeinander und verschmolzen schließlich zu einer Periode, die institutionell ebenso instabil wie intellektuell und ästhetisch strahlend war. In dem Versuch, ein fast unmögliches politisches Gleichgewicht herzustellen, suchte das Muromachi-Bakufu ein ambivalentes Bündnis mit dem Kaiserhof. Die Macht der Ashikaga war jedoch von Anfang an fragil und dezentralisiert. Das Bakufu konnte sich nie als absolute, gute Autorität durchsetzen, sondern musste ständig mit einer im Niedergang begriffenen Aristokratie, dem militarisierten buddhistischen Klerus
0:48:41und einer aufstrebenden Klasse von Provinzfürsten, den Daimyo, verhandeln, welche Japan bald in ein Mosaik autonomer Herrschaftsgebiete verwandeln sollten. Der Höhepunkt der Zentralisierung wurde unter Ashikaga Yoshimitsu 1358-1408 erreicht. Einer charismatischen Persönlichkeit und Förderer der Künste, dem es gelang zumindest vorübergehend, den Bruch zwischen den Höfen des Nordens und des Südens zu kitten und diplomatische Beziehungen zum Kina der Ming-Dynastie aufzubauen. Doch bereits im 15. Jahrhundert begann die Macht des Shogunats zu bröckeln, überwältigt von der wachsenden Auflehnung der Daimyo, die in dem bereits erwähnten Onin-Krieg gipfelte. Die Muromachi-Zeit war jedoch auch eine Zeit tiefgreifender sozialer Veränderungen. Die strenge Schichtung der Heian-Zeit mit der Vorherrschaft der Hofadel wurde zunehmend zugunsten der nun dominierenden Militärklasse ausgehöhlt. Innerhalb der Kriegerklasse selbst kam es jedoch zu einer zunehmenden vertikalen Mobilität.
0:50:05Unteroffiziere, Söldner und sogar bewaffnete Bauern, die Iki, wurden zu Protagonisten der lokalen Politik. Die städtische Welt erlebte ein lahmsames, aber stetiges Wachstum. Städte wie Kyoto, Sakai und Hakata wurden zu lebhaften Handels- und Kulturzentren, die durch den Binnenhandel und die Außenbeziehungen zu China und zu den Königreichen Südostasiens blühten. Es entwickelte sich ein merkantiler Protokapitalismus, in dem neue soziale Gruppen, die städtische Bourgeoisie, Chonin genannt, unternehmerisch tätige Mönche und spezialisierte Handwerker, zunehmend an wirtschaftlicher und kultureller Bedeutung gewannen. Paradoxerweise war es gerade in diesem Umfeld politischer Instabilität, dass eine der Blütezeiten der japanischen Kunst und des japanischen Denkens begann. Die Ästhetik der Muromachi-Zeit ist, wie bereits erwähnt, geprägt von einer ständigen Spannung zwischen Gelassenheit und Verfallen, zwischen Vergänglichkeit und Stille,
0:51:31zwischen kriegerischer Macht und spiritueller Kontemplation. Das Zehendenken, das vom Bakufu und den großen Klöstern, wie Myoshinji und Daitoku-ji aufgenommen und gefördert wurden, wurde zur dominierenden spirituellen Matrix Japans. Sein Ethos schlug sich in essentiellen künstlerischen Formen, in zurückgehaltenen Gesten und in einer puristischen, introspektiven Schönheit nieder. Die Zehenspiritualität setzte sich nicht als Doktrin, sondern als Lebenspraxis in der Tee-Zeremonie, in der Malerei, in der Gartengestaltung. Die bildende Kunst fand einen ihrer Höhepunkte in den monochromen Tuschmalereien, die von der chinesischen Tradition beeinflusst, aber mit japanischer Tiefe neu interpretiert wurden. Meister wie Tensho Shubun und Sesshu Toijo verwandelten Außenlandschaften in innere Meditationsräume. Auch die Poesie, insbesondere die Renga, sprich die Kettengedichte, wurde zu einer kollektiven und raffinierten Form des spirituellen Ausdrucks,
0:53:05in der die Stille zwischen den Versen ebenso wichtig war wie die Worte selbst. Das Noh-Theater, das von Zeami Motokikyo kodifiziert wurde, war die Sublimierung der Muromachi-Ästhetik. In der subtilen Stille der leeren Bühne, während die Zeit still zu stehen scheint und die Gesten sich zu Ritualen verdichten, nimmt das Noh-Theater Gestalt an, einer der höchsten und metaphysischen Ausdruckformen der japanischen Kultur. Noh ist nicht einfach Theater. Es ist Ritual. Es ist Meditation. Verkörperter Traum, in dem Wort, Tanz und Musik zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen, das nicht die Realität darstellen, sondern sie transzendieren will. Das Noh-Theater entstand aus einem Verfeinerungsprozess bereits bestehender Theaterformen, insbesondere des Sarugaku, einer Volksaufführung, die Pantomime, Gesang und Jonglage miteinander verband. Unter dem Einfluss des Zen-Gedankenguts
0:54:26und der Schirmherrschaft der Ashikaga verwandelte sich das Noh jedoch langsam in eine elitäre, maßvolle, disziplinierte und introspektive Kunstform. Das Genie von Zeami, Schauspieler, Dichter und Theoretiker, bestand darin, das Noh zur Sprache des Unsichtbaren zu erheben. In seinen Abhandlungen wie den berühmten Fushi Kaden, sprich die Weitergabe der Blüte, behauptete er, dass wahre Kunst nicht die ist, die beeindruckt, sondern jene, die andeutet. Das Publikum soll nicht alles sehen, sondern ahnen. Es geht nicht um Wahrhaftigkeit, sondern um Tiefe. Dieser Gedanke gipfelt in der Idee des Yugen, einer verschleierten, geheimnisvollen Schönheit, die sich hinter dem Schatten einer Geste, in der Spannung einer Melodie, in der Stille zwischen zwei Worten verbirgt. Ein Noh-Drama entwickelt sich nach einer streng kodifizierten Struktur.
0:55:40Die Bühne ist kahl, schlicht, aus hellem Holz, mit nur einem einzigen festen Bühnenelement. Einem Kiefernbild an der Rückwand. Symbol für Ewigkeit und Kommunikation zwischen den Welten. Es gibt keinen Szenenwechsel, es ist der tanzende Körper, die singende Stimme, der Gesang, der Raum, welcher eine dramatische Zeit erschafft. Die Schauspieler tragen stilisierte, raffinierte Masken, Nomen genannt, die nicht verbergen, sondern offenbaren. Ihre Unbeweglichkeit zwingt den Schauspieler, durch minimale Kopf- und Körperbewegungen zu kommunizieren. Das Schauspiel ist eine Verflechtung von gesprochenem Wort, Kotoba genannt, und Gesang, Utai genannt, begleitet von einem Musikensemble, Hayashi genannt, und einem Chor, Jyutai genannt, der das Erleben des Protagonisten erzählt, und reflektiert. Die Handlungen sind selten langsam und symbolträchtig. Jeder Schritt folgt einem alten Rhythmus. Jede Geste ist rituell.
0:57:03Die Zeit im No ist nicht chronologisch, sondern psychologisch, traumhaft, fähig, lebende und tote Traum und Erinnerung, Gegenwart und Vergangenheit, miteinander in Dialog zu bringen. Die Handlungen des No sind oft einfach, aber voller spiritueller Schichten. Der Protagonist, oft ein Schatten, ein unruhiger Geist, eine Figur aus der Vergangenheit, kehrt in die Welt der Lebenden zurück, um seine Geschichte zu erzählen, seinen Schmerz auszudrücken, um ein Gebet zu bitten. Es ist ein Theater der Verwandlung, in dem das Drama nicht in der Handlung liegt, sondern in der Offenbarung des Seins. Die Themen reichen von Mythos bis Chronik, von Poesie bis Religion. Ein im Kampf gefallener Samurai, eine verlassene Frau, ein Mönch auf Reisen. Jede Figur wird zum universellen Symbol, zum Archetyp, zum Gesicht des Menschseins.
0:58:14Der Konflikt ist nicht äußerlich, sondern innerlich. Es gibt keine gewaltsame Katharsis, sondern stille Erlösung. Im Zentrum des No steht das Schlüsselkonzept der japanischen Ästhetik. Das schon angedeutete Yūgen, das man unvollkommen mit geheimnisvoller Tiefe oder verhüllter Anmut übersetzen könnte. Es ist die Schönheit, die sich nicht anbietet, sondern erahnen lässt. Es ist die Rührung, die aus dem Ungesagten, aus der unvollendeten Geste, aus der Schwebe entsteht. Zéami empfiehlt jede Übertriebene zur Schaustellung zu vermeiden. Der perfekte Schauspieler ist derjenige, der im Stück verschwindet. Der Emotionen wie einen dünnen Nebel, zwischen den Worten durchscheinen lässt. Das Publikum muss nicht alles verstehen, sondern etwas Größeres, Unfassbares spüren. No-Theater wird nicht angesehen, sondern kontemplativ betrachtet. Trotz seiner scheinbaren Undurchdringlichkeit für das moderne Publikum
0:59:48hat das No einen tiefen Eindruck in der japanischen und weltweiten Kultur hinterlassen. Es hat Schriftsteller, Dichter, Regisseure und sogar das experimentelle Theater im Abendland beeinflusst. Heute wird das No weiterhin traditionsgetreu aufgeführt, aber auch von neuen Autoren neu interpretiert. Seine Stärke liegt in seiner Fähigkeit zur Reduktion. In einer Zeit schneller Bilder und visueller Überflutung bietet es eine lahmsame Zuneigung. In dieser Zeit einen leeren Raum, einen Weg der Stille und introspektiver Konzentration.
1:00:36Weit davon isoliert zu sein, war das Muromachi-Japan stark für die Außenwelt geöffnet. Die Beziehung zum Ming-China war intensiv und wurde durch ein Tributsystem geregelt. Zehn Mönche fungierten als Diplomaten und Übersetzer und brachten Texte, Kunstwerke und philosophische Konzepte in ihre Heimat. Der Handel mit Korea und Südostasien brachte nicht nur Waren, sondern auch Ideen und technologische Innovationen. Die Muromachi-Zeit ist im tiefsten Sinne eine Epoche kreativer Spannung. Eine Zeit, in der der politische Zerfall das Bedürfnis nach ästhetischer Ordnung nicht bremste, sondern vielmehr beflügelte. Eine Epoche, in der die Instabilität der Außenwelt durch ein unbändiges Streben nach innerer Harmonie in Form, Gestik und Klang ausgeglichen wurde. In diesem Kontrast zwischen der Klinge des Katanas und dem Pinselstrich der Tusche
1:01:54schmiedete Japan seine tiefe kulturelle Identität. Eine Zivilisation, die in der Lage war, Zerbrechlichkeit in Stärke, Unsicherheit in Rituale und Krieg in Kunst zu verwandeln. An dieser Stelle wird sicherlich besser verständlich, dass es eine konzeptionelle Parallele gibt zwischen der Fähigkeit der Japaner während der Muromachi-Zeit, Zerbrechlichkeit in Stärke zu verwandeln und den philosophischen Prinzipien der Kampfkunst Judo. Auch wenn Judo als formale Disziplin erst Jahrhunderte später im Kontext der Meiji-Zeit entstand, hat sein Geist seine Wurzeln in viel älteren kulturellen und philosophischen Werken, die bereits in der Muromachi-Zeit und darüber hinaus gereift waren. Die Muromachi-Zeit ist somit nicht nur eine Übergangsphase, sondern einer der Höhepunkte des japanischen, ästhetischen und historischen Bewusstseins. Im Niedergang eines zersplitterten, feudalen Japans und im blühenden Morgengrauen seiner politischen Vereinigung
1:03:18ragt die kurze, aber glanzvolle Atsuchi-Momoyama-Zeit 1773 bis 1600 hervor. Benannt nach den beiden symbolträchtigen Bogen von Oda Nobunaga und Toyotomi Hideyoshi war dieser Übergang zwischen dem Chaos der Sengoku-Jidai und der Ordnung der Tokugawa weit mehr als nur eine politische Phase. Es war eine totale Revolution, eine Revolution der Schwerter und Visionen, der Institutionen und Künste, in der die Kriegerkultur zum Herrscher über das Schicksal Japans wurde. In einem kurzen, aber historisch dichten Zeitraum erlebte Japan das Ende der Bürgerkriege, die Entstehung eines neuen, zentralisierten Staatsmodells, die Öffnung gegenüber der westlichen Welt und eine außergewöhnliche künstlerische und kulturelle Blüte. Oft prunkvoll, manchmal übertrieben, wie eine letzte Explosion vor der langen Tokugawa-Ära der Gelassenheit. Auf historisch-politischer Ebene markiert die Atsuchi-Momoyama-Zeit
1:04:52die letzte Phase des langen und leidvollen Prozesses der nationalen Einigung, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begann. Drei außergewöhnliche Persönlichkeiten, Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und schließlich Tokugawa Ieyasu, waren die Protagonisten der politischen Neugrundung Japans. Oda Nobunaga, 1534 bis 1582 war ein visionärer und skrupelloser Mann. Er war der erste, der die Macht der großen, traditionellen Familien und bewaffneten Klöstern brach. Er reorganisierte die Gebiete, förderte den Handel und öffnete die Türen für das Christentum und westliche Technologien, wie Feuerwaffen und Architektur. Seine prächtige und revolutionäre Burg Atsuchi war ein architektonisches Manifest der neuen Ära. Sie war nicht nur eine Festung, sondern auch ein politisches Zentrum, ein Symbol für Prestige und Modernität. Toyotomi Hideyoshi, 1537 bis 1598 hingegen,
1:06:26stammte aus sehr einfachen Verhältnissen. Hideyoshi stand für den endgültigen Bruch mit der traditionellen aristokratischen Ordnung. Er konzentrierte die Macht, führte radikale Reformen durch wie Volkszählungen, die Entwaffnung der Bauern, die Registrierung der Samurai und die Kodifizierung der sozialen Hierarchie. Mit ihm wurde der Staat zu einer Struktur, und nicht mehr zu persönlichem Einfluss. Er versuchte, Japan als imperialistische Macht zu etablieren mit den Invasionen Koreas, 1592 bis 1598, die zwar scheiterten, aber symbolisch ehrgeizig waren. Schließlich Tokugawa Ieyasu, von 1543 bis 1616 hat er gelebt, hatte nach dem Tod von Hideyoshi den Verdienst, die neue Ordnung, mit dem Sieg bei Sekigahara, den wir schon angedeutet haben, um 1600 zu festigen, und damit den Grundstein für das Tokugawa Bakufu zu legen,
1:07:47das über zwei Jahrhunderte lang herrschen sollte. Mit ihm endete der von Nobunaga begonnene Zyklus, und Japan trat in eine Ära des streng regulierten Friedens ein. In soziologischer Hinsicht war die Azuki-Momoyama-Zeit ein entscheidender Wendepunkt. Die bis dahin mobile und turbulente japanische Gesellschaft wurde nach den Prinzipien der Stabilität und Kontrolle neu gestartet. Die Samurai wurden von den Bauern getrennt, und an die städtischen Burgen, den Burgzentren gebunden. Sie wurden zu Kriegsbeamten und waren nicht mehr nur wandernde Soldaten. Die Bauern hingegen wurden an das Land gebunden und entwaffnet. Ihre Funktion wurde rein wirtschaftlich und nicht mehr politisch. Es entstanden neue städtische Schichten, darunter Handwerker, Kaufleute und Hofkünstler, die mit dem Umland der Burgen verbunden waren. Die Burgstädte wurden schließlich zu Verwaltungs- und Kulturzentren
1:09:06und nahmen damit die zukünftige Tokugawa-Organisation vorweg. Es war eine Zeit der sozialen Vertikalisierung, aber auch der symbolischen Mobilität. Hideyoshi selbst verkörperte die Möglichkeit des Aufstiegs durch politische Intelligenz und nicht durch seine Geburt. Die Kunst und Kultur dieser Zeit spiegelt den Zeitgeist wider, nämlich Macht, Theatralik zur Schaustellung, aber auch tiefe Spiritualität und ästhetische Spannen. Die japanische Burg, wie bereits erwähnt, erhielt eine neue Funktion und entwickelte sich von einer reinen Verteidigungsfestung zum Sitz der Macht und Schaufenster des Mäzenentums. Die Burgen von Azushi, Osaka und Fushimi Momoyama sind Meisterwerke der Ingenieurskunst und der symbolischen Kunst. In dieser Zeit entwickelten sich Malerschulen von Kanon, die große Tafeln für Schiebetüren, Fusuma genannt, und Wandschirme, Byōbu genannt, mit goldenen Landschaften, Tigern, Blumen und stürmischen Himmeln bemalten.
1:10:31Gold und Silber eroberten die Malerei und waren ein plastischer Beweis für eine Kunst der Herrschaft und nicht für jene des Verzichts. In dieser Zeit blühten raffinierte Lackarbeiten, zeremonielle Gegenstände und prächtige Rüstungen auf. Es war der Beginn des Sammelns von wertvoller Keramik, die oft importiert wurde, vor allem aus China natürlich. Der Momoyama-Stil war opulent, dynamisch und dramatisch. Die Epoche sah eine beispiellose religiöse und kulturelle Öffnung gegenüber dem Westen. Jesuitenmissionare, darunter Francesco Saverio, erhielten Zugang zum Hof Nobunagas und später Kideoshis und verbreiteten das Christentum unter Samurai, Bauern und Kaufleute. In kurzer Zeit gab es hunderttausende von Konvertiten. Mit der Verschärfung des Autoritarismus wurde das Christentum jedoch zum Gegenstand des Misstrauens. Die Kideoshi und später die Tokugawa begannen eine lansame,
1:11:49aber unerbittliche Unterdrückung, die im 17. Jahrhundert zur vollständigen Abschottung des Landes, Sakoku genannt, führte. Die Azuki-Momoyama-Zeit ist eine Übergangszeit. Aber keine Zwischenzeit. Sie ist der dramatische Höhepunkt einer langen historischen Spannung. Ihre Schönheit liegt in der Geschwindigkeit des Wandels, in der als Kunst getarnten politischen Vision, in der bewussten Konstruktion einer neuen nationalen Identität. Es ist das Zeitalter der großen Burgen, der Kriegerdichter, der Mäzene und das Keten, in dem Kraft zur Ästhetik wird und Ästhetik zur Form der Macht. In diesem kurzen Aufblitzen zwischen zwei Epochen sah sich Japan in einem Glanz widergespiegelt, der nach Traum und Ende mundete. Und aus diesem Traum entstand Ordnung, zerbrechlich und grandios, wie jede wachhaftige Gründung. Das war die Geschichte Japans Teil 3.
1:13:04Vom Samurai zum Shogon. Präsentiert von der Akademie der Vernunft und Barouge. Wenn du uns unterstützen möchtest, abonniere den Kanal und hinterlasse uns ein Like. Wenn du Fragen oder Anmerkungen zum Inhalt hast, kannst du einen Kommentar hinterlassen. Wir versuchen alle Anfragen zu beantworten. Vielen Dank für deinen Besuch und bis zum nächsten Mal auf diesem Kanal.